Ich hasse dich, bitte verlass mich nicht

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Hannas Seele ist tausend Mal gebrochen. Nach außen tanzt und lacht sie, spielt die geschliffene Tochter, versucht sich einzureihen, in die makellosen Lebensläufe ihrer großen Geschwister. Doch die Fassade bröckelt und Hanna bricht regelmäßig ein. Denn was hat sie schon erreicht? Abitur, zwei abgebrochene Studiengänge, vier gescheiterte Beziehungen und seit Oktober nun auch eine Antwort auf ihr Dilemma. Diagnose: Borderline.

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Wenn Ken, braun gebrannt, Sixpack, körperbetonendes schwarzes T-Shirt, Glücksbärchen-Lächeln auf den Lippen und Grübchen in den Wangen, heute an Hannas Tür klopfen würde; dann würde sie die Tür kurz öffnen, doch im selben Moment wieder zuschlagen. Denn was Hanna will und braucht, das kann Ken ihr nicht geben. Hanna will kein Glücksbärchen und auch keinen Sixpack, keine Grübchen im Gesicht, kein Lächeln. Hanna braucht die zweite Hälfte, die ihre gebrochene Seele wieder ganz macht. Hanna sucht jemanden zum Streiten und Weinen, zum Anfauchen und Kreischen, genauso wie zum Schluchzen und Kuscheln. Einen, der bleibt, obwohl sie will, dass er geht. Einen, der sie erträgt und sie gerade deshalb liebt.

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Hanna hat zugelegt. 20 Kilogramm. Als ich sie kennenlernte, im August, waren ihre Wangen knochiger, ihre Hände zarter, ihre kristallblauen Glubschaugen größer. Aber sie gefällt mir. Sie lacht, singt zu unseren Songs von Prinz Pi und bekocht mich. In ihrem 1,40 Meter breiten IKEA-Bett machen wir es uns zwischen Lichterketten, Kuscheldecken, Himbeeren, Nachos und amerikanischer Erdnussbutter gemütlich. Als Hanna ihren grauen LMU-Hoodie hochkrempelt, erinnere ich mich, warum ich eigentlich bei ihr bin. Ich sehe sie wieder, die kleinen, feinen Striche auf ihrem linken Oberarm, fast wie eine Zeichnung. Die frischen Schnitte sind röter als die anderen. Ich will wegsehen, doch kann nicht, es fasziniert mich auf eine seltsame Art und Weise. Hanna zückt ihre Lieblingsklinge von Wilkinson und demonstriert mir, wie sie sich schneidet. Ganz leise, man hört es kaum, kullert jetzt das Blut. Sie gleichen winzigen Wassertropfen. Schneewittchenapfelrote Tropfen, so groß wie eine vollgesaugte Zecke. Wie Tropfen, die sich auf dem Blatt eines Frauenmantels sammeln, nachdem ein frischer Sommerregen die Natur aufatmen lässt. Für Hanna Routine. Für mich ein Schock, den ich erst noch verdauen muss.

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Hanna schneidet sich, weil sie etwas spüren muss. Wenn alle anderen Reize versagen, bleibt ihr nur noch die Klinge. In der Klinik hat sie sich einige Skills angeeignet, um der Selbstverletzung zu entkommen. In einer mit rot-weißen Rosen bedruckten Stofftasche bewahrt sie ihre kleinen Helfer auf: Finalgon-Salbe, die ihre Haut zum Glühen bringt, Ammoniak-Kapseln für Notfälle und Panikattacken in der Öffentlichkeit, blaue Knete für die Unruhe, einen silbernen Metallball mit spitzen Stacheln, eingewickelt in einer grauen Socke, sowie eine Rolle Verband für die Wunden auf der Haut. Auch ein Gefühlsprotokoll, in dem Hanna ihre Gedanken und ihr Verhalten reflektiert, liegt in der Tasche. Darin kann sie die aktuelle Spannung und Stärke eines Gefühls festhalten. Liegt der Pegel über 70, gilt es die gelernten Stresstoleranzskills anzuwenden. Ebenso ihre gefühlsmäßige Verwundbarkeit kann sie dort einschätzen.

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Hanna kichert und gibt zu: „Das mache ich viel zu selten, ich vergesse es immer.“ In einem blauen Ordner hebt sie alle Unterlagen auf, die sie bei der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) in der Klinik bekommen hat. Von Juli bis Oktober, vier ganze Monate lang war Hanna Patientin in der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie in München. Dass es soweit gekommen ist, daran hat mitunter Hannas Exfreund Tarik Schuld. Es war ein heißer Sonntag, ihr Jahrestag, an dem alles begann. Den 30. Juni 2019 wird Hanna nie aus ihrem Gedächtnis löschen können. Damals noch 24 Jahre alt, radelte sie in ihrem Lieblingskleid, das blaue Kurze mit den Gänseblümchen drauf, zum vereinbarten Treffpunkt an der Wittelsbacher Brücke, zur Isar. Hannas blonde Haare klebten an ihrem Hals, ihr war warm, so warm, dass auch ihr Puls stieg und ihr Herz schneller schlug. Doch nicht wegen der Sonne oder dem Wetter. Es war alles wegen Tariks Worten, die wie Gift in Hannas Herz und Kopf wirkten. „Ich denke, dass es so keinen Sinn mehr macht“ – nicht mehr, nicht weniger, brauchte es aus Tariks Mund, und Hanna wurde taubstumm und blind zugleich. Ihr wurde schwummrig, die Panikattacke ruderte auf sie zu und überfiel sie wie eine Tsunamiwelle der Gefühle. Zuerst war da die Angst, erneut zurückgewiesen zu werden. ‚Das ist doch kein Grund sich zu trennen, oder?‘, dachte Hanna sich, doch brachte keinen Mucks mehr aus sich raus. Dann die Panik: Hanna hyperventiliert, schnappatmet, wird rot am ganzen Körper, ihr Herz rast wieder, ihr wird heiß, Puls und Blutdruck sind viel zu hoch. Sie presst ihre spitzen Fingernägel in ihrem linken Unterarm, um den inneren Druck auszugleichen. Ihre blauen Augen füllen sich mit Tränen, die bald über ihr Gesicht huschen und sich auf dem Kleid verteilen. „Er hat das so beiläufig gesagt, als wäre es ein ganz normales Gespräch und wollte dann gehen, einfach abhauen, doch ich hab ihn nicht gehen lassen“, erinnert sie sich. „Drei, vier Stunden saßen wir da, einfach so.“

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Hanna wollte an diesem Tag nicht mehr leben. Irgendwann fand sie ihre Stimme wieder und schrie. So laut, dass die Menschen auf der Straße sich nach ihr umblickten und fragten, ob alles in Ordnung sei. Tarik rief schließlich Nina, Hannas Schwester, an und übergab seine ehemalige Freundin wie ein Päckchen an sie. Ein Päckchen voller Elend, Kummer und Wunden. „In dem Moment habe ich mich gefühlt, als hinge ich an einem Abgrund, an denen ich mich nur noch mit beiden Händen festhalten konnte. Doch dann kommt Tarik und tritt auf meine Hände“, erzählt Hanna, ihre blauen Augen auf die weiße Wand ihres teuren Münchner WG-Zimmers gerichtet. Ich bin erstaunt, wie reflektiert sie bereits jetzt über diesen Tag sprechen kann, mir würde das deutlich schwerer fallen.

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„Haaaatschie!“, schnieft Hanna: „Boah, ich hasse diesen Schnupfen, regt mich das auf.“ Sie zerknüllt ihr knittriges Taschentuch und wirft es treffsicher in die andere Ecke ihres Zimmers in den Plastikpapierkorb. In Hannas zwölf Quadratmeter passt gerade so alles hinein, was sie zum Leben braucht, und zwar alles in weiß: Ihr ausziehbares Bett, ein großer Schrank, eine Kommode, ein Schreibtisch, Spiegel, Kleiderhaken, ein Nachttisch und ein Teppich. Die Möbel kenne ich alle aus dem IKEA-Katalog, manche davon besitze ich selbst auch. Doch Hanna ist kein Standard-IKEA-Mädchen, auch wenn es von außen so aussehen mag. Hanna ist anders, außergewöhnlich, irgendwie seltsam und doch liebenswert. Die Bilder und Fotografien über ihrem Bett verraten so viel mehr über sie. Wissen, welches die Möbel nicht liefern können. Dass sie eine Primaballerina im Geige-Spielen ist etwa. Oder dass sie ein 200-Mann-großes Orchester leitet. Dass sie beinahe Biologin geworden wäre, wenn dieser widerliche Professor sie nicht versucht hätte, zu vergewaltigen. Danach verließ Hanna ihre alte Stadt und zog nach München. Neuanfang. Sonderschulpädagogik sollte es nun werden. Doch auch hier schmiss sie nach fünf vollen Semestern das Tuch. „Am liebsten würde ich jetzt in die Pflege gehen und anderen psychisch kranken Menschen helfen, so wie mir geholfen wurde“, träumt Hanna vor sich hin, während sie die nächste Nacho zwischen ihre schmalen Lippen schiebt. Sie kichert wieder, ihre Kulleraugen leuchten. Und mein Herz wird warm, wenn ich sie so sehe. Denn für diesen winzigen Moment scheint alles perfekt und in Ordnung zu sein. Diese kleinen Momente gehören uns. Keiner Uni, keinem Exfreund, keiner Zukunft. Nur uns.

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Zieh in eine WG haben sie gesagt.

Wie es ist allein zu leben VS. in einer WG zu wohnen

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Endlich! Eigene Wohnung, eigenes Heim, eigene vier Wände. Ich habe es geschafft. Ihr hättet mein Gesicht mal sehen sollen, als ich endlich mein eigenes, neues Geschirr in die Schränke einräumen durfte und meine neuen Töpfe zum Ersten Mal ausprobieren durfte. Dieses Gefühl! Letzte Woche sind dann auch endlich noch meine Möbel gekommen – ein Traum. Ja, es duftet alles so schön neu… Endlich nach Hause kommen und alles für mich haben dürfen, fünf Tage nicht abspülen müssen und die einzige Person, mit der ich es ausmachen muss, bin ich! Das fühlt sich so verdammt gut und befriedigend an. Ich kann unter Menschen gehen, wenn mir danach ist, und allein zuhause für mich bleiben, wenn mir nicht danach ist. Und ich bin so dankbar dafür. Ich habe auch bereits die andere Seite kennen gelernt und kurze Zeit in einer WG gelebt. Das hat auch seine Vorteile, keine Frage! Doch momentan, muss ich zugeben, bin ich ein Fan des Alleine-Wohnens. Allein schon, weil ich jetzt, mit 23 Jahren, endlich einmal Abstand von zuhause und meinen Eltern gewinnen kann. Irgendwann fällt einem dann zuhause doch mal die Decke auf den Kopf.

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In einer WG habe ich mit drei weiteren Personen gelebt. Wir hatten ein ganzes Haus für uns: Mit Treppe nach oben zu den ersten beiden großen Zimmern, viel Licht, einer Küche mit Ofen und großem, neuen Kühlschrank, einem Badezimmer mit Wanne und Waschmaschine sowie einem Balkon. Oben gab es zusätzlich einen Wintergarten, eine weitere Toilette sowie die zwei weiteren Zimmer, ebenfalls groß und hell. In der WG haben wir Mädels oft zusammen am Abend gekocht, geratscht und Tee bis in die späten Stunden getrunken, das war sehr schön. Immer wenn ich von der Uni nach Hause gekommen bin, war jemand da, mit dem man sich unterhalten konnte, ein dankbarer Zuhörer, bei dem man sich seine Sorgen und Ängste von der Seele reden konnte. Wir hatten einen Putzplan, an dem ich mich so semi-gut gehalten habe und eine gute Atmosphäre in der WG. Meine Mitbewohner waren für mich da, wenn ich sie gebraucht habe und ich habe mein Bestes versucht, es umgekehrt für sie zu sein. Wir haben manchmal sogar zusammen eingekauft, sind gemeinsam zur Uni gegangen und und und … wir waren schon ein gutes Team! Leider war meine WG nur zur Zwischenmiete, deswegen musste ich mich zum zweiten Semester nach einer neuen Wohnung umsehen. Das ging sogar recht schnell, ich bin dann in eine Ein-Zimmer-Wohnung ins Studentenwohnheim in der Nähe des Bahnhofs gezogen und fühle mich sehr wohl dort. Ein paar Nachbarn habe ich bereits kennengelernt, aus denen jetzt schon gute Freunde geworden sind. Ansonsten ist die Studentenanlage recht anonym. Zudem habe ich im Studentenwohnheim eigentlich eine riesige WG für mich: Wenn ich Menschen treffen möchte, klopfe ich einfach an der Tür meines Nachbarn und frage, ob wir zusammen eine rauchen. Sofort sind wir vertieft in einem anregenden Gespräch. Oder ich setze mich wie so oft vor meine eigene Haustür und rauche ein paar Zigaretten, höre Musik und ständig laufen Nachbarn vorbei, wobei sich auch viele nette Smalltalks ergeben. Es ist so einfach!

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Also abschließendes Fazit: WG wie eigene Wohnung hat seine Vorteile, es kommt ganz darauf an, welcher Typ man ist. Lieber für sich und zurückgezogen oder gerne unter Menschen? Sauber und penibel oder so, dass man auch mal ein Auge zudrücken kann? Das müsst ihr für euch entscheiden.

5 Tipps für den Einzug ins neue Heim:

  1. Zieht nie allein um! Auch wenn ihr denkt, ihr schafft das schon mit den IKEA Möbeln, einfach nein. Es geht nicht allein. Schnappt euch eure Nachbarn, Freunde und Familie und dann los!
  2. Behaltet immer die Anleitung sowie die Schrauben im Auge, das ist seeeeeehr wichtig!
  3. Gläser und Geschirr behutsam transportieren, am besten in Stoff oder Papier einwickeln.
  4. Baut in Etappen auf und teilt euch eure Kräfte gut ein, lieber Pausen machen dazwischen.
  5. Gönnt euch, wenn alles vollbracht ist, ein gutes, altes Feierabendbier, das habt ihr euch jetzt wirklich verdient!

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Vorzüge des Alleine-Wohnens:

  • Man hat seine Ruhe und ist für sich
  • Man kann abspülen und putzen, wann man will
  • Man kann unter Leute, wann man will
  • Man kann Musik machen, wann man will
  • Man kann Leute einladen, wann man will

Gründe für das WG-Leben:

  • Man ist nie allein
  • Man hat meistens jemanden zum Reden
  • Man muss nicht alles allein putzen
  • Man kann zusammen kochen und einkaufen
  • Man lernt schnell neue Leute kennen

Contras des Alleine-Wohnens:

  • Man ist oft allein
  • Man muss alles allein putzen
  • Man muss selbst kochen und einkaufen
  • Man vereinsamt und isoliert sich schnell
  • Man findet nicht so schnell Freunde

Negative Aspekte des WG-Lebens:

  • Man muss sich an einen Putzplan halten
  • Man muss den Dreck oder die Sauberkeit der anderen aushalten
  • Man muss eventuell warten, um ins Badezimmer gehen zu können
  • Man wird oft von anderen gestört und aufgehalten
  • Man hat seltener seine Ruhe

 

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