Ich hasse dich, bitte verlass mich nicht

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Hannas Seele ist tausend Mal gebrochen. Nach außen tanzt und lacht sie, spielt die geschliffene Tochter, versucht sich einzureihen, in die makellosen Lebensläufe ihrer großen Geschwister. Doch die Fassade bröckelt und Hanna bricht regelmäßig ein. Denn was hat sie schon erreicht? Abitur, zwei abgebrochene Studiengänge, vier gescheiterte Beziehungen und seit Oktober nun auch eine Antwort auf ihr Dilemma. Diagnose: Borderline.

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Wenn Ken, braun gebrannt, Sixpack, körperbetonendes schwarzes T-Shirt, Glücksbärchen-Lächeln auf den Lippen und Grübchen in den Wangen, heute an Hannas Tür klopfen würde; dann würde sie die Tür kurz öffnen, doch im selben Moment wieder zuschlagen. Denn was Hanna will und braucht, das kann Ken ihr nicht geben. Hanna will kein Glücksbärchen und auch keinen Sixpack, keine Grübchen im Gesicht, kein Lächeln. Hanna braucht die zweite Hälfte, die ihre gebrochene Seele wieder ganz macht. Hanna sucht jemanden zum Streiten und Weinen, zum Anfauchen und Kreischen, genauso wie zum Schluchzen und Kuscheln. Einen, der bleibt, obwohl sie will, dass er geht. Einen, der sie erträgt und sie gerade deshalb liebt.

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Hanna hat zugelegt. 20 Kilogramm. Als ich sie kennenlernte, im August, waren ihre Wangen knochiger, ihre Hände zarter, ihre kristallblauen Glubschaugen größer. Aber sie gefällt mir. Sie lacht, singt zu unseren Songs von Prinz Pi und bekocht mich. In ihrem 1,40 Meter breiten IKEA-Bett machen wir es uns zwischen Lichterketten, Kuscheldecken, Himbeeren, Nachos und amerikanischer Erdnussbutter gemütlich. Als Hanna ihren grauen LMU-Hoodie hochkrempelt, erinnere ich mich, warum ich eigentlich bei ihr bin. Ich sehe sie wieder, die kleinen, feinen Striche auf ihrem linken Oberarm, fast wie eine Zeichnung. Die frischen Schnitte sind röter als die anderen. Ich will wegsehen, doch kann nicht, es fasziniert mich auf eine seltsame Art und Weise. Hanna zückt ihre Lieblingsklinge von Wilkinson und demonstriert mir, wie sie sich schneidet. Ganz leise, man hört es kaum, kullert jetzt das Blut. Sie gleichen winzigen Wassertropfen. Schneewittchenapfelrote Tropfen, so groß wie eine vollgesaugte Zecke. Wie Tropfen, die sich auf dem Blatt eines Frauenmantels sammeln, nachdem ein frischer Sommerregen die Natur aufatmen lässt. Für Hanna Routine. Für mich ein Schock, den ich erst noch verdauen muss.

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Hanna schneidet sich, weil sie etwas spüren muss. Wenn alle anderen Reize versagen, bleibt ihr nur noch die Klinge. In der Klinik hat sie sich einige Skills angeeignet, um der Selbstverletzung zu entkommen. In einer mit rot-weißen Rosen bedruckten Stofftasche bewahrt sie ihre kleinen Helfer auf: Finalgon-Salbe, die ihre Haut zum Glühen bringt, Ammoniak-Kapseln für Notfälle und Panikattacken in der Öffentlichkeit, blaue Knete für die Unruhe, einen silbernen Metallball mit spitzen Stacheln, eingewickelt in einer grauen Socke, sowie eine Rolle Verband für die Wunden auf der Haut. Auch ein Gefühlsprotokoll, in dem Hanna ihre Gedanken und ihr Verhalten reflektiert, liegt in der Tasche. Darin kann sie die aktuelle Spannung und Stärke eines Gefühls festhalten. Liegt der Pegel über 70, gilt es die gelernten Stresstoleranzskills anzuwenden. Ebenso ihre gefühlsmäßige Verwundbarkeit kann sie dort einschätzen.

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Hanna kichert und gibt zu: „Das mache ich viel zu selten, ich vergesse es immer.“ In einem blauen Ordner hebt sie alle Unterlagen auf, die sie bei der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) in der Klinik bekommen hat. Von Juli bis Oktober, vier ganze Monate lang war Hanna Patientin in der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie in München. Dass es soweit gekommen ist, daran hat mitunter Hannas Exfreund Tarik Schuld. Es war ein heißer Sonntag, ihr Jahrestag, an dem alles begann. Den 30. Juni 2019 wird Hanna nie aus ihrem Gedächtnis löschen können. Damals noch 24 Jahre alt, radelte sie in ihrem Lieblingskleid, das blaue Kurze mit den Gänseblümchen drauf, zum vereinbarten Treffpunkt an der Wittelsbacher Brücke, zur Isar. Hannas blonde Haare klebten an ihrem Hals, ihr war warm, so warm, dass auch ihr Puls stieg und ihr Herz schneller schlug. Doch nicht wegen der Sonne oder dem Wetter. Es war alles wegen Tariks Worten, die wie Gift in Hannas Herz und Kopf wirkten. „Ich denke, dass es so keinen Sinn mehr macht“ – nicht mehr, nicht weniger, brauchte es aus Tariks Mund, und Hanna wurde taubstumm und blind zugleich. Ihr wurde schwummrig, die Panikattacke ruderte auf sie zu und überfiel sie wie eine Tsunamiwelle der Gefühle. Zuerst war da die Angst, erneut zurückgewiesen zu werden. ‚Das ist doch kein Grund sich zu trennen, oder?‘, dachte Hanna sich, doch brachte keinen Mucks mehr aus sich raus. Dann die Panik: Hanna hyperventiliert, schnappatmet, wird rot am ganzen Körper, ihr Herz rast wieder, ihr wird heiß, Puls und Blutdruck sind viel zu hoch. Sie presst ihre spitzen Fingernägel in ihrem linken Unterarm, um den inneren Druck auszugleichen. Ihre blauen Augen füllen sich mit Tränen, die bald über ihr Gesicht huschen und sich auf dem Kleid verteilen. „Er hat das so beiläufig gesagt, als wäre es ein ganz normales Gespräch und wollte dann gehen, einfach abhauen, doch ich hab ihn nicht gehen lassen“, erinnert sie sich. „Drei, vier Stunden saßen wir da, einfach so.“

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Hanna wollte an diesem Tag nicht mehr leben. Irgendwann fand sie ihre Stimme wieder und schrie. So laut, dass die Menschen auf der Straße sich nach ihr umblickten und fragten, ob alles in Ordnung sei. Tarik rief schließlich Nina, Hannas Schwester, an und übergab seine ehemalige Freundin wie ein Päckchen an sie. Ein Päckchen voller Elend, Kummer und Wunden. „In dem Moment habe ich mich gefühlt, als hinge ich an einem Abgrund, an denen ich mich nur noch mit beiden Händen festhalten konnte. Doch dann kommt Tarik und tritt auf meine Hände“, erzählt Hanna, ihre blauen Augen auf die weiße Wand ihres teuren Münchner WG-Zimmers gerichtet. Ich bin erstaunt, wie reflektiert sie bereits jetzt über diesen Tag sprechen kann, mir würde das deutlich schwerer fallen.

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„Haaaatschie!“, schnieft Hanna: „Boah, ich hasse diesen Schnupfen, regt mich das auf.“ Sie zerknüllt ihr knittriges Taschentuch und wirft es treffsicher in die andere Ecke ihres Zimmers in den Plastikpapierkorb. In Hannas zwölf Quadratmeter passt gerade so alles hinein, was sie zum Leben braucht, und zwar alles in weiß: Ihr ausziehbares Bett, ein großer Schrank, eine Kommode, ein Schreibtisch, Spiegel, Kleiderhaken, ein Nachttisch und ein Teppich. Die Möbel kenne ich alle aus dem IKEA-Katalog, manche davon besitze ich selbst auch. Doch Hanna ist kein Standard-IKEA-Mädchen, auch wenn es von außen so aussehen mag. Hanna ist anders, außergewöhnlich, irgendwie seltsam und doch liebenswert. Die Bilder und Fotografien über ihrem Bett verraten so viel mehr über sie. Wissen, welches die Möbel nicht liefern können. Dass sie eine Primaballerina im Geige-Spielen ist etwa. Oder dass sie ein 200-Mann-großes Orchester leitet. Dass sie beinahe Biologin geworden wäre, wenn dieser widerliche Professor sie nicht versucht hätte, zu vergewaltigen. Danach verließ Hanna ihre alte Stadt und zog nach München. Neuanfang. Sonderschulpädagogik sollte es nun werden. Doch auch hier schmiss sie nach fünf vollen Semestern das Tuch. „Am liebsten würde ich jetzt in die Pflege gehen und anderen psychisch kranken Menschen helfen, so wie mir geholfen wurde“, träumt Hanna vor sich hin, während sie die nächste Nacho zwischen ihre schmalen Lippen schiebt. Sie kichert wieder, ihre Kulleraugen leuchten. Und mein Herz wird warm, wenn ich sie so sehe. Denn für diesen winzigen Moment scheint alles perfekt und in Ordnung zu sein. Diese kleinen Momente gehören uns. Keiner Uni, keinem Exfreund, keiner Zukunft. Nur uns.

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Lonesome Cowboys – 3 Tipps gegen den Corona-Blues

Das Wohnzimmer: die weite Steppe. Ganz schön einsam hier. Komm, wir streicheln die Seele.

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Dass der Bäcker-Besuch zum Highlight wird und der reine Gedanke an ein Eis in der Frühlingssonne Fernweh auslöst, hätten wir vor Corona wohl keinem geglaubt. Shit happens – jetzt müssen wir damit umgehen. Gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen eine echte Herausforderung.

Wenn deine Seele kuscheln will, dann streichel sie mit diesen Tipps:

Socia Media Detox

Eine wahre Challange, aber wichtig, um auch mal abschalten zu können: Social Media Pausen. Eine Stunde am Abend, in der ihr bewusst das Handy weglegt. Lesen, Tagebuch schreiben, Kirtzeln, das Zimmer umstellen, einen Podcast hören – was du machst, ist egal – Hauptsache, du machst es ohne dein Smartphone. Damit das auch wirklich klappt, stelle es auf den Flugmodus und leg es in eine Schublade. Wenn du dich selbst challengen willst, kannst du deine Handy freie Dosis täglich erhöhen – wie lange hälst du es aus?

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Sprich mit deinen Liebsten

Klar, eine echte Umarmung ist schöner als ein verpixeltes Winken. Aber in Zeiten von Social Distancing sind Skype, Houseparty und Telefonate wahre Retter. Nach Gesprächen mit deinen Liebsten dürftest du feststellen: Wir sind zusammen allein. Ist kacke. Aber da draußen verpasst man rein garnichts. Und Distanz schafft manchmal Nähe. Vielleicht hast du lange Zeit Treffen vor dir hergeschoben – und beobachtest jetzt, dass du mit diesen Menschen tiefe Gespräche am Telefon führst. Sich treffen war in dem Sinn noch nie so einfach.

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Corona geht vorbei – mache Pläne für die Zeit danach.

Es gibt ein Leben nach Social Distancing und Ausgangssperren. Irgendwann gehen die Schule, Uni oder Arbeit ja wieder normal weiter und dann willst du vorbereitet sein. Oder die Krise gibt dir Aufwind für ein neues Abenteuer? Was auch immer: Schmiede Pläne, die dich glücklich machen. Das geht auch von zuhause. Alles auf Anfang – nach Corona weißt du viele Dinge noch mehr zu schätzen – wie ein einfaches Eis in der Frühjahrssonne.

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Einen sehr ermutigenden Text über die Zeit nach Corona liest du hier.

Alle Bilder: Unsplash. Text: Laura Schindler für Zeitjung.de

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30 celebrities with bipolar disorder

You thought you’re alone? The only one with these crazy mood swings? No, let me calm you down. Today morning I woke up with this idea: I’ll go and google all celebrities I know and like who are affected with bipolar disorder. Here are my personal VIPs.

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1. Prinz Pi (Friedrich Kautz – german rapper).

2. Kurt Cobain (singer/songwriter for Nirvana).

3. Vincent Van Gogh (dutch painter).

4. Jimi Hendrix (american legend).

5. Dolores O’Riordan (lead singer of The Cranberries).

6. Kanye West (american rapper).

7. Ernest Hemingway (american author).

8. Yo Yo Honey Singh (indian multi talent).

9. Amy Winehouse (british heroine).

10. Winston Churchill (former british prime minister).

11. Sia Furler (australian singer/songwriter).

12. Charlie Sheen (american actor).

13. Britney Spears (american singer).

14. Robert Schumann (german musician).

15. Lily Allen (british singer).

16. Sting (singer, The Police).

17. Pete Wentz (Fall Out Boy).

18. Marilyn Monroe (american hollywood star).

19. Sinéad O’Connor (irish musician).

20. Russel Brand (british multi talent).

21. Frank Sinatra (american singer/entertainer).

22. Mel Gibson (american actor).

23. Edvard Munch (norwegian painter).

24. Demi Lovato (american singer).

25. Mariah Carey (american singer).

26. Carrie Fisher (american actrice).

27. Catherine Zeta-Jones (british actrice).

28. Chris Brown (american singer).

29. Ben Stiller (american actor).

30. Halsey (american singer).

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Coming Out – wie ich lernte mit meiner Depression zu leben

Quelle: Yuris Alhumaydy (Unsplash)

8 Uhr. Aufstehen. Ich kann nicht aufstehen. Etwas zwingt mich an die Matratze. Alles fühlt sich so unglaublich schwer an. Minuten vergehen im Stundentakt. Es ist 10:21 Uhr. Endlich habe ich es aus dem Bett geschafft. Wie, das weiß ich nicht mehr. Taumelnd bewege ich mich in Richtung Küche, um mir etwas zu essen zu machen. Nicht etwa weil ich Hunger habe, sondern weil ich weiß, dass ich essen muss. Doch was? Es fällt mir schwer. Die einfachsten Dinge fallen mir so unglaublich schwer. Aufstehen, anziehen, fertig machen, schminken, essen. Dinge, die mir normalerweise Freude bereiten, die ich bis dato mit Leichtigkeit erledigte. Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir schnell irgendetwas anzuziehen, mir ein Müsli herunter zu würgen und zu duschen. Ich habe die Zeit nicht im Blick, bin viel zu spät, komme verschwitzt, gehetzt und verwirrt in die Vorlesung, suche mir einen Platz in der letzten Reihe, alleine. Smalltalk würde mich momentan heillos überfordern, da entscheide ich mich lieber für die selbstgewählte Isolation. Was der Professor vorne referiert, geht einfach an mir vorbei, nichts davon bleibt hängen. Ich versuche mitzuschreiben, doch bin viel zu langsam. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch mein Gehirn sagt nein. Es ist zu einer trägen Masse geworden, die erfolglos versucht, den semantischen Inhalt des Eingangssatzes nachzuvollziehen. Meine Blicke schweifen umher, ich verfolge fassungslos, wie meine Kommilitonen mit interessiertem Blick dem Vortrag lauschen, die Stirn runzeln oder zustimmend nicken – und ich schaffe es nicht mal die aneinander gereihten Worte in meinem Kopf zu einem stimmigen, sinnhaften Bild anzuordnen.

Essen wurde zu einer Qual für mich

Irgendwann ist die Stunde endlich vorbei und es geht in die Mensa mit den anderen. Es gibt Gnocchi. Ich war immer ein großer Fan italienischer Pasta, nun beobachte ich mich dabei, wie ich versuche eine Gnocchi nach der anderen runterzuschlucken, es fällt mir schwer. Mein Mund ist trocken, zu trocken – wann wurde das Essen für mich zu solch einer Qual? Alle sind längst fertig mit dem Essen, doch mein Teller ist noch mehr als randvoll. Ich habe das Gefühl, sie starren mich an und fragen sich, was mit mir los ist. Ist sie magersüchtig, hat sie keinen Hunger? Warum isst sie nichts? Endlich ist auch das vorbei und ich kann nach Hause gehen. Nach Hause, wo ich mich zurückziehen kann. Dort, wo ich einfach nur ins Bett gehen und die Augen vor der Welt verschließen, verdrängen kann. Ich liege da, den Blick auf die weiße Wand gerichtet. In mir Leere. Stunden um Stunden vergehen und nichts regt, nichts verändert sich. Ab und zu weine ich, doch meistens fühle ich nichts, einfach nur taumelnde Leere. Ich fühle mich so langsam und kann mich nur schwer konzentrieren, schwer zuhören. Anna, meine Mitbewohnerin, kommt in mein Zimmer, fragt besorgt, wie es mir gehe und ob sie mir helfen könne, doch ich weiß nicht, wie sie mir helfen kann. Ich weiß nicht, wie ich mir helfen kann. Oder ob das Ganze überhaupt noch einen Sinn hat.

Ich denke, dass ich nie genug war

Mir schießen so unglaublich viele Gedanken durch den Kopf. Ich denke, dass ich nie gut genug war, nie mein Bestes gegeben oder mich immer nur durchgemogelt habe. Dass ich nie irgendwo so gänzlich hineingepasst habe. So vieles tobt in mir. Ich weiß viel zu wenig. Andere lesen täglich Zeitung und verschlingen monatlich mehrere Bücher, doch ich? Ich lese viel zu wenig. Ich bin viel zu langsam, dumm und ungebildet, um auf eigenen Beinen zu stehen und zu studieren. Mein Gehirn kann diese vielen verschiedenen Ebenen, auf denen es funktionieren sollte, nicht verarbeiten. Ich sollte Sport machen. Einen Nebenjob haben. Und nebenbei studieren. Dabei weiß ich noch nicht mal, welche Fächer ich wählen soll und wie. Einkaufen in einem Supermarkt – selbst der Einkaufszettel, an den ich mich klammere, wie an einen Rettungsanker, hilft mir nicht dabei, mich in diesem Labyrinth von Regalen und Angeboten zurechtzufinden. Wie machen das denn die anderen? Ja, ich fühle mich wie eine Versagerin auf allen Ebenen! Ich will nicht mehr vor die Tür treten und irgendjemandem ins Gesicht blicken, weil ich nicht mehr zu mir selbst stehe und meinen Selbstwert verloren habe. Ich schäme mich für alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht und gesagt habe.

Vom extremen Hoch ins Tief

Doch stopp. Wie konnte es eigentlich so weit kommen? Was ist mit mir passiert? Angefangen hatte all das im Sommer 2018. Ich hatte Deutschland für eine längere Zeit den Rücken gekehrt und gemeinsam mit meinem Freund viele, wunderbare Länder bereist. Klingt doch alles super bis jetzt. Eigentlich. Weil ich noch nicht genug vom Reisen hatte, fuhr ich danach mit einer Freundin drei Wochen mit dem Zug durch Europa. Doch nicht nur das. Ich ignorierte den wohlgemeinten Rat meiner Eltern, erst einmal wieder in Deutschland anzukommen, um die bisherigen Erfahrungen verarbeiten und sacken lassen zu können. Im Gegenteil, nach der Reise nahm ich einen Vollzeit-Ferienjob am Flughafen München an, Geld verdienen ist ja nie schlecht. Zehn Tage Schichtarbeit ohne Pause – ich gab mir die volle Dröhnung und war dabei, das letzte Quäntchen Energie in meinem Körper aufzubrauchen, ohne es zu merken. Und ich veränderte mich. Ich war aufgedreht, voller Energie, wollte viel und noch so viel mehr. Wollte am liebsten alles gleichzeitig machen. Ich plante, eine App zu gründen. Flog deshalb extra nach Berlin. Habe mich mit zwei Freundinnen so heftig gestritten, dass die Freundschaft vor dem Aus stand. Mein Partner, meine Freunde, meine Familie – fast alle waren genervt von meiner anstrengenden, impulsiven Art. Von alldem bekam ich wenig mit, ich hatte so viel Energie, gefühlt hätte ich Berge versetzen können.

Kein Schlaf, keine Freude – Plötzlich ging nichts mehr

Dann der Einbruch. Ich habe wieder einmal eine Schicht eines kranken Mitarbeiters übernommen. Ich stehe an der Kasse im Bistro und von einer auf die andere Sekunde bekomme ich Herzrasen. Mir wird schwindelig. Schweißausbrüche. Meine Gedanken reißen ab. Ich blicke auf das Wechselgeld in meiner Handfläche. Dann zu dem Kunden, der mich erwartungsvoll ansieht. Ich bekomme Panik. So etwas kenne ich nicht von mir. Ich rufe meine Mutter an, arbeite weiter, zwölf Stunden an diesem Tag. Verschwitzt und völlig erschöpft komme ich nach Hause, will einfach nur ins Bett. Doch ich kann nicht schlafen, die ganze Nacht kann ich nicht schlafen. Auch die nächste und die darauf Folgende nicht. Mein Herz rast, meine Gedanken rasen schneller. Ich mache mir Sorgen. Nie hatte ich Probleme mit dem Schlafen. Tagsüber spüre ich, dass mich meine Energie so allmählich verlässt. Ich schob die Schuld auf den Job und kündigte, in der Hoffnung, es würde dann besser. Doch nichts wurde wie vorher. Es wurde schlimmer. Nachts konnte ich nicht schlafen, tagsüber fehlte mir die Energie zum Aufräumen, Spülmaschine einräumen – für alltägliche Dinge.

Keiner konnte mir helfen

Innerlich spürte ich, dass ich wieder auf ein weiteres Tief zusteuerte, von denen ich bereits viele hatte. Ich hatte Angst. Äußerlich sagte mir eine Stimme, dass ich jetzt nicht einbrechen darf. Nicht jetzt, bevor mein Studium losgeht. Es warteten so viele Dinge auf mich, für die ich bereit und gewappnet sein musste. Ich wandte mich an meine Familie, hilfesuchend. Doch auch das höchste Maß an Mitgefühl konnte mir nicht helfen, keiner konnte mir helfen. Mit jedem Tag wurde es schlimmer, der Kloß in meinem Hals größer, das Gewicht an meinem Herz schwerer. Mit jedem Tag wurde ich unproduktiver. Kein Schlaf, keine Freude, keine Energie mehr. Zum Arzt gehen? Deswegen? Das habe ich mich nie getraut. Diesmal rief ich verzweifelt nur unter dem Vorwand ‚Schlafstörungen‘ an. Gebracht hat mir dieser erste Termin nicht viel. Das Antidepressivum half mir zwar einzuschlafen, allerdings war dies ein dumpfer, künstlicher Schlaf ohne Erholung. Das miese Gefühl tagsüber blieb. Schlechte Laune ist dafür eine Untertreibung, es ist noch so viel mehr als das. Ich brach innerlich ein, da alles, das mich einst zusammengehalten hat, plötzlich weg war. Ich fühlte mich allein gelassen. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich zog mich mehr und mehr zurück, weil ich mich nicht mehr auf die Straße traute. Bis irgendwann gar nichts mehr ging. Irgendwann lag ich fast nur noch im Bett, hatte keine Energie mehr aufzustehen und mich anzuziehen.

Quelle: Sam Manns (Unsplash)

Es machte keinen Sinn so zu studieren. Ich musste erst einmal pausieren. Erst mal ausziehen und wieder zuhause einziehen. Ein Rückschritt. Dachte ich damals. Heute sehe ich es als ersten Schritt auf dem Weg zur Besserung. Allein hätte ich da nicht mehr herausgefunden. Dazu fehlte mir die Kraft. Zuhause bei meinen Eltern wurde es zunächst noch schlimmer, ich zog mich mehr und mehr zurück, wurde noch unsicherer, wenn ich einen Schritt vor die Haustür wagte. Wie sollte ich den anderen erklären, dass ich wieder zuhause bin? Dass ich bereits nach zwei Wochen mein Studium unterbrechen musste? Was sollte ich ihnen sagen, wenn sie mich fragten, wie es mir in der neuen Stadt gefiele? Ich musste lügen. Und das fiel mir verdammt schwer. Ich konnte nicht anders. Ich schämte mich. Weil ich versagt habe.

Wie ich es aus der Depression geschafft habe

Irgendwann war es so schlimm, dass ich wusste – entweder ich handle nun, oder es wird nicht mehr besser. Ich habe es in aller erster Linie für meine Familie, meinen Freund getan. Weil ich sie leiden sah, wenn sie mich ansahen. Weil ich wusste, ich würde sie verlieren, wenn ich mich selbst verliere. Also rief ich an, mit der allerletzten Kraft rief ich in einer Klinik an. Ich sage lieber Klinik als Psychiatrie, es klingt normaler, harmloser. Die Leute verstehen es besser, können besser damit umgehen. Der Schritt fiel mir nicht leicht, doch gleichzeitig war mir zu dem Zeitpunkt schon alles egal. Ich musste handeln, irgendetwas tun, damit es besser werden würde. Die ersten Wochen in der Tagesklinik des Bezirkskrankenhauses (so heißt es offiziell) gingen zäh voran. Ich war sehr planlos, konnte mich schwer auf den Ablauf konzentrieren und ihm folgen. Ich klammerte mich an die anderen Patienten und folgte ihnen überall hin. Lesen, mich selbst orientieren, das war noch zu viel für mich. Medikamententraining, Ergotherapie, Sport, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Holztherapie, Musiktherapie, Yoga – ich hatte ein volles Programm, im Gegensatz zu meiner Zeit zuhause, als ich nur im Bett lag und maximal aufs Handy blickte. Der strukturierte Tagesablauf und der Kontakt zu anderen Menschen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, half mir allmählich, mich aus meinem Loch zu ziehen. Es ging zäh voran, es dauerte lange. Doch irgendwann kam mein persönlicher Break-Even-Point. Nach über zwei Monaten in der Klinik ging es endlich bergauf, ich konnte wieder lachen, mich freuen, Dinge planen, kochen, Spaß haben. Es fühlte sich gut an, zu leben. Leben zu dürfen. Ich hatte wieder Hoffnung, spürte Freude und hatte Lust, weiterzumachen. Endlich wurde es besser. Wenn auch mit Unterstützung durch Medikamente. Aber das war mir egal – Hauptsache es ging mir wieder gut, nach all diesen schweren Monaten.

Wie ich in Zukunft mit der Krankheit leben werde

Doch wie mache ich jetzt weiter? Was habe ich aus dieser Höllenfahrt gelernt? Momentan verbringe ich die Tage zuhause, mit unglaublich viel Energie, ich bin nicht ausgelastet, versuche mich so gut es geht runter zu bremsen, um nicht schon wieder ins nächste Tief zu fallen. Ich koche, treibe Sport, mache Yoga, treffe Freunde, schreibe, versuche mich abzulenken. Wenn alles gut läuft, darf ich bald eine Langzeit-Reha im Allgäu antreten, in der ich mehr über mich und meine Krankheit lernen werde. Und lerne, wie ich damit in Zukunft leben und umgehen kann. Mich stabilisieren kann, wieder zu mir zurückfinden kann. Und dann? Dann möchte ich gerne zurück an die Uni, allen zeigen, was ich kann. Meinen Traum verwirklichen. Selbstständig werden. Und vor allem eins: gesund bleiben.

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