Reise ins schlechte Gewissen: Wie passen Urlaub und Umweltschutz zusammen?

Das perfekte Bild spiegelt nicht unbedingt den perfekten Urlaub wieder, denn vieles zeigen wir online nicht. Zum Beispiel: wie Reisen unsere Umwelt beeinflusst.

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Das perfekte Bild um jeden Preis.    Quelle: Pixabay

Für viele Strandbadeorte gehört das allmorgendliche Wegräumen von Plastikmüll mittlerweile zum festen Ritual. Allein für den asiatisch-pazifischen Raum entstehen der Tourismusbranche jährlich Kosten von 622 Millionen Dollar.

Diese schockierenden Zahlen hält die schweizer Natur- und Umweltschutzorganisation WWF fest. Und ich mache das Ganze mit meinem Verhalten kein Stück besser und trage dazu bei, dass es in Zukunft schlimmer werden wird. Nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut! Scheiß drauf, ich hab’s ja schon gesehen.“

“Weltreise” – Dieses Wort suggeriert irgendwie immer ein reiches Kind, das nach seinem Abitur Geld und ein Around-The-World-Ticket von den Eltern geschenkt bekommen hat und nun unbekümmert Selfies von überall postet. Aber das muss nicht sein. Mein Freund und ich sind jedenfalls mit einem One-Way-Ticket in unser zehnmonatiges Reisevergnügen um den Globus gestartet. Und bereits im Vorfeld unserer Reise habe ich mich schlecht gefühlt, dafür so viel fliegen zu müssen.

Hilfe, ich bin Teil des Problems!

Etwa 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Doch heute schwimmen in jedem Quadratkilometer der Meere hunderttausende Teile Plastikmüll. Seevögel verenden qualvoll an Handyteilen in ihrem Magen, Schildkröten halten Plastiktüten für Quallen und Fische verwechseln winzige Plastikteilchen mit Plankton“, heißt es bei WWF weiter.

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Von Coca Cola-Glas bis Plastikflasche – alles Müll, der im Meer gelandet ist.      Quelle: Pixabay

In meinem Alltag versuche ich auf Fleisch zu verzichten und mich umweltbewusst zu ernähren und zu verhalten. Dennoch will ich mir nicht die Freiheit nehmen lassen, unsere Welt zu entdecken und zu bereisen. Ich weiß, das ist ein Widerspruch. Und mit meinem Verhalten trage ich nicht zu einer Besserung des Problems bei, im Gegenteil. Ich beschleunige es. Dieser „Nach mir die Sinnflut“-Gedanke widert mich an. Touristen widern mich an. Touris, die jeden Preis für das eine perfekte Foto zahlen und in Scharen in klimatisierten Bussen alle Instagram-Punkte abklappern. Und doch muss ich mir eingestehen: Du bist auch hier und du bist Teil des Problems.

Selbstdarstellung vs. Umweltschutz – Geht nicht auch beides?

Denn auch ich poste schöne Urlaubsbilder auf Instagram, die meinen Freunden und Followern suggerieren, was für ein tolles Jetset-Life ich doch führe und wie schön es an all diesen Orten ist. Der ein oder andere möchte sich dann vielleicht auch das Recht herausnehmen, dasselbe erleben zu dürfen und bucht sein Flugticket. Klick. Was meine Freunde auf Instagram sehen, sind die schönen Bilder am Pool, vor dem Taj Mahal, oder auf einer einsamen, paradiesischen Insel. Was sie jedoch nicht sehen, sind die höllischen Fahrten in einem schwülen Bus, eingequetscht mit anderen, schwitzenden Reisenden, die wartende Schlange am „Instagram-Fotopunkt“ oder das Schleppen des schweren Rucksacks quer durch die Stadt bis zur Unterkunft bei 40 Grad plus.

Die geschönten Bilder vermitteln aber noch viel mehr. Sie sagen: „Schau her, was ich mir leisten kann, was ich aus meinem Leben mache. Guck dir an, wie toll das ist. Was ich habe und du nicht.“ Und irgendwo ist es ja genau das, was wir unterbewusst wollen. Wir wollen wahrgenommen, geschätzt, respektiert, bewundert und geliebt werden. Das liegt in der menschlichen Natur. Ist es also verwerflich, diese Bilder auf Instagram zu posten? Ich weiß es nicht. Ich möchte einerseits, dass meine Freunde sehen, wo ich bin und andererseits möchte ich unsere Umwelt schützen. Wenn ich radikal wäre, dann müsste es heißen: ganz oder gar nicht. Entweder kein Instagram oder keinen auf Umweltschützer machen. „Aber geht nicht auch beides?“, würde jetzt mein verzweifeltes Ego fragen.

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Quelle: Pixabay

Das Problem des Massentourismus‘

Jedes Instagram-Bild ist ein Stich in die Magengrube für mein gespaltenes Ich. Denn bei jedem Mal schießen mir auch diese Gedanken in den Kopf: Vor drei Jahren war an diesem Ort noch nichts los und es lag vermutlich längst nicht so viel Plastikmüll herum wie jetzt. Und: Auch ich bin hauptsächlich durch Instagram an diesen Ort navigiert worden.

Das Tempo in dem die Tourismusbranche wächst, ist schockierend, aber wenig verwunderlich. Das Flugticket ist innerhalb weniger Minuten am Handy gekauft, das Essen wird per App ins Airbnb bestellt. All diese technischen Fortschritte, die uns das Leben so sehr erleichtern, führen dazu, dass Reisen schneller und einfacher wird. Die logische Konsequenz ist, dass immer mehr Menschen reisen wollen. Da Flüge und Hotels immer günstiger werden und die Menschen über mehr Geld für ihre Freizeit verfügen, wächst der Tourismus stetig weiter.

Besonders stark kann man dieses Phänomen in Neuseeland beobachten. „Im vergangenen Jahr stieg die Anzahl der internationalen Urlauber um zwölf Prozent auf 3,5 Millionen. Mit fast 100.000 Gästen stellt Deutschland die sechstgrößte Besuchergruppe, nach Touristen aus Australien, China, den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan. Und das, obwohl die Anreise auf die Insel im Pazifik nicht unter 27 Flugstunden zu machen ist“, schreibt der SPIEGEL. „Bislang ist kein Ende des Booms in Sicht. Bis 2022 soll die Zahl ausländischer Gäste die 4,5-Millionen-Marke erreichen – ebenso viele Menschen, wie das Land Einwohner hat.“

„Ich will die Welt noch sehen, bevor sie zu Grunde geht“

Warum nur wollen wir das – Reisen, nur um anderen zu zeigen, wo wir sind? Manchmal scheint es so, als wolle man die Welt, wenn auch nur für bestimmte Zeit, an sich reißen. Wenn ich ans Reisen denke, dann kommen mir diese Gedanken in den Kopf: „Vielleicht ist in 20 Jahren schon alles kaputt, gerodet, vermüllt. Ich möchte die Welt jetzt noch sehen, bevor sie zu Grunde geht. Ich will auch sehen können, was meine Freundin, Schwester, Tante gesehen hat. Man lebt nur einmal. Jetzt hast du die Chance dazu, das zu tun, ergreife sie!“ – Wie selbstsüchtig und egoistisch, ich weiß. Und trotzdem einfach die bittere Wahrheit. Und dabei bin ich sicher nicht die Einzige, die so denkt.

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Quelle: Pixabay

Reisen ist ein Luxus, den man sich gönnen möchte. Es ist eine Art materieller Wert, der immer bleibt, der einem nicht mehr genommen werden kann. Es ist, als würde man sich Erinnerungen kaufen – ganz getreu nach dem Brechreiz auslösenden Reise-Motto unter Instagram-Posts: „Travel is the only thing you can buy that makes you richer.”

20 Tonnen Müll an nur einem Wochenende

Was mich neben der Schnelligkeit am meisten schockiert, sind die Massen an Touristen und der Müll, der produziert wird. Frühere Paradies-Inseln wie Ibiza, Mallorca oder Gili Trawangan in Indonesien haben sich innerhalb weniger Jahre zu vermüllten Partyinseln entwickelt. Es hat mich angewidert, die hauptsächlich männlichen, schmierigen Partytouristen auf den Gili-Inseln zu beobachten. Es sah aus, als würden sie mit dem Anspruch anreisen, sich hier alles nehmen zu können, was sie wollen. Egal ob Alkohol, Sex oder Frauen. Alles gehört ihnen und nichts ist ihnen peinlich. Dieser Anspruch, sich mit Geld alles erkaufen und erlauben zu dürfen, macht dabei einiges kaputt. Da die Lebensunterhaltskosten in fast allen Ländern in Südostasien (noch) extrem günstig sind, sind Thailand, Indonesien und Co. in den letzten Jahren zu einem beliebten Pilgerziel für Backpacker aus Europa und westlich geprägten Ländern geworden, die nach dem Abitur oder Studium noch einmal etwas „erleben“ wollen.

Tag für Tag werden aus dem Golf von Thailand Unmengen an Abfall angeschwemmt: Plastiktüten, Plastikflaschen, Plastikbecher, Plastikdosen, sogar ganze Tische und Stühle. An manchen Wochenenden sind es nach Angaben der Inselverwaltung bis zu 20 Tonnen“, schreibt die Augsburger Allgemeine. Dort müssen reihenweise Strände geschlossen werden, damit sie sich vom Tourismus erholen und regenerieren können.

Vermutet wird, dass inzwischen etwa 140 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen umhertreiben. Jedes Jahr kommen bis zu zwölf Millionen Tonnen dazu.“ Interessant dabei: „Verantwortlich dafür sind in erster Linie nicht die westlichen Industrienationen. Mehr als zwei Drittel des Mülls stammt heute aus Asien. China, Indonesien, Thailand und die Philippinen gehören zu den besonders schlimmen Verursachern.

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Während der Monsunzeit sammelt sich in Ländern wie Indonesien der Müll nur so an den Stränden.    Quelle: Pixabay

Und auch Bali hat mit demselben Problem zu kämpfen: Die indonesische Insel hat im Januar den „Abfallnotstand“ ausgerufen. Täglich sammelten von da an 700 Reinigungskräfte und 35 Lastwagen rund 100 Tonnen Abfälle ein und luden sie in einer Mülldeponie ab, wie die Berliner Morgenpost berichtete.

Am schlimmsten ist es während der jährlichen Monsunzeit, wenn starke Winde und Meeresströmungen Strandgut anspülen und angeschwollene Flüsse Müll von den Ufern zur Küste befördern.

Und jetzt?

Wenn ich jetzt in die Zukunft blicke, dann weiß ich, dass ich etwas ändern möchte. Ich will mich nicht mehr derart von Instagram lenken lassen, wie in den letzten Monaten. Auch nicht von den Gedanken, was meinen 600+ virtuellen Freunden dort gefallen könnte. Ich will mein Handy wieder öfter weglegen und das Leben ungefiltert mit meinen eigenen Augen genießen und erfahren. Ich will keinen Gedanken daran verschwenden, den aktuellen Moment mit irgendjemandem auf Social Media teilen zu müssen, nur um mein Selbstwertgefühl für ein paar Stunden zu steigern. Ich kenne mich selbst gut genug, um zu wissen, dass dies nicht sofort und nicht in jedem Moment funktionieren wird. Es ist ein Prozess, aber ich will jeden Tag wenigstens einen kleinen Schritt gehen.

Ich wünsche mir mehr Realität auf Instagram, nicht immer nur den selben Einheitsbrei zwischen „Earth Roamers“, die das Bergpanorama mit Sternenhimmel aus ihrem Kathmandu Zelt posten oder „Travel Bloggern“, die die Farbe des Meeres in ihren Bildern so extrem aufhellen, wie es selbst auf den Malediven nie aussehen wird. Ich wünsche mir ein Instagram, auf dem man nicht nur Bilder posten darf, wenn man verreist oder mit den Freunden feiern war, sondern eines, auf dem man auch Fehler machen darf. Natürlich, ungefiltert und ungeschminkt. Allerdings bekommen derartige Menschen und Bilder nur wenige Follower und Likes. Zu unästhetisch, passt einfach nicht in den Feed.

Irgendwo habe ich mal gelesen: „Das Problem ist: Menschen werden gehasst, wenn sie echt sind, und geliebt, wenn sie falsch sind.“ Wie schön wäre ein Instagram, wie schön wäre eine Welt, in der man sein darf, wer man ist und trotzdem geliebt und respektiert wird?

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Quelle: Pixabay

Hier geht’s zum Original-Artikel auf Zeitjung.de: 

https://www.zeitjung.de/reise-schlechtes-gewissen-urlaub-umweltschutz-instagram-nachhaltigkeit/?fbclid=IwAR2xVfSACnLy2c9iwwZhk-Ye1JF-cTOJ7zGnMuBV4QQi7E9gq57rzZLMx7U

Warum GNTM mehr als Topmodel kann

… Und warum man die Zuschauer der Sendung nicht sofort verurteilen sollte.

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Kandidatinnen der vierten Staffel von Germany’s next Topmodel.

 

Es langweilt mich. Jedes Jahr, pünktlich zum Serienbeginn von Germany’s next Topmodel (by Heidi Klum), erscheinen dieselben Artikel in meinem Newsfeed. Jedes Jahr dieselbe Leier: Klum ist eine Hexe, Hayo und Michalsky ihre Marionetten, die Mädchen Puppen ohne Charakter. Die Show wird als sexistisch dargestellt und vermittelt in den Augen der Autoren von Spiegel, Süddeutsche und Co. nur schlechte, altmodische Werte. Einspruch!

Zuerst muss ich zugeben: Ich verfolge GNTM seit der ersten Staffel und habe bisher erst zwei davon nicht gesehen. Ich kenne alle Siegerinnen bei Namen und verpasse normalerweise keine Sendung. Ja, ich mag GNTM und ja, ich bin trotzdem ein intelligentes Mädchen mit Abitur und der Ambition, zu studieren. Und nein, ich lasse mich nicht von der Show manipulieren. Weder habe ich je eine Diät gemacht noch eins der Produkte, die in der Show platziert werden, gekauft. Ich kaufe mir meinen Mascara, wenn er leer ist – denselben, den ich schon seit fünf Jahren benutze. Und ich entscheide selbst, ob mir eine Bikinifigur wichtig ist oder nicht. Ich bin zu faul und geizig fürs Fitnessstudio und gehe dann radeln oder schwimmen, wenn mir danach ist. Ich gehe shoppen, wenn ich Lust darauf habe und ich bin nicht traurig, dass ich nicht so aussehe, wie eins der Mädchen in der Show. Ich liebe mich so wie ich bin, ich bin im Gleichgewicht mit mir selbst und absolut zufrieden mit mir und meinem Körper. Wie, das passt nicht zusammen?

Jahrelang führe ich schon einen Kampf mit GNTM an meiner Seite. Jahrelang muss ich mich dafür rechtfertigen, vor meinen Eltern, meinen Freundinnen, ja sogar einmal meinem Deutschlehrer, dass ich mir diese Show gerne ansehe. Dass ich sie unterhaltend finde, bedeutet ja nicht zugleich, dass ich sie nicht durchschaue und automatisch alles als gut bewerte, was dort passiert. Im Gegenteil: Ich mag es, die Geschehnisse der Show zu analysieren, mir meine eigene Meinung zu den Juroren und Charakteren der Mädchen zu bilden.

Was mich an den Anti-GNTM-Artikeln so stört? Sie bewirken rein gar nichts! Mit diesen vermeintlich gut gemeinten Artikeln, die arme unschuldige Mädchen davor beschützen sollen, von GNTM verdorben zu werden, verhält es sich wie mit Artikeln gegen die AfD: Man redet gegen eine Wand, es wird damit niemand erreicht. Denn das klassische GNTM-Klientel, zwölf bis 35-Jährige Mädchen und Frauen sowie vereinzelt auch Jungs und Männer, wird so einen SZ-Artikel wohl kaum konsumieren, und falls doch, sich deshalb nicht davon abbringen lassen, ihre Lieblingssendung weiterhin anzusehen. 2,43 Millionen Zuschauer hatte das Finale von Germany’s next Topmodel im Mai 2017 an, das macht einen Marktanteil von 8,9 Prozent. In diesem Jahr waren es 21,1 Prozent der 14- bis 49-jährigen, laut ProSieben das beste GNTM-Finale seit 2013. Jedes Jahr schafft es die eiskalte, nie alternde Macho-Heidi aufs Neue zu punkten und unterhalten mit ihrem „Hühnerstall“. Jedes Jahr sind Stargäste wie Naomi Campbell, Toni Garrn, Cro oder Rankin in der Sendung zu sehen. Es gibt fiese Challenges in neuen Ländern, ausgefallene Fotoshootings an den außergewöhnlichsten Schauplätzen und hart umkämpfte Castings für Magazine und Firmen wie InStyle, Elle, Deichmann oder Maybelline. Keine kleinen Namen. GNTM entwickelt sich weiter und erfindet sich jedes Jahr ein bisschen neu, auch wenn alt bewährte Traditionen wie Nacktshooting, Umstyling und Zickenkrieg vorprogrammiert sind. Das ist es, was die Show zu anderen Casting-Formaten wie etwa DSDS, nur vier Jahre älter als GNTM, unterscheidet und bis zum Schluss spannend macht. Es wird nicht langweilig. Auf Macho-Heidi ist Verlass.

 

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Heidi hat ihre Show noch immer eiskalt im Griff.

 

Und die Siegerinnen sowie Ex-„Meeedchen“ fallen danach nicht automatisch in die unbedeutende Normalität zurück. Sehr viele von ihnen nutzen die Show geschickt als Sprungbrett ihrer Karriere, bauen sich durch die Bekanntheit aus der Fernsehsendung auf Social Media enorme Reichweiten auf, von denen SZ und Co. nur träumen können. Als Alphatiere gelten Lena Gercke (Siegerin 2006, Fernsehmoderatorin, Model; 1,8 Millionen Follower auf Instagram) sowie Stefanie Giesinger (Siegerin 2014, Influencer und Model; 3,2 Millionen Abonennten im Rücken). „Die Instagram-Reichweite formt nicht automatisch ein Topmodel?“ Doch, in der heutigen Zeit sehr wohl! Giesinger lächelt regelmäßig auf den Covern namhafter Modemagazine wie Joy, InStyle oder der Cosmopolitan. Die Vorzeige-Influencerin Caro Daur hat es durch ihre Instagram-Reichweite sogar auf die Laufstege von Dolce & Gabbana geschafft. Aber auch andere Ex-Kandidatinnen surfen weiter auf der Welle: Anna Maria Damm beispielsweise (Staffel 8; 1,2 Millionen Follower) hat sich einen YouTube-Kanal mit enormer Reichweite aufgebaut, durch den mittlerweile nicht nur sie, sondern ihre Schwester, ihr Freund und ihr neugeborenes Baby Eliana profitieren. Und bei weitem nicht alle nutzen ihre Reichweite auf Instagram für Beauty, Lifestyle und Mode. Anna Wilken beispielsweise (Staffel 9; 173.000 Follower) widmet sich der Krankheit Endometriose, an der sie selbst leidet, klärt auf ihrem Kanal auf und nimmt Betroffenen die Hemmungen offen darüber zu sprechen.

 

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Die Ex-Kandidatinnen Anna Wilken und Betty Taube-Günter aus Staffel 9.

 

Wieso also wird immer wieder auf diese Sendung eingedroschen und ihre Konsumenten vorverurteilt?

„Mehr als 135.000 junge Frauen haben sich in den vergangenen neun Jahren bei Germany’s Next Topmodel beworben. (…) Die Kandidatinnen sind nicht die Gewinner der Show. Sie sind der Rohstoff, mit dem Fernsehen, Werber und Heidi Klum Millionen verdienen“, schrieb die ZEIT am 23. Februar in dem Artikel „Die Topmodelmaschine“. Selbstverständlich lebt die Sendung von Werbung und Produkten, wovon sonst sollen die Flüge und Villas der Mädchen bezahlt werden? Die Kandidatinnen melden sich freiwillig bei der Show an, mit gutem Wissen darüber, dass GNTM von Opel gesponsert wird. Würde sie es stören, sich mit Venus Gilette zu rasieren oder Meßmer Tee zu trinken, würden sie sich kaum bei der Show anmelden.

„Worauf es hier wirklich ankommt, ist nicht Persönlichkeit, Individualität, Charakter. Sondern Leistung“, las ich in einem SZ-Artikel vom Finalabend 2018. Moment. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Es erinnert mich an mein eigenes Leben, ohne dass ich jemals an GNTM teilgenommen habe. Von der ersten Klasse in der Grundschule an werden wir in Deutschland zu Leistungstieren erzogen. Note eins ist ein Musterkind, Note sechs ein schief geratenes. Werden Persönlichkeit, Individualität oder Charakter etwa in der Schule benotet? Allenfalls in den nett gemeinten ersten drei Sätzen des Jahreszeugnisses, die so bedeutend sind wie der Religionsunterricht. Wäre dies der Fall, ginge es in unserer karriere- und konsumgeilen Gesellschaft mit Sicherheit um einiges fairer zu. „Gut aussehen, Klappe halten, parieren.“ – Auch das kommt mir nur allzu bekannt vor. Egal ob in Schule oder Arbeit, sobald man eine eigene Meinung zu pikanten Themen hat und diese selbstbewusst äußert – also nicht ins System passt – ist man anderen ein Dorn im Auge. Egal ob Deutschlehrer oder Chefredakteur. „Prinzip: möglichst formbare, austauschbare Mädchen vorführen und mit ihnen Geld verdienen. Ob sie nun Toni, Luisa oder Jacqueline heißen.“ Ja, das nennt sich Kapitalismus und GNTM ist nur ein Ableger davon. Unser ganzes Leben ist ein einziger Wettbewerb, in allen Bereichen. Wer hat die besseren Noten, die schönsten Klamotten, den hübschesten Freund, die reichsten Eltern, das teuerste Handy, das schnellste Auto, die meisten Likes auf Facebook und Follower auf Instagram. Jemand, der das bestreitet, macht sich gewaltig etwas vor. Das Wettbewerbsgen steckt in uns allen, bei manchen mehr, bei anderen weniger ausgeprägt. Deshalb ist es auch kein Wunder, warum Sendungen wie GNTM auch nach 13 Staffeln noch gehypet und angesehen werden.

„Eine große Mehrheit in Deutschland ist der Ansicht, die ProSieben-Castingshow ‚Germany’s next Topmodel‘ (GNTM) vermittele ein falsches Schönheitsideal. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov kurz vor Beginn der neuen Staffel veröffentlichte. Dabei stimmten 74 Prozent der Befragten dieser Aussage zu, 22 Prozent ‚eher‘, 52 Prozent davon ‚voll und ganz‘“, meldet die dpa.
Es stimmt, die meisten Teilnehmerinnen sind schlank, haben die perfekten Maße und ein bildhübsches Gesicht. Und auch wenn in jeder Folge die Worte „Personality“, „ein ganz besonderer Charakter“ oder „edgy“ fallen, geht es hauptsächlich um das Aussehen der Mädchen, danach und wie sie eben dieses einsetzen, werden sie bewertet. „Der (…) Schlankheitswahn wurde von den Medien aufgenommen, wonach selbst im Fernsehen das Image der ‚schönen‘, ‚schlanken‘ Frau eindimensional verwendet wurde. Die Model-Casting-Show GNTM verdeutlichte dies, indem sie selbst sehr schlanken Frauen vor laufender Kamera eröffnete, sie seien ‚zu dick‘. Dadurch wurde den Rezipienten, überwiegend junge und stark beeinflussbare Mädchen, verdeutlicht: Nur derjenige, der dem Schönheitsideal entspricht, wird von der Gesellschaft als ‚schön‘ empfunden“, schreibt Svenja Preisler in ihrer Bachelorarbeit zum Schönheitsideal der Frau in den Medien, aus dem Jahr 2010. Nach acht Jahren sind diese Worte aktueller denn je. Soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram verstärken diesen Schlank- und Schönheitswahn enorm. Ich höre einige meiner Freundinnen oft sagen: „Wenn ich mir 30 Minuten lang Bilder in Instagram ansehe, fühle ich mich danach total dick und hässlich“, selbst wenn es wunderschöne Mädchen sind. Längst nicht jeder steht selbstbewusst vor dem Spiegel und akzeptiert sein Äußeres wie es ist. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der alles möglich scheint. In der man sich für 100 Euro falsche Wimpern und Nägel kaufen, und für ein bisschen mehr die Nase oder Brüste operieren lassen kann. In der Filter und Photoshop auf einmal jeden Mensch „schön“ machen und die Fitness-Industrie boomt wie nie zuvor. Welche Auswirkungen hat es für junge Frauen, wenn sie die Kandidatinnen bei Germany’s next Topmodel im Fernsehen sehen und sich selbst mit ihnen vergleichen? „Denn was die Sendung verschweigt: Die in der Sendung präsentierten Körperproportionen von mindestens 1,76 Meter Körpergröße bei einer Kleidergröße von höchstens 36 sind absolute Ausnahmeerscheinungen. Nur eine von 40 .000 Frauen entspricht in Größe, Figur und Gewicht den Anforderung eines Laufstegmodels (Hawkins, 2004)“, schreibt die Medienwissenschaftlerin- und Pädagogin Maya Götz in ihrer Arbeit „Sexualität und Medien: Super dünn, super sexy und zu allem bereit – Die Hypersexualisierung im Kinder- und Jugendfernsehen und ihre Folgen.“

 

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Wer sind hier die Tiere auf dem Präsentierteller? Die Mädchen oder die Schlangen?

 

Wie müssen sich die restlichen 39.999 fühlen, wenn sie die eine „Perfekte“ in der Castingshow sehen und diese dann auch noch von den Juroren kritisiert wird? Wie kann man dann jemals ideale Schönheit erreichen? „Folglich wird der Gesellschaft ein erotisches, schlankes und makelloses Bild der Frau als Ideal vorgestellt. (…) Das Resultat ist eine sehr einseitige Vorstellung von ‚Schönheit‘ in der Gesellschaft. Zur Folge dessen sind unter anderem die Diskriminierung von übergewichtigen Personen sowie der Druck, dieses Ideal zu erreichen um ‚vollkommen‘ zu sein, zu verzeichnen. Für die Mehrheit der Gesellschaft ist das in den Medien über die Jahre hinweg gezeichnete ‚unreale‘ Frauenbild nicht zu erreichen. Durch den steigenden Duck in der Gesellschaft, den schönen Frauen aus der Medienwelt zu gleichen, nimmt die Popularität der Essstörungen immer weiter zu. Mädchen und Frauen streben das präsentierte Ideal an, um ein höheres Selbstwertgefühl zu erzielen. Immer häufiger treten Fälle von Magersucht und Bulimie auf, die für unzählige Menschen mit dem Tod enden“, schreibt Preisler weiter. „Zudem steigt der Trend von Schönheitsoperationen immer weiter an und findet neuerdings auch in der jugendlichen Gesellschaft Anklang. Demzufolge ist es heutzutage nicht mehr außergewöhnlich, sich im Alter von 16 Jahren den Busen vergrößern zu lassen oder sich Hüftspeck absaugen zu lassen. Über Risiken, die bei solchen Eingriffen auftreten können, wird hierbei zuletzt nachgedacht. Jeder Preis ist es wert, dem Ideal zu entsprechen. Die meisten Rezipienten ignorieren die Makel der in den Medien dargestellten Frauen, die überwiegend durch digitale Tricks zur ‚Schönheit‘ verändert werden. Ausschließlich was der Rezipient mit seinen eigenen Augen wahrnimmt, müsse auch der Wahrheit entsprechen, obwohl allgemein bekannt ist, dass Bilder in den Medien verändert werden.“

 

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Sara Nuru konnte in der vierten Staffel (2009) den Sieg von GNTM für sich entscheiden.

 

Zugegeben, GNTM hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. So nahmen in den letzten Staffeln vermehrt außergewöhnliche und besondere Charaktere wie Melina, Giuliana oder Soraya (Transgender Models) sowie Pia und Sarah (Curvy Models) teil. Die Show passt sich an den modernen Zeitgeist an und ist keineswegs altmodisch oder irgendwo stehen geblieben. Dennoch peitscht Heidi ihre Mädchen weiterhin aus wie Tiere und selektiert eiskalt. Mit einem Fingerschnips lässt sie die Träume der Kandidatinnen zerplatzen und kennt dabei keine Gnade. Ich möchte mit meinem Text weder eine Lobeshymne auf GNTM singen und die Auswirkungen der Show auf junge Mädchen verharmlosen, noch Heidi Klum verteidigen. Natürlich ist die Show auf gewisse Art und Weise oberflächlich und materiell – wie wir es alle sind. Sie ist eiskalt und wertend, genau wie unser alltägliches Leben. Sie hätte jedoch Potenzial, indem sie den jungen Mädchen da draußen vermittelt: Ihr alle, jede einzelne von euch, ist wunderschön, und zwar auf ihre eigene Art und Weise. Egal ob blond oder braun, klein oder groß, dick oder dünn. Mit ihrer individuellen Persönlichkeit.

 

KOMMENTAR

Ich stimme den Autorinnen von SZ und der Zeit zu: GNTM ist oberflächlich und materiell geprägt und es geht fast ausschließlich um Aussehen und Leistung der Mädchen. Es ist jedoch falsch, die Sendung und ihre über zwei Millionen Zuschauer dafür zu verurteilen. Damit machen sie es sich zu einfach, damit erreicht man niemanden. Viel mehr sollte man die GNTM-Fans versuchen zu verstehen, und das Entwicklungspotenzial der Sendung ausschöpfen. Auch in den nächsten Jahren wird Heidi Klum ihr „lebendes Running Sushi“ dem deutschen TV-Publikum servieren. Die Frage ist nur wie. Die Welt verändert sich, auch die der Mode. Überall, auch auf Social Media, werden die Schreie nach Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung lauter – da kommt auch das GNTM-Format früher oder später nicht dran vorbei. Die ersten Schreie haben bereits gewirkt: Erstmals waren transsexuelle Mädchen sowie Curvy Models in der Sendung vertreten. Wenn nun die Debatten nicht immer nur vom Outfit, Teamstreits und Attitude handeln, sondern richtige Gespräche und die wirklichen, ehrlichen Charaktere der Mädchen offengelegt würden, könnte die Show sehr viel mehr als jedes Jahr ein neues, vermeintliches Topmodel zu küren. Sie könnte junge Teenager inspirieren, ihnen Ängste nehmen und dabei helfen, Selbstbewusstsein aufzubauen. Das wäre sehr viel mehr wert, als gegen eine dicke Wand zu fahren.

 

Laura Schindler

 

Hier gehts zum Original-Artikel auf Zeitjung.de!

Die unvorhersehbaren Konsequenzen der Erderwärmung: Soziale Folgen und Klimakriege (Teil 2)

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Bild: Pixabay (slowdef)

Klimakriege – wie und wodurch entstehen sie? 

Die ökologischen Konsequenzen der Erderwärmung verursachen soziale und politische Probleme, deren Ausmaße kaum einzuschätzen sind. Statistische Vorhersagemodelle zum Anstieg der Durchschnittstemperaturen geben keine Auskunft über das Verhalten der Menschen, die unter den ökologischen Folgen der Bodenerosion leiden, oder deren Heimat aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels in 50 bis 100 Jahren verschwunden ist, oder über das Verhalten von Menschen in Regionen, wo die Menge an Niederschlag seit Jahren zurückgeht und ausgetrocknete Seen und Flüsse, die ursprünglich als natürliche Grenzlinien fungierten, zu Grenzkonflikten zwischen benachbarten Staaten führen.

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Bild: Pixabay (janeb13)

Welzer (2010) nennt an dieser Stelle den Bürgerkrieg in Darfur, dessen Ursachen nachweislich auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Anhaltende Dürreperioden und die zunehmende Überweidung sensibler Naturregionen, wie der Sahelzone, führten in weiten Teilen des Landes zu Bodendegradationen und der Unbrauchbarkeit von Weideflächen. Dadurch hat sich die Wüste in den letzten 40 Jahren um rund 100 km ins Landesinnere ausgebreitet. Arabische Viehzüchter wurden unfreiwillig zu Nomaden und trieben ihre Herden in Richtung Süden, durch die Ländereien afrikanischer Bauern, da sie sich dort bessere Bedingungen für ihr Vieh erhofften. Für die sesshaften Bauern wurden die Nomaden zunehmend zu einer Bedrohung, somit wurde der Zugang zu Feldern und Weiden gesperrt, um die Ernte zu sichern (Prunier, 2007).

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Bild: Pixabay (TheDigitalArtist)

Ein als ethnisch wahrgenommener Konflikt zwischen Arabern und Afrikanern entbrannte, dessen Ursachen jedoch auf ökologische Veränderungen zurückzuführen sind. Der bis heute anhaltende Krieg kostete Hundertausende das Leben und machte 2,5 Millionen Menschen zu Flüchtigen (Ruhr Universität Bochum, 2016). Das United Nations Environment Programme stellte 2007 fest, dass ein beständiger Frieden in Darfur nur dann wahrscheinlich ist, wenn sich die Umwelt- und Überlebensbedingungen verändern. Ein Teufelskreis, da die Dürreperioden und Bodenerosionen durch den Klimawandel verstärkt werden und die Desertifikation beschleunigen, was wiederum die Zahl der Migranten ansteigen lässt und zu neuen Konflikten führt.

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Bild: Pixabay (Alexas_Fotos)

In seinem Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ zieht der Vize-Präsident Al Gore ebenfalls eine Verbindung zwischen dem Klimawandel und dem Bürgerkrieg in Syrien. Er stützt sich hierbei auf eine umfassende Studie der National Academy of Science (Kelley, Mohtadi, Cane, Seager & Kushnir, 2015). Das Land erlebte demnach von 2006 bis 2010 die längste und schwerste klimabedingte Dürre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. 200000 Menschen starben, 60 % der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen wurde zerstört und 80% des Viehbestands verendete. 1,5 Millionen Syrer waren dazu gezwungen ihre Heimat zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft zu fliehen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern.

Die sozialen Folgen des Klimawandels

An den Küsten von Gibraltar, Andalusien, Sizilien und Teneriffa trafen in den letzten Jahren immer mehr überfüllte Flüchtlingsboote ein, was in den europäischen Mitgliedsstaaten ein zunehmendes Gefühl der Bedrohung hervorrief und zur Bildung der Organisation „Frontex“ (Frontieres Exterieures) führte, welche die Überwachung der Außengrenzen der Europäischen Union effizienter gestalten sollte. Somit werden privilegierte Staaten, die nicht direkt unter den ökologischen Konsequenzen der Erderwärmung leiden, zunehmend durch soziale Folgen des Klimawandels tangiert, da es von Jahr zu Jahr mehr Menschen gibt, deren Lebensgrundlagen schwinden und die an den Überlebenschancen wohlhabender Länder teilhaben wollen.

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Die Bildung von Frontex im Jahr 2005 zeigt, dass die erste Reaktion auf Massenmigrationen Gewalt ist. Seit dem Jahr 2000 sind in den Einsatzgebieten europäischer Grenzschützer mindestens 23000 Flüchtlinge gestorben. Das hochentwickelte Überwachungsprogramm „Eurosur“, das mittels Drohnen und Satelliten versucht Flüchtlingsboote aufzuspüren, sieht seine primäre Aufgabe nicht in der Seenotrettung, sondern darin, die illegale Migration zu bekämpfen (Pro Asyl, 2014). Frontex geriet aufgrund der Verletzung von Menschenrechten daher immer wieder in die Kritik und zu Beginn wurden Nachrichten über das Sterben von Bootsflüchtigen mit Entsetzen und Empören aufgefasst, jedoch fand auch hier der unbewusste Vorgang von „Shifting Baselines“ statt – die Arbeit von Frontex wird heute als notwendig und der Tod von Flüchtlingen als unausweichlich angesehen. „Shifting Baselines“ verändern die Wahrnehmung von Problemen und die Akzeptanz von Lösungsmaßnahmen. Normen verschieben sich und führen zu einer zunehmenden Legitimierung von Gewalt (Welzer, 2010, S.248).

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So gesehen hat man es hier wieder mit einer unterbrochenen Beziehung zwischen Handlung und Handlungsfolge zu tun. Die Industrienationen haben in der Zeit der Kolonialisierung in Afrika die natürlichen Strukturen der Völker zerstört und durch Gewalt, Ausbeutung und Sklaverei Desorganisation und Chaos hinterlassen. Dadurch wurde ein Nährboden für korrupte, politische Strukturen geschaffen, die eine elitäre Minderheit bevorteilt und die Mehrheit der Bevölkerung ausbluten lässt. Innerstaatliche Konflikte werden zu Dauerkriegen und durch extreme Wetterereignisse noch verschlimmert.

Darüber hinaus bekommen die Folgen der Erderwärmung ironischerweise nicht die Verursacher des Klimawandels zu spüren, sondern gerade die ärmsten Länder dieser Welt. Gleichzeitig beklagt man sich an den Grenzen Europas über Flüchtlingswellen und übersieht, dass die Ursachen hierfür in unserer Vergangenheit liegen. „Das soziale Klima ist komplexer als das physikalische […] Klimaveränderungen wirken in zwei Richtungen: Sie können Gewaltkonflikte hervorrufen oder bestehende Konfliktlagen vertiefen. Zudem können sie durch Interaktionen, Kumulierungen und indirekte Verkettungen unerwartete Folgen hervorrufen. […] Es gibt Klimakriege, es wird getötet, gestorben, geflohen. Empirisch besteht nicht der mindeste Grund zu glauben, dass die Welt so bleibt, wie wir sie kennen.“ (Welzer, 2010, S.249).

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Bild: Pixabay (Benita5)“

„Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen“

Durch die Mechanismen der kognitiven Dissonanz fällt es uns leicht, diese Horrorszenarien zu verdrängen. Sie liegen in ferner Zukunft, womöglich werden sie unsere Generation gar nicht mehr betreffen. Außerdem müssen Prognosen sich nicht zwangsläufig bewahrheiten. Erst einem Hurrikan der Stärke fünf, dessen zerstörerische Kraft die westliche Zivilisation mit voller Wucht trifft, ist es möglich die Diskussionen um den Klimawandel neu zu entfachen. Hurrikan „Irma“ hat im September 2017 in Florida eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und wartete mit rekordverdächtigen Extremwerten auf. Meteorologen mussten lange in ihren Wetteraufzeichnungen suchen, um Hurrikane mit vergleichbaren Werten ausfindig zu machen.

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Der Hurrikan „Irma“ sorgte im September 2017 für Chaos und Zerstörung in vielen Karibikstaaten sowie in Florida in den USA.   Bild: Pixaby (paulbr75)

„Ist das nun der Klimawandel?“ – Jein. Experten sind sich einig, dass der Klimawandel nicht zu einem häufigeren Auftreten von Hurrikanen führt, allerdings ändert sich die Intensität dieser Wirbelstürme. Hurrikane bilden sich über dem Meer und bekommen ihre Energie durch erhöhte Wassertemperaturen (> 26,5 Grad). Das karibische Meer vor der Westküste Floridas wies ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen auf, welche teilweise bis zu 80m in die Tiefe reichten. Künftige Hurrikane werden daher auch deutlich höhere Geschwindigkeiten aufweisen, da sie mehr Energie durch ansteigende Wassertemperaturen ziehen können. Unsere Ozeane haben sich in den letzten 60 Jahren 15mal so schnell erhitzt, als bei jeder natürlichen Temperaturschwankung der letzten 10.000 Jahre. Der Klimawandel ist somit nicht für das Auftreten solcher Naturgewalten verantwortlich, aber für deren Stärke und schlimmer werdende Folgen der Zerstörung (Rosenthal, Linsley & Oppo, 2013; Spiegel Online, 2017).

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Bild: Pixabay (RitaE)

Naturgewalten dieser Art haben somit das Potential, uns die verheerenden Folgen des Klimawandels direkt vor Augen zu führen. Um die psychologischen Gründe für unser „Nicht-Handeln“ zu überbrücken muss die Brisanz dieser Thematik erst einmal in unser Bewusstsein rücken. Es ist an der Zeit Verantwortung zu übernehmen, für die Fehler der Generationen vor uns und das Wohlbefinden der Generationen nach uns. Die Handlungsohnmacht kann umgangen werden, indem man sich bewusst macht, dass der einzelne Verbraucher in der Summe sehr wohl Veränderungen hervorrufen kann.

„Da die Astronomie noch keine kolonisierbaren Planeten in Reichweite anbieten kann, kommt man um die ernüchternde Feststellung nicht herum, dass die Erde eine Insel ist. Man kann nicht weiterziehen, wenn das Land abgegrast und die Rohstoff-Felder abgebaut sind“ (Welzer, 2010, S.14).

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„Es gibt nur diese eine Erde.“   Bild: Pixabay (qimono)

 

Autor: Jana Schindler (Gastbeitrag)

Quellen:

Festinger, L. (1962). A theory of cognitive dissonance (Vol. 2). Stanford university press.

Kelley, C. P., Mohtadi, S., Cane, M. A., Seager, R., & Kushnir, Y. (2015). Climate change in
the Fertile Crescent and implications of the recent Syrian drought. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(11), 3241-3246.

Pro Asyl (2014). Neue Schätzung: Mindestens 23000 Tote seit dem Jahr 2000. Verfügbar unter:https://www.proasyl.de/news/neue-schaetzung-mindestens-23-000-tote- fluechtlinge-seit-dem-jahr-2000/ (Stand: 12.09.17)

Prunier, G. (2007). Darfur. Der» uneindeutige «Genozid. Hamburg.

Rosenthal, Y., Linsley, B. K., & Oppo, D. W. (2013). Pacific ocean heat content during the past 10,000 years. Science, 342(6158), 617-621.

Roser-Renouf, C., Maibach, E., Leiserowitz, A., & Rosenthal, S. (2016). Global Warming’s Six Americas and the Election, 2016. Yale University and George Mason University. New Haven, CT: Yale Program on Climate Change Communication.

Ruhr Universität Bochum. (2016). Darfur, der schillernde Konflikt. Verfügbar unter: http://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2016-09-09-diaspora-und- genozidforschung-darfur-der-schilllernde-konflikt (Stand: 10.09.17)

Saenz-Arroyo, A., Roberts, C., Torre, J., Carino-Olvera, M., & Enríquez-Andrade, R. (2005). Rapidly shifting environmental baselines among fishers of the Gulf of California. Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences, 272(1575), 1957- 1962.

Spiegel Online (2017). Hurrikan „Irma“. Möge Gott uns alle beschützen. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/hurrikan-irma-was-die-wissenschaft-ueber- den-sturm-weiss-a-1166392.html (Stand: 15.09.2017)

United Nations Environment Programme (UNEP): Sudan. Post-Conflict Environmental Assessment, Nairobi 2007.

Welzer, H. (2010). Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. 2.A. Frankfurt: S. Fischer Verlag.

Die unvorhersehbaren Konsequenzen der Erderwärmung: Soziale Folgen und Klimakriege (Teil 1)

Psychologische Erklärungsansätze des „Nicht-Handelns“: Warum fällt es uns so schwer, unsere Einstellungen und Verhaltensweisen zu ändern? 

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Bild: Pixabay (cocoparisienne)

Im Juni 2017 verkündete US-Präsident Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen, eine internationale Klimaschutzvereinbarung, der rund 190 Staaten angehören. Diese haben das gemeinsame Ziel vor Augen, die Erderwärmung im Schnitt auf maximal zwei Grad Celsius zu beschränken. Die Entscheidung Trumps repräsentiert die Haltung vieler US-Bürger zum Klimawandel: Jeder Fünfte äußert Zweifel am Klimawandel oder lehnt diesen gänzlich ab, während lediglich 17 Prozent die Erderwärmung als alarmierend einstufen (Roser-Renouf, Maibach, Leiserowitz & Rosenthal, 2016).

Wie kann man sich diese Haltung erklären, angesichts der Häufung und Dimensionen extremer Wetterereignisse, die in Form von Tornados oder Hurrikanen auch die Vereinigten Staaten heimsuchen? Der Sozialpsychologe Harald Welzer (2010) schildert in seinem Buch „Klimakriege“ unter anderem Erklärungsansätze für widersprüchliche Verhaltensweisen in Bezug auf den Klimawandel, welche auf psychologischen Theorien beruhen und im Folgenden kurz erläutert werden.

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Bild: Pixabay (Comfreak)

Innere Konflikte und kognitive Dissonanz: Warum wir trotzdem weiter in den Urlaub fliegen und unseren Lebensstil nicht einschränken

Am Beispiel der USA könnte das Konstrukt der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1962) zum Tragen kommen. Tatsächlich eintretende Ereignisse, wie langandauernde Trockenphasen in Kalifornien, schmelzende Gletscher in den Rocky Mountains oder regelmäßige Überschwemmungen in Küstengebieten unterstützen die Theorie des Klimawandels, jedoch würde dies bedeuten, den verschwenderischen, amerikanischen Lebensstil zu ändern – das moralisch vertretbare Verhalten stimmt demnach nicht mit dem aktuellen Verhalten überein und Berichte über den Klimaeffekt stehen im Kontrast zum eigenen, nicht klima-gerechten Verhalten, was zu einem inneren Konflikt führt.

Um das Gefühl dieser Dissonanz zu reduzieren, kann man verschiedene Strategien anwenden. Der einfachste Weg ist es, den Klimawandel zu negieren, indem man ihn beispielsweise als die Erfindung Chinas umdeutet. Wenn etwas nicht existiert, muss man sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen und kann wieder guten Gewissens den großvolumigen 12 Zylinder spazieren fahren.

Dissonanzreduktion hat jedoch verschiedene Gesichter. Auch Menschen, die an den Klimawandel glauben, geben keineswegs bereitwillig ihre eingefahrenen und bequemen Verhaltensweisen auf, um die Erderwärmung abzumildern. Es wird trotzdem noch in den Urlaub geflogen, mit dem einzigen Unterschied, dass dies nun mit schlechtem Gewissen geschieht. „Es kann schon genügen, ein Bewusstsein über das Problem zu haben, was einem suggeriert, dass man ihm nicht gleichgültig oder gedankenlos oder gar ohnmächtig gegenübersteht. Man ändert also seine Einstellung zum Problem und nicht seine Ursache“ (Welzer, 2010, S.27). Der innere Spannungskonflikt wird hier reduziert, indem man sich beispielsweise vornimmt, das letzte Mal in einen Flieger zu steigen, sich die Solarkollektoren auf dem Garagendach ins Gedächtnis ruft, oder seinen Lebensstil mit dem Anderer vergleicht und feststellt, dass der eigene CO2-Fußabdruck im Verhältnis dazu noch ganz akzeptabel ist.

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„Sorry, Urlaub war uns wichtiger.“     Bild: Pixabay (slavikfi)

Verantwortungsbewusstsein: „Nach uns die Sintflut“ 

Diese Gedankenvorgänge werden durch ein fehlendes Verantwortungsbewusstsein bezüglich der Problematik des Klimawandels verstärkt. Laut Welzer (2010) findet die Übernahme von Verantwortung nur dann statt, wenn eine zeitliche Nähe zwischen der Ursache und der Folge einer Handlung besteht. Die eigentlichen „Verursacher“ des Klimawandels können oft nicht zur Rechenschaft gezogen werden, da sie nicht mehr unter den Lebenden weilen und die heute eintretenden Folgen damals nicht vorhersehen konnten.

Darüber hinaus besteht für die heutigen Generationen keine Garantie, dass die empfohlenen Klimaschutzmaßnahmen eine bedeutsame Wirkung zeigen, von denen, abgesehen davon, erst die Generationen nach uns profitieren würden. „Einer im Jahr 2007 lebenden 40jährigen Person wird eine Verantwortung für ein Problem zugeschrieben, dessen Verursachung zeitlich vor ihrer Geburt und dessen Lösung nach ihrem Tod lokalisiert ist, weshalb sie weder auf die Verursachung noch auf die Lösung direkt Einfluss nehmen kann“ (Welzer, 2010, S.32).

Die Ursache-Folgen-Kette des Klimawandels ist demnach generationsübergreifend, was die Erfahrbarkeit der Problematik erschwert und neben dem daraus resultierenden Gefühl der Nicht-Verantwortlichkeit auch zu einer absinkenden Handlungsmotivation führt. Diese fehlende Motivation wird darüber hinaus durch die geringe Kontrollierbarkeit von Umweltproblematiken bedingt. Während einige Industriestaaten allmählich aufwachen und auf nachhaltiges Wachstum umsatteln, beharren Schwellenländer auf ihrem Recht, die gleichen Fehler begehen zu dürfen, wie sie einst andere Nationen vor ihnen begangen haben, um ein uneingeschränktes, wirtschaftliches Wachstum zu erlangen.

Problematiken wie Ressourcenverbrauch und Umwelt- verschmutzung werden dadurch verstärkt und machen die einzelnen, lokalen Bemühungen fortschrittlich denkender Nationen zu Nichte. Das Gefühl, als einzelner Akteur nichts bewirken zu können, macht sich breit, man steht dem Problem ohnmächtig und handlungsunfähig gegenüber, daraus resultiert eine geringe Bereitschaft, sein Verhalten zu ändern, da die positiven Effekte ungewiss sind.

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Bild: Pixabay (niekverlaan)

Shifting Baselines: Wir nehmen nur wahr, was zu unserem Referenzrahmen passt 

Ein weiteres, sozialpsychologisches Phänomen, welches die teilweise indifferent scheinenden Einstellungen dem Klimawandel gegenüber erklären könnte, nennt sich „Shifting baselines“. Menschen empfinden den aktuellen Zustand ihrer Lebens- und Erfahrungszeit immer als natürlich und normal, da sich die Orientierungspunkte, an denen unsere Wahrnehmungen festgemacht werden, schleichend und unmerklich verschieben.

Welzer (2010) erwähnt in diesem Zusammenhang eine Studie zur Einschätzung des Fischbestandes kalifornischer Fischer (Saenz-Arroyo, Roberts, Torre, Carino-Olvera & Enriquez-Andrade, 2005). Hierbei wurden drei Fischer-Generationen zur Vielfalt, Größe und Vorkommen der hiesigen Fischarten befragt. 80 Prozent waren der Meinung, dass die Bestände insgesamt zurückgegangen seien, jedoch unterschied sich die Wahrnehmung hierzu deutlich von Generation zu Generation. Während die älteste Gruppe noch 11 Arten benennen konnte, die vor der Küste nicht mehr auftauchten, zählte die jüngste Gruppe nur zwei Fischarten auf. Daher gaben auch lediglich 10 Prozent der jungen Fischer an, dass Bestände gänzlich verschwunden seien. Kaum einer von ihnen wusste, dass die Generationen vor ihnen noch in unmittelbarer Küstennähe fischen konnten, in ihrer Erfahrungswelt hat es dort niemals Fische gegeben, daher wurde die Brisanz der Überfischung auch wesentlich geringer eingeschätzt, als durch die ältere Generation.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Verschiebung der Wahrnehmung und Bewertung von Orientierungspunkten den Umgang mit Umweltproblematiken erheblich erschweren kann. In Bezug auf den Klimawandel heißt das, dass immer wärmer werdende Winter, früher einsetzende Sommer oder extreme Wetterereignisse anfangs mit höherer Intensität wahrgenommen werden, anschließend wird der Nachrichtenwert und die Aufmerksamkeit zurückgehen, und die Verschiebung wird in unserer Wahrnehmung allmählich selbstverständlich. „Man hält zunehmend für ‚natürlich’, was eigentlich wenig mit der Natur zu tun hat“ (Welzer, 2010, S.214).

Das Augenmerk des Autors liegt jedoch nicht auf der Gewöhnung an ökologische Folgen des Klimawandels, sondern vielmehr auf dadurch entstehende soziale Probleme, die in den aktuellen Debatten um den Klimawandel oftmals zu kurz kommen. Durch die Verschiebung der Küstenlinien, voranschreitende Versteppung und Wüstenbildung oder Häufung von Extremwetterereignissen wird weltweit immer mehr Menschen die Existenzgrundlage entzogen. Innerstaatliche Konflikte, Bürgerkriege und Massenmigrationen, die direkt mit den Folgen der Erderwärmung in Zusammenhang stehen, führen zu einer neuen Dimension der Kriegsführung.

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Bild: Pixabay (Myriams-Fotos)

 

Autor: Jana Schindler (Gastbeitrag)

Quellen:

Festinger, L. (1962). A theory of cognitive dissonance (Vol. 2). Stanford University press.

Kelley, C. P., Mohtadi, S., Cane, M. A., Seager, R., & Kushnir, Y. (2015). Climate change in the Fertile Crescent and implications of the recent Syrian drought. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(11), 3241-3246.

Pro Asyl (2014). Neue Schätzung: Mindestens 23000 Tote seit dem Jahr 2000. Verfügbar unter: https://www.proasyl.de/news/neue-schaetzung-mindestens-23-000-tote-fluechtlinge-seit-dem-jahr-2000/ (Stand: 12.09.17)

Prunier, G. (2007). Darfur. Der» uneindeutige «Genozid. Hamburg.

Rosenthal, Y., Linsley, B. K., & Oppo, D. W. (2013). Pacific ocean heat content during the past 10,000 years. Science, 342(6158), 617-621.

Roser-Renouf, C., Maibach, E., Leiserowitz, A., & Rosenthal, S. (2016). Global Warming’s Six Americas and the Election, 2016. Yale University and George Mason University. New Haven, CT: Yale Program on Climate Change Communication.

Ruhr Universität Bochum. (2016). Darfur, der schillernde Konflikt. Verfügbar unter: http://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2016-09-09-diaspora-und-genozidforschung-darfur-der-schilllernde-konflikt (Stand: 10.09.17)

Saenz-Arroyo, A., Roberts, C., Torre, J., Carino-Olvera, M., & Enríquez-Andrade, R. (2005).Rapidly shifting environmental baselines among fishers of the Gulf of California. Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences, 272(1575), 1957-1962.

Spiegel Online (2017). Hurrikan „Irma“. Möge Gott uns alle beschützen. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/hurrikan-irma-was-die-wissenschaft-ueber-den-sturm-weiss-a-1166392.html (Stand: 15.09.2017)

United Nations Environment Programme (UNEP): Sudan. Post-Conflict Environmental Assessment, Nairobi 2007.

Welzer, H. (2010). Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. 2.A. Frankfurt: S. Fischer Verlag.

„Utopia hat etwas Besonderes – es war sehr cool hier!“

DJ Sam Feldt im Exklusiv-Interview über Utopia Island und seine Musik

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DJ Sam Feldt hat bei den Gästen zur Preparty von Utopia Island ordentlich für Stimmung gesorgt. © Laura Schindler

Auf der Preparty von Utopia Island hat der international gefeierte, niederländische DJ Sam Feldt (24) den Besuchern ordentlich eingeheizt. Ich habe ihn für die Moosburger Zeitung nach seinem Auftritt getroffen und mit ihm über seine Musik gesprochen.

Wie war es für dich, auf Utopia Island aufzutreten? Wie hast du das Festival an sich wahrgenommen?

Sam Feldt: Es war mein erstes Mal hier, deshalb wusste ich gar nicht, was mich erwarten würde. Es war schön, dass ich auf der Preparty auflegen durfte, da die Leute zu diesem Zeitpunkt noch voller Energie sind und toll auf dich eingehen. Es war wirklich sehr cool hier, es hat mir gut gefallen!

Und ist dir irgendetwas Besonderes hier aufgefallen, das Utopia Island von anderen Festivals unterscheidet, nachdem du ja immerhin bereits fast auf allen großen Electro-Festivals der Welt aufgelegt hast?

Sam Feldt: Ja, ich durfte wirklich schon auf vielen Festivals spielen, wie beispielsweise Tomorrowland, Coachella, UMF oder Ushuaia. Ich finde, dass das Publikum, besonders hier in Deutschland, einfach einzigartig ist. Und das macht den Unterschied! Du kannst das größte Festival, die schönste Bühne, die meisten Zuhörer haben – aber wenn die Leute nicht abgehen, ist das überhaupt nichts wert. Und hier war es eben sehr einfach, es war nur ein Zelt, aber es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, und das war, weil die Leute so gut mitgegangen sind.

Und was speziell macht dann den Unterschied: Sind es die Deutschen im Allgemeinen, war es das Festival, die Location oder einfach das Gesamtpaket?

Sam Feldt: Na ja, in Deutschland hast du generell fantastische Zuhörer. Aber hier war ich wirklich überrascht, denn als ich angefangen hatte, mein Set zu spielen, war es noch sehr ruhig. Aber dann, nach etwa 20 Minuten, hat sich das Zelt schnell gefüllt. Normalerweise dauert es eine Weile, bis man in der Stimmung ist, Party zu machen. Aber hier sind die Leute wirklich von der einen auf die andere Minute dabei gewesen. Und ich denke, das ist schon etwas Besonderes an Utopia Island.

Wie wurdest du auf das Utopia Island Festival aufmerksam?

Sam Feldt: Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie davon gehört, da ich in Amsterdam in den Niederlanden lebe und wir haben viele eigene Festivals dort. Mein Booking Team hat alles organisiert, aber natürlich habe ich mich davor über Utopia Island informiert und mir ein paar alte Videos angesehen und dann war ich echt aufgeregt, hier zu performen!

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Sam Feldt hat allein auf Spotify über sechs Millionen monatliche Hörer. © Sam Feldt

Warst Du schon immer ein Fan von elektronischer Musik?

Sam Feldt: Ich war schon immer ein Fan von vielen Genres. Ich hab Metallica und die Foo Fighters gehört, aber auch John Mayer oder Jack Johnson, Rock, Pop, Folk – alles Mögliche. Das ist auch der Grund, warum ich versuche, so viele melodische Aspekte in meine Songs zu packen wie möglich. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen.

Wann hast du dich dazu entschieden, DJ zu werden und warum?

Sam Feldt: Ich erinnere mich noch genau an ein Festival vor langer Zeit, als ich Justice zum ersten Mal live gesehen habe. Und ich dachte mir: Wow, das ist echt cool, dass du das alles mit Computern und elektronischer Musik machen kannst. Das war der Moment, als ich mich dazu entschieden habe, DJ zu werden. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich bereits angefangen, ein wenig meine eigenen Songs zu produzieren. Vor etwa acht Jahren habe ich beschlossen, dass ich es wirklich versuchen werde und ich habe mir die ganze Ausrüstung zugelegt, versucht einen Vertrag zu bekommen und dann hat es immerhin noch fünf Jahre gedauert, bis ich einen hatte!

Wie ist es für dich, wenn du an diesen Anfang zurückdenkst und deinen Erfolg heute siehst und einen Vergleich ziehst?

Sam Feldt: Das ist wirklich unglaublich! Es gab viele Momente, in denen ich mir gesagt habe, dass ich aufgeben werde, mir einen normalen Job suchen werde. Jeder um mich rum hat angefangen, einen richtigen Beruf zu lernen, das war viel Druck. Aber ich bin wirklich froh, dass ich meinen Traum nicht aufgegeben habe, jetzt im Nachhinein ist alles gut geworden.

Hat der Erfolg etwas in deinem Leben verändert?

Sam Feldt: Alles! Davor war ich in der Schule, verbrachte meine ganze Freizeit hinter dem Computer, um Musik zu machen. Und nun verbringe ich die meiste Zeit auf der Straße, spiele Shows, ich bin kaum zu Hause und überall auf der Welt unterwegs. Das alles hat mein Leben in vielen Dingen verändert, aber die meisten davon sind gut. Wenn ich auf die Bühne gehe, denke ich mir: Das ist es wert!

Bist du noch nervös, wenn du auf Festivals auftrittst?

Sam Feldt: Es gibt ein paar Festivals, bei denen ich wirklich noch aufgeregt bin, beispielsweise das Ultra Music Festival, weil dort Millionen Menschen den Livestream ansehen und wenn du einen Fehler machst, es alle mitbekommen! Aber auf normalen Festivals habe ich das eigentlich nicht mehr.

Wie erklärst du dir den Hype um elektronische Musik in den letzten fünf bis zehn Jahren?

Sam Feldt: Wenn du heutzutage das Radio anmachst, kannst du einen Dance-Song nicht mehr wirklich von einem Pop-Song unterscheiden. Es ist irgendwie eins geworden. Im Gegensatz zu früher ist heute EDM Pop und Pop ist EDM. Leute wie Robin Schulz werden überall im Radio gespielt. Das ist, denke ich, einer der Faktoren: Es ist mittlerweile ziemlich Mainstream geworden. Davor war Dance-Musik nur etwas für den Club und Popmusik nur etwas fürs Radio, jetzt ist es vermischt.

Wie ist es für dich mit so bekannten DJs wie etwa Akon oder Inna zusammenzuarbeiten?

Sam Feldt: Das ist eine sehr große Ehre! Seit ich ein Kind bin, höre ich die beiden beispielsweise, es ist toll, nun mit ihnen arbeiten zu dürfen. Vor ein paar Jahren noch hätte ich mir das nie erträumt!

Hast du irgendwelche Vorbilder?

Sam Feldt: Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird und eine schwierige Frage! Ich habe viele Vorbilder in vielen Lebensbereichen, wie Musik, Sport, im Leben allgemein. Aber ich kann nicht sagen, dieser eine ist mein Vorbild! In der Musik inspirieren mich viele Live-Bands wie zum Beispiel die Beatles. Aber es ist schwierig, einen herauszupicken.

Und in deiner Familie?

Sam Feldt: Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater hat schon immer Gitarre gespielt, hat viele Songs geschrieben und spielt immer noch in einigen Bands, die Musik war also schon immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Meine Mutter begleitet mich auch immer auf sehr viele Festivals. Von ihnen habe ich sehr viel Inspiration bekommen, jedoch sehe ich sie nicht als Vorbilder, weil das bedeuten würde, dass ich genau so werde wie sie und in ihre Fußstapfen trete. Ich denke jedoch, dass man im Leben seinen eigenen Weg finden und gehen soll.

Bald kommt deine neue Single mit Akon und im Herbst ein neues Album raus. Auf was dürfen wir gespannt sein?

Sam Feldt: Genau, am 17. August erscheint die neue Single mit Akon. Der Song beinhaltet eine tolle Kombination von unseren beiden Styles, es war etwas komplett Neues für mich, da ich noch nie zuvor mit einem Rapper zusammen gearbeitet habe. Es ist eine Art Reggae-Hip-Hop-House-Song. Ende Oktober kommt das neue Album, in dem viel neue Sam Feldt-Musik steckt, um die 24 Songs, mit vielen neuen Experimenten, neuen Künstlern, mit denen ich zusammen gearbeitet habe. In dem Album wird man die Vielfalt zu spüren bekommen, für die Sam Feldt steht!

 

Vielen Dank für das Gespräch! 

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Foto im Backstage-Bereich nach dem Interview musste sein! © Laura Schindler

Utopia lässt sich trotz Regen feiern

15.000 Besucher zur fünften Auflage am Aquapark mit Marteria, Martin Garrix und Co.

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Zum Auftritt der Berliner Hip-Hop-Formation „K.I.Z.“ am Freitagabend war der Bereich vor der Mainstage beim Utopia-Island-Festival voll gefüllt. © Laura Schindler 

Über 15.000 Besucher feierten von Donnerstag bis Sonntag den fünften Geburtstag von Utopia Island am Aquapark. Weltbekannte DJs wie Martin Garrix oder Marshmello und auch Deutschlands wohl derzeit beliebtester Rapper Marteria sowie die Berliner Band „K.I.Z.“ schauten vorbei und lieferten emotionale Auftritte ab. Einziges Manko des Festivalwochenendes war das regnerische Wetter, das den Campingplatz in ein Schlammbad verwandelte.

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Pflichtfototermin am Utopia-Schild.  © Laura Schindler 

Utopia Island wird fünf Jahre alt und alle feiern mit: Egal ob aus Hamburg, Garmisch, Stuttgart oder sogar über die Landesgrenzen hinweg – von überall reisten zahlreiche Festivalfans nach Moosburg, um feinen Elektrosound, Rap und Hip Hop zu hören sowie drei Tage in der Utopia-Blase zu schwelgen. Bereits am Donnerstagvormittag stürmten die ersten Gäste den Campingplatz – lange Wartezeiten am Ticketschalter und bei den Sicherheitskontrollen waren vorprogrammiert.

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Lange Wartezeiten beim Einlass zur fünften Auflage von Utopia Island. © Laura Schindler 

Als große Neuheit auf der Insel wurde das Cashless-System eingeführt, bargeldloses Bezahlen durch einen RFID-Chip, überall auf dem Festivalgelände. Damit verbunden mussten die Besucher ihren Chip bei jedem Einlass aufs Neue scannen lassen. Mehr Sicherheit auf dem Gelände und geringere Wartezeiten an Verkaufsbuden versprachen die Veranstalter, dies traf in den allermeisten Fällen auch zu.

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Neu auf Utopia Island: Das Cashless-System mit RFID-Chip am Festivalbändchen, das jedes Mal bei Einlasskontrollen aufs Neue gescannt werden musste. © Laura Schindler 

Am späten Donnerstagnachmittag feuerte André Dancekowski dann im Aura-Zelt – sicher vor fiesem Regen und Wind – den Startschuss für die fünfte Auflage von Utopia Island ab. Es ging weiter mit Falko Niestolik und schließlich: Sam Feldt. Den international gefeierten, niederländischen DJ haben wir nach seinem Auftritt zum Interview in der Backstage-Area getroffen. Den krönenden Abschluss am Donnerstag bildeten „Drunken Masters“ und „Netsky“.

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Schnappschuss mit Festivalgästen, bevor es zum Auftritt von Marteria auf die Mainstage ging.    © Laura Schindler 

 

In der Zwischenzeit, nach heftigen und andauernden Regenfällen, hatte sich der Campingplatz in eine Schlammwiese verwandelt, auf der man ohne Gummistiefel nicht mehr durchkam und verloren war. Bedauert wurde von vielen Festivalgästen, dass es kein richtiges Camping Village mit ausgelegtem Boden an der Campingplatz-Wiese selbst gab wie im vergangenen Jahr. Da das eigentliche Camping Village laut Pressesprecher Leonhard Mandl auf die gegenüberliegende Straßenseite mit befestigtem Untergrund verlegt wurde, war im Vorhinein nicht geplant, die Wege und den Eingang zum Campingplatz mit Stroh, Kies, Platten, Hackschnitzel oder Ähnlichem auszulegen.

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So matschig war es heuer auf dem Utopia Island Festival…    © Laura Schindler 

Hier geht der Daumen im Punkt Organisation leider runter, denn auch kurzfristig konnte keine Lösung mehr gefunden werden, die die weiten Wege durch den Matsch vom Campingplatz zum Festivalgelände oder Parkplatz erleichtert hätte. Positiver Nebeneffekt für die umliegenden Schuhgeschäfte und Baumärkte: Gummistiefel in den Größen 38 bis 46 waren in kürzester Zeit ausverkauft. Schade war zudem, dass der Campingplatz kein markantes Zentrum mit Musik und Verkaufsständen mehr hatte, die Dekoration und Liebe zum Detail der vergangenen Jahre ging hier verloren.

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Die trotz Regenwetter und Wind wunderschöne Festivalavenue von Utopia Island.  © Laura Schindler 

Man merkt, dass die Insel wächst: Zwar kommen jedes Jahr noch bekanntere Künstler zum Utopia-Island-Festival, dafür gibt es mit jedem Mal auch etwas von seinem besonderen Flair der ersten Jahre ab. Die Ticketpreise werden höher, die Insel wird voller, der Campingplatz gleicht teilweise einer Massenabfertigung. Durch den Umzug der Seaside-Stage ans linke Ufer wurde immerhin das Festivalgelände ein wenig erweitert, wodurch sich die Menschenmassen besser verteilten als noch im vergangenen Jahr.

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Die Festivalgäste ließen sich ihre Laune vom Regen nicht verderben. © Laura Schindler 

Absoluter Höhepunkt waren natürlich die Auftritte der Headliner Marteria, Martin Garrix, „K.I.Z.“ und „Marshmello“. Aber auch Tinie Tempah und Sam Feldt heizten den Festivalbesuchern ordentlich ein. Die beste Bühnenpräsenz zeigte jedoch mit Abstand der Rapper Marteria: Nach dem Motto „Das ist ein Marteria-Konzert!“ riss er sich das T-Shirt vom Leib, schmiss es in die Menge und hunderte Fans in der Masse taten es ihm gleich und sangen seine Songs. Obwohl er bereits einmal fallen gelassen wurde, ließ er sich erneut in der Menge treiben und von seinen Fans auf Händen tragen. Er war derjenige, der seinem Publikum am nächsten war und wusste, dieses mitzureißen.

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Deutschlands derzeit wohl beliebtester Rapper Marteria feuerte am Samstagabend auf dem Utopia-Island-Festival die mit Abstand beste Bühnenshow ab. © Laura Schindler 

Die Veranstalter sahen das ähnlich: „Highlights waren die energiegeladenen Auftritte von Marteria und Martin Garrix mit schönem und auf die Musik abgestimmtem Feuerwerk“, sagte Leonhard Mandl. „Außerdem schön waren die großen Augen von den vier Hamburgern, die ein Meet-and-Greet mit ,ATB‘ gewonnen haben. Die vier haben ein Interview durchgeführt, als wären sie die wahrsten Profis, und ,ATB‘ durchaus mit der ein oder anderen ungewöhnlichen Frage herausgefordert.“ Das Fazit der Veranstalter um Lorenz Schmid und Thomas Sellmeir fällt damit wieder positiv aus: „Vor allem, weil sich die Gäste, Künstler und Helfer nicht vom Wetter entmutigen haben lassen und für ein schönes Geburtstagsfest gesorgt haben“, erklärt Mandl.

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Weltstar Martin Garrix zu Gast in Moosburg! © Laura Schindler 

In etwa einer Woche sollte man einen Teilabschnitt des Aquaparks wieder zum Baden nutzen können. Das gesamte Areal soll laut Mandl auch nach gewisser Bodenaufbereitung nach und nach freigegeben werden: „Das dauert etwas länger. Manche Bereiche wurden stärker beansprucht als andere.“

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Der Aquapark bietet auch bei Regen die perfekte Kulisse für das Festival.  © Laura Schindler

Größer, schneller, besser

Utopia Island feiert fünften Geburtstag – und beschenkt sich mit Martin Garrix selbst

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Seit Montag wurde fleißig aufgebaut am Aquapark für die fünfte Auflage von Utopia Island. Das obligatorische Utopia-Schild ist wieder mit dabei. © Laura Schindler

Ab heute Vormittag herrscht rund ums Gelände des Aquaparks wieder Ausnahmezustand: Das Utopia Island Festival steht in den Startlöchern und feiert bereits seinen fünften Geburtstag in Moosburg. Für die kommenden Tage werden über 13 000 Gäste auf der Insel erwartet. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden ein weiteres Mal verstärkt und es wird viel Neues zur fünften Auflage geben. Die Organisatoren haben sich die Kritikpunkte vom letzten Jahr zu Herzen genommen und versprechen: Es soll diesmal alles noch besser, schöner und reibungsloser ablaufen.

Höhepunkt des diesjährigen Utopia Island Festivals ist mit Abstand wieder des fulminante Line Up. Denn mit dem international gefeierten DJ Martin Garrix als Headliner übertreffen sich die Organisatoren einmal mehr und beschenken sich auch selbst zu ihrem fünften Geburtstag. Außerdem darf man sich auf bekannte Namen wie den deutschen Rapper Marteria, Marshmello, K.I.Z. oder Deorro freuen. Bei den über 80 musikalischen Top-Acts, die erwartet werden, sind auch wieder einige noch etwas unbekanntere DJs aus der Region mit an Bord oder auch solche, die bereits ihr Debüt auf der Insel hinter sich haben. Entdeckungsreise, aber auch ein kleines Wiedersehen also – genau das, was das besondere Flair von Utopia Island von Anfang ausgemacht hat. Mit dabei sind beispielsweise noch Art Department, Brennan Heart, Claptone, Netsky, Tinie Tempah, Adana Twins, Drunken Masters, Future Proof, Granada, Sam Feldt, Jax Jones, Le Shuuk, Monkey Safari, Pretty Pink, Grandtheft oder Route 94.

So schön sah es auf Utopia Island aus
Am Aquapark werden zum Utopia Island Festival am Wochenende wieder über 13.000 Menschen zu elektronischer Musik tanzen und feiern. © Patrick Wolf

Drei Tage lang wird wieder an der traumhaften Location des türkisblauen Aquaparks gefeiert, und diesmal, zum fünften Jubiläum, schon mit großer Vorparty am Donnerstagabend. Um die Anreise für die Gäste angenehmer und vor allem schneller durchführen zu können, haben die Organisatoren den Einlass näher an die Straße gelegt, wie Utopia-Island-Pressesprecher Leonhard Mandl mitteilt. Durch seine bessere Lage soll er nun größer und mit doppelt so viel Sicherheitspersonal ausgestattet sein.

Bargeldloses Bezahlen auf Utopia Island neu

Diese werden auch gebraucht, denn die Sicherheitsvorschriften wurden heuer erneut verschärft. Es wird noch genauer hingeschaut, was Wartezeiten nicht ganz vermeiden lassen wird. Zudem wird das Einlassband in diesem Jahr zum ersten Mal mit einem Chip versehen, der das Ticket scannt – ähnlich wie bei Skipasskontrollen am Lift. „Es kann sich also keiner mehr so leicht durchschleichen“, erklärt Mandl.

Der ins Festivalbändchen integrierte RFID-Chip bringt eine weitere Neuerung zu Utopia Island: das Cashless-System. Bargeld wird damit von der Insel verbannt, was ein schnelleres Bezahlen möglich machen und ebenfalls die Wartezeiten an Verkaufsständen verkürzen soll. Den Chip kann man bereits von zuhause aus bequem per Überweisung aufladen, es wird hierfür aber auch viele Stationen am Festival selbst geben. Den Restbetrag kann man sich nach dem Festival überweisen lassen und muss hier nicht extra noch am letzten Tag anstehen.

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Die Festival-Venue wartet auch bereits auf ihre Gäste! © Laura Schindler 

Ab diesem Jahr können Festivalbesucher sich außerdem eisgekühltes Bier über den Utopia-Ticketshop fast direkt vor die Camping-Haustür liefern lassen. Auch Riesenradfahrten und Hubschrauberrundflüge während des Festivals können bereits von zuhause aus übers Internet gebucht werden. Insgesamt haben die Organisatoren rund um die Klangfeld-Geschäftsführer Lorenz Schmid und Thomas Sellmeir weiter an ihrem Konzept gefeilt und das Utopia-Island-Festival optimiert. So soll beispielsweise die große Mainstage dieses Jahr durch einen äußerlichen, verzierten Rahmen in die besondere, handgemachte Dekoration von Utopia mit eingebunden werden, was im vergangenen Jahr nicht der Fall war und von vielen bemängelt wurde. „Darauf darf man sich auf jeden Fall freuen“, verspricht Leonhard Mandl.

Bessere Wasserversorgung für den Campingplatz

Auch den Kritikpunkt zur Versorgung mit Toiletten und Duschen auf dem Campingplatz haben sich die Veranstalter zu Herzen genommen und diese näher an den See gelegt, weil damit die Leitungswege kürzer sind. „Caravancamping und Campingvillage tauschen damit quasi Plätze“, erklärt Mandl. Zum Duschen müssen Campinggäste nun also die Straßenseite wechseln.

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Neue, kreativ gestaltete Sitzgelegenheiten zum fünften Geburtstag – ein Hoch auf das Dekoteam! © Laura Schindler 

Ein schmerzlich vermisster Bestandteil von Utopia kehrt nach zwei Jahren Pause wieder zurück: die Heart-Stage. Diese wandert nun ins Camping Village und rundet so das Bühnenbild wieder perfekt ab. Auch die Seaside-Stage wandert im Gelände etwas nach links und steht wieder am Wasser, in Richtung Rotes Kreuz.

In diese Richtung wird es auch die einzige Erweiterung des Festivalgeländes geben, wovon man sich im Strandbereich mehr Platz erhofft. An den teuren Wasserpreisen, ein weiterer Kritikpunkt im letzten Jahr, wird sich vermutlich nichts ändern, wie Mandl meint, da die Gastronomie wieder von externen Betreibern gestemmt wird.

Der Vorjahresstand von 12 500 Besuchern auf Utopia Island soll erneut überschritten werden. Momentan rechnen die Veranstalter mit über 13 000 Festivalgästen.

Urlaub plus Musik - die Utopia Island
Über 13.000 Gäste werden zur fünften Auflage von Utopia Island erwartet und für drei Tage wieder ausgelassen am Gelände des Aquapark feiern. © Laura Schindler 

„Ich will Direktkandidat für alle Bürger sein“

Thomas Neudert (41) aus Wolnzach tritt im Bundestagswahlkampf für die FDP an

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Thomas Neudert (41) will für die FDP in den Bundestag einziehen. Foto: Laura Schindler

Thomas Neudert aus Wolnzach tritt bei der Bundestagswahl als Direktkandidat im Wahlkreis Freising-Pfaffenhofen-Schrobenhausen für die FDP an. Der 41-jährige Diplom-Kaufmann beschreibt sich selbst als „unbeschriebenes Blatt“ in der Politik.

Herr Neudert, wie sind Sie zur Politik gekommen?

Thomas Neudert: Ich engagiere mich schon seit meiner Jugend in der Politik. Früher noch bei der Jungen Union und der CSU, seit 2014 für die FDP. Für mich ist ehrenamtliches Engagement ein Kennzeichen Deutschlands, ohne dieses würde vieles in unserem Land nicht funktionieren.

Wie kam es zum Wechsel von der CSU zur FDP nach so langer Zeit?

Neudert: Die Trennung war keineswegs inhaltlich. Nach meinem Umzug in die Hallertau vor rund zehn Jahren habe ich mich dem CSU-Ortsverband Wolnzach angeschlossen. Dieser war jedoch „nicht sehr integrationsfreudig“, um es so auszudrücken. Als ich gemerkt habe, dass es dort nicht weitergeht für mich, bin ich ausgetreten. 2014 habe ich mit der lokalen FDP meine neue politische Heimat gefunden.

Hatten Sie während dieser Zeit bereits politische Ämter inne?

Neudert: Parteiintern ja, beispielsweise die Arbeit des Kassiers. Ansonsten bin ich als Politiker ein unbeschriebenes Blatt. Im Jahr 2014 bin ich bereits zur Kommunalwahl angetreten, hatte jedoch einen Platz relativ weit hinten auf der Liste. Ich bin kein klassischer Karrierepolitiker und stehe mitten im Leben.

Welche politischen Themen liegen Ihnen denn besonders am Herzen?

Neudert: Als Reserveoffizier interessieren mich besonders die Außen- und Sicherheitspolitik, die Wirtschafts- sowie die Sozialpolitik. Hierbei liegt mein Fokus auf Europa und der Bundeswehr, der Mittelstandsförderung sowie den drei Säulen der Rentenversicherung.

Und speziell auf den Wahlkreis Freising-Pfaffenhofen bezogen?

Neudert: Grundsätzlich geht es unserem Wahlkreis gut. Jedoch sind die Immobilienpreise sehr in die Höhe geschossen. Ich möchte mich deshalb für günstigeres Wohnen einsetzen. Ziel wäre, dass die Grunderwerbssteuer bis zu einer bestimmten Geldsumme für Erstkäufer eines Eigenheims gesenkt wird, damit diese kreditwürdiger werden. Zudem kann man Baukosten senken, indem man unsinnige Bauvorschriften und Investitionshindernisse wie etwa die Mietpreisbremse aufhebt. Ein weiteres Anliegen wäre für mich eine bessere Verkehrsanbindung für Pendler nach München.

Was ist Ihnen außerdem wichtig?

Neudert: Ich will Bundestagsdirektkandidat für alle Bürger sein und nicht nur bevorzugt Parteiveranstaltungen besuchen. Ich will mich nicht in Berlin oder meinem lokalen Wahlkreisbüro „verschanzen“. Ich will alle Gemeinden des Stimmkreises besuchen und Sprechstunden vor Ort für die Bürger einrichten.

Welche Chancen rechnen Sie sich für die Bundestagswahl aus?

Neudert: Mit Platz 45 bin ich auf der Landesliste der FDP ziemlich weit hinten, hier werde ich es wohl nicht schaffen. Im Personenvergleich rechne ich mir schon Chancen aus.

Was wäre Ihre Wunschkoalition?

Neudert: Zuerst ist es unser Ziel, wieder in den Bundestag einzuziehen. Ich denke, mit der CDU haben wir die größte Überschneidung. Generell gilt es jedoch erst einmal, eine große Koalition zu verhindern, um Stillstand zu vermeiden.

Wie führen Sie Ihren Wahlkampf? Nutzen Sie soziale Netzwerke?

Neudert: In der jetzigen Vorwahlkampfphase organisieren wir Veranstaltungen wie beispielsweise die sehr gut besuchte Podiumsdiskussion zum Thema Windkraft in Nandlstadt. Am Samstag habe ich den Ortsverband der FDP Moosburg-Hallertau bei seinem geplanten Bürgerbegehren für die Prüfung einer Tiefgarage unter dem Plan unterstützt. Ab nächster Woche werden wir die ersten Plakate aufhängen. Mein Ziel ist es, jede Gemeinde im Wahlkreis zu besuchen. Twitter nutze ich nicht, jedoch bin auf Facebook unterwegs und werde hier gegebenenfalls auch Werbung schalten. Allerdings müssen wir auch mit unserem Budget haushalten.

 

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Grafik: Moosburger Zeitung

 

Was sagen Sie zum sogenannten Diesel-Gate?

Neudert: Ich bin mit einem fünf Jahre alten VW Diesel persönlich Betroffener und daher auch gespannt, wie sich das Ganze entwickeln wird. Es ist ganz klar eine Sauerei, wie hier gepfuscht wurde. Zudem muss man abwarten, ob sich die Kartell-Vorwürfe gegen die Automobilindustrie bewahrheiten. Die Politik hat hier gepennt. Bei allen Vorwürfen muss man aber auch vorsichtig sein, denn die Automobilbranche ist eine Schlüsselindustrie für Deutschland und ein großer Arbeitgeber.

Halten Sie die geplante Ausländermaut für sinnvoll?

Neudert: Nein, dieser Plan erscheint mir absolut ineffizient, da die Verwaltungskosten einen Großteil der Einnahmen auffressen

Und was ist Ihre Meinung zur dritten Startbahn?

Neudert: Das ist ein schwieriges Thema. Die FDP ist grundsätzlich dafür, ich wäre – falls notwendig – auch dafür. Als Abgeordneter würde ich für meinen Wahlkreis alles Nötige dafür tun, um für die Betroffenen Ausgleichsmechanismen zu schaffen.

Haben Sie selbst schon einmal überlegt, ein Elektroauto zu fahren?

Neudert: Ja! Letztes Jahr habe ich mich mit dem Thema intensiv beschäftigt. Ich war allerdings irritiert, dass ich kein Leasing-Angebot hierfür fand. Zudem muss meiner Meinung nach die Infrastruktur noch besser ausgebaut werden, es braucht mehr Ladesäulen und auch die Reichweite ist noch zu klein. Für mich stellt sich die Frage: Bewegen wir uns in ein neues Dilemma, wenn alle ihr Auto mit Strom tanken?

Wie stehen Sie zum Thema Türkei, zur Flüchtlingspolitik und auch einer eventuellen Obergrenze?

Neudert: Das mit der Türkei ist eine traurige Sache, das Land entwickelt sich zunehmend zur Diktatur. Ich finde es richtig, das Aufnahmeverfahren zur EU zu stoppen. Eine Obergrenze halte ich für juristisch fragwürdig, dies wurde wohl eher erfunden, um die Menschen zu beruhigen. Wichtig in der Flüchtlingsproblematik ist es, Hilfe vor Ort zu leisten und die Lage dort zu stabilisieren. Es ist Aufgabe der Politik, den Syrienkonflikt zu lösen. Für Deutschland wäre es wichtig, gezielt Menschen im Land zu integrieren, die hier auch wertvolle Arbeit leisten können. Asylbewerber müssen zudem zeitnah und bevor sie verwurzelt sind Bescheid bekommen, ob sie abgeschoben werden oder nicht.

Steuern senken oder Schulden abbauen?

Neudert: Das kann man beides! Die lange Niedrigzinspolitik der EZB hat die öffentlichen Strukturen saniert. Es ist nun an der Zeit, dass der Staat etwas von seiner guten Situation an den Bürger abgibt. Idealer Kandidat wäre hierfür der Solidaritätszuschlag, der ohnehin überfällig ist.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation beim Thema Datenschutz ein? Haben Sie Angst vor Hackern im Wahlkampf?

Neudert: Die FDP verteidigt den Datenschutz extrem, dies wird aber zunehmend schwieriger mit Datenstaubsaugern wie Google und Co. Videoüberwachung ist in Brennpunkten vielleicht sinnvoll, ansonsten sollte man hier vorsichtig sein. Im Angriff gegen Hacker muss die Bundesrepublik aufrüsten, gerade kleinere Unternehmen müssen im Bereich der Digitalisierung noch stärker informiert werden. Der Wahlkampf wird sicher irgendwie manipuliert. Mir bereiten besonders Falschmeldungen in sozialen Netzwerken Sorgen, die gewisse Parteien am rechten Rand fördern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Laura Schindler

Wertvolles Bodendenkmal unter dem Plan?

Radarmessungen und Bohrkernanalysen weisen vermutlich Standort der „Moosburg“ nach

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Eine Luftaufnahme auf einer Postkarte vom 27. Juli 1932 zeigt den historischen Plan in Moosburg von oben.   © Karl A. Bauer

Wochen und Monate wird bereits über den Plan diskutiert, die Bürger wurden befragt, die Preise für den Wettbewerb zur Umgestaltung sind seit einiger Zeit vergeben. Trotzdem scheint es jetzt erst so richtig loszugehen: Parkplätze ja oder nein, Tiefgarage ja oder nein – zwei Bürgerbegehren sind schon auf dem Weg. Eine Sache aber wurde bei der Debatte bislang oft außen vor gelassen: Was befindet sich eigentlich unter dem Plan?

Was es mit der ehemaligen „Moosburg“, der die Stadt wohl ihren Namen zu verdanken hat, auf sich hat, weiß niemand so recht. Angeblich soll sie dort gestanden haben, wo heute der Plan ist, zwischen Kastulusmünster und Bücherei. Ein Großbrand vernichtete im Jahr 1207 das gräfliche Schloss und große Teile der Kastuluskirche. Über das abgebrannte Schloss, die Moosburg, ist bis heute wenig bekannt. Es gibt keine Dokumente oder Bilder, die den Standort nachweisen – die Brände, die die Dreirosenstadt in den Jahren 1702 und 1865 heimsuchten, haben alles vernichtet.

Ein Beleg dafür, dass die Burg neben dem Kastulusmünster gestanden haben muss, könnte das Buch „Geschichte der Stadt Moosburg“ von Ludwig Weh sein, das Heimatmuseumsleiter Bernhard Kerscher archiviert hat. Darin heißt es über den Brand und das Kastulusmünster: „Da aber mit des Schicksals Mächten kein ewiger Bund zu flechten war, ereignete sich 1207 in der benachbarten Burg der Grafen ein verheerender Brand, der nicht nur deren Gebäude einäscherte, sondern auch das neu geschaffene Gotteshaus stark beschädigte.“

Ludwig Weh, der sich intensiv mit der Historie der Dreirosenstadt auseinandersetzte, schreibt darin weiter: „Um die Wiederholung eines Brandunglücks durch ein Nachbargebäude auszuschließen, überließ Graf Karl II (…) den seit jeher angestammten Platz des Uradelshofes der Kirche. Der Platz der abgebrannten Burg und des Burgstalles wurde eingeebnet, wodurch der Name Plan geprägt wurde. An die Übergabe des Platzes knüpfte Graf Konrad die Bedingung, dass die gesamte Fläche nicht mehr bebaut werden dürfe.“

Nach dem Brandunglück bauten die Grafen ihr neues Schloss an der Stelle des ehemaligen Amtsgerichts, das ein Gebäude von „ansehnlicher Größe“ gewesen sein muss. 1281 erlosch das Grafengeschlecht der Moosburger. Dessen Wappen mit zwei roten und einer weißen Rose ziert jedoch bis heute die Stadt. Schloss Asch, damals noch am Rand außerhalb der Moosburger Siedlung gelegen, hat wohl als einziges Bauwerk in adeligem Besitz seit dem Jahr 1084 überlebt.

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Schloss Asch hat früher noch am Rand außerhalb der Moosburger Siedlung gelegen und wohl als einziges Bauwerk in adeligem Besitz seit dem Jahr 1084 überlebt. © Karl A. Bauer 

Nun kommen die Archäologen ins Spiel: Was ist bislang über die ehemalige Burg auf dem Plan bekannt? Vor rund drei Jahren hat die Stadt auf der Fläche Radarmessungen veranlasst, um herauszufinden, ob es unter dem Plan historisch und archäologisch wertvolle Funde gibt, bevor die Maßnahmen zur Umgestaltung des Plans in Angriff genommen werden.

In einem Schreiben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege von Januar 2015 zur Vorplanung von Referatsleiter Dr. Jochen Haberstroh an Bürgermeisterin Anita Meinelt heißt es: „Das Vorhaben ‚Vorplanung zur Sanierung und Aufwertung des Platzes Auf dem Plan‘ (…) berührt im Zentrum des historischen Moosburg das eingetragene Bodendenkmal ‚Untertägige mittelalterliche und frühneuzeitliche Siedlungsteile des historischen Stadtkerns von Moosburg‘.“ Dieser knappe Listentext trüge der Bedeutung des Denkmals jedoch nur ungenügend Rechnung, wie Haberstroh formulierte. Wie wiederholte Grabungen der letzten Jahre im unmittelbaren Umfeld des St. Kastulusmünsters wie auch im Kircheninneren gezeigt hätten, sei an diesem Ort mit einer außerordentlich dichten und besonders gut erhaltenen Überlieferung im Boden zu rechnen, so Haberstroh. Diese reiche mindestens bis in die Zeit der ersten urkundlichen Erwähnungen Moosburgs ins Jahr 770 zurück.

„Die archäologischen Zeugnisse tragen damit der besonderen topografischen Gunstlage des Ortes am Zusammenfluss von Amper und Isar Rechnung“, heißt es weiter. Für die überregionale und sogar landesweite Bedeutung des Platzes als Bodendenkmal sei vor allem die Lage südlich des Kastulusmünsters entscheidend, wo höchstwahrscheinlich die Klostersiedlung des 8. Jahrhunderts zu erwarten sei. „Nachdem Überprägungen des Platzes (…) aus jüngster Zeit kaum bekannt sind, ist (…) mit außergewöhnlich gut erhaltenen archäologischen Befunden zu rechnen“, schlussfolgert Dr. Jochen Haberstroh in dem Dokument.

Das Ergebnis von Bohrkernanalysen am Plan im Zuge der Aufwertung des Platzes erreichte die Stadtverwaltung im Januar 2016. „Seit langem, wohl seit Jahrhunderten ist der Plan ein Platz, von dem aus städtischer Erinnerung keine wesentliche Bebauung oder Umgestaltung bekannt ist“, schreibt der Moosburger Archäologe Dr. Martin Pietsch, ebenfalls Referatsleiter beim Landesamt für Denkmalpflege, in diesem Dokument. „Über den gesamten Platz sind anthropogen beeinflusste Schichten angetroffen worden“, so Pietsch. Daher müsse mit einer intensiven Bebauung aus mittelalterlicher und vorgeschichtlicher Zeit gerechnet werden. Diese sei stellenweise von spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Planierschichten überdeckt.

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Ein Übersichtsplan zeigt den Stadtplatz „Auf dem Plan“ in Moosburg. © Bayerische Vermessungsverwaltung

Vom Landesamt für Denkmalpflege ging daher folgende Empfehlung aus: „Da unsere Vermutung einer flächigen Bebauung (…) Auf dem Plan bestätigt wurde, rät das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (…) von flächigen und tieferen Bodeneingriffen dringend ab. Solche flächigen und tiefgreifenden Bodeneingriffe wie sie für den Bau einer Tiefgarage nötig werden, würde das gesamte Bodenarchiv des Platzes zerstören. Einer solchen Planung könnte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege nicht zustimmen.“

Sollten Eingriffe von auch nur 80 Zentimetern für die Frosttiefe auf dem gesamten Platz angestrebt werden, könnten bei archäologischen Sicherungsgrabungen leicht Kosten von 300.000 Euro entstehen, wenn archäologische Befunde direkt unter dem Asphalt anstünden, erläutert Pietsch.

Nach Artikel 1 des Denkmalschutzgesetzes müsse stets das Ziel eine Vermeidung von Bodeneingriffen sein, denn jede Ausgrabung zerstöre das archäologische Bodenarchiv unwiederbringlich. Für die Denkmalpflege wiege der Erhalt des Bodendenkmals, wenn dessen Wert für den Laien auch nicht erkennbar sei, höher als der Erkenntnisgewinn durch eine archäologische Ausgrabung.

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Im Rahmen der Umgestaltung des Plans wurde das Starnberger Ingenieurbüro „GEOLOG“ von der Stadt im Vorfeld jeglicher Eingriffe mit archäologischen Erkundungen mittels Georadarmessungen beauftragt. Historische Überlieferungen deuten darauf hin, dass sich die ehemalige Stadtburg und Siedlungsstrukturen im Bereich des Platzes befinden. Das Bild zeigt den Grundriss für einen Tiefenbereich von etwa 0,75 Metern. Die Farbwerte stellen die Stärken der Reflexionsamplituden dar, mittlere (hellblau/gelb) und hohe Reflektivität (orange/rot) entspricht somit vermuteten Fundamentstrukturen im Untergrund. © Stadt Moosburg 

„Auch für den weiteren Weg können wir Testgrabungen (…) nicht empfehlen. Sie müssten, um zu belastbaren Aussagen für den gesamten Platz zu kommen, so groß sein, dass sie für die Stadt ein zeitlich und finanziell unkalkulierbares Risiko darstellen“, so Pietsch.

Einer Tiefgarage unter dem Plan, über die aktuell viel debattiert wird, erteilt die Denkmalpflege damit eine klare Absage. Und auch mit einer ausführlichen Aufarbeitung der Geschichte über die ehemalige Stadtburg dürfte es angesichts der angespannten Haushaltslage Moosburgs in der nächsten Zeit schwierig werden.


KOMMENTAR

Öffnet die Tunnel!

Moosburg sollte seine Stadtgeschichte aufarbeiten

Moosburg eine Tunnelwelt. Und dann auch noch die ehemalige „Moosburg“? Die meisten Moosburger wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass die Stadt dieser wohl ihren Namen zu verdanken hat. Allein der Gedanke an all die unterirdischen Gänge, die möglicherweise unter uns liegen, macht neugierig. Warum weiß man bislang so wenig über diese Tunnelverbindungen und die alte Burg und warum wurde dies nie aufgearbeitet ? Dieser Teil der Stadtgeschichte ist viel zu interessant, als dass man ihn ignoriert, unter sich begräbt.

Andere Städte machen es bereits vor: In Zeitz in Sachsen-Anhalt oder auch in Furth im Wald wurden einige Tunnelgänge bereits für den Tourismus geöffnet, die Geschichte wird dort dokumentiert, man kann ihr nachspüren. Das Echo der Gruppe „Moosburg ganz anders“ zeigt: Die Moosburger sind interessiert an ihrer Herkunft, ihrer Heimat. Sie wollen mehr darüber erfahren.

Ein Tunnelsystem von solch historischem Wert und auch die Offenlegung der Erkenntnisse über die Burg könnte Moosburg für viele Menschen aus dem Umland und Touristen attraktiver machen. Statt eine Marketingaktion nach der anderen aus dem Boden zu stampfen und den Plan verschönern zu wollen, sollte Moosburg sich vielleicht auch mal seiner Geschichte widmen und dieser mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn darüber ist bislang viel zu wenig bekannt.

Moosburg – eine Tunnelwelt ?

Matthias Gabriel erforscht mit „Moosburg ganz anders“ die Untergründe der Dreirosenstadt

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Der Kupferstich von Matthäus Merian zeigt die Stadt Moosburg im Jahr 1644. Alle Zeit überdauert haben die zwei Kirchtürme von Kastulus und Johannes auf dem Plan.

Wie hat Moosburg früher ausgesehen, wer hat dort gelebt? Diesen Fragen geht Matthias Gabriel aus Moosburg in seiner Freizeit nach. Im Gespräch mit der Moosburger Zeitung im Pöschlbräu schweift sein Blick über den historischen Plan. Hier hat alles angefangen. Dort, im Bierkeller der ehemaligen Brauerei, haben Alfred, Matthias und Marko den ersten Tunnel entdeckt. Mit einem meterlangen Endoskop haben sie sich einen Weg durch den Schutt gebahnt und den Anfang eines unterirdischen Gangs ausfindig gemacht. Das alles dokumentiert per Video, der erste Beweis: Da muss etwas sein.

Als „Urban Explorer“ sind Matthias Gabriel, Alfred Bold und Marko Maier seit Dezember 2015 in Moosburg und Umgebung unterwegs. Mit ihren Kameras im Gepäck erforschen sie sogenannte Lost Places, verlassene Orte, Häuser und Ruinen innerhalb und außerhalb der Stadt, die sonst für niemanden zugänglich sind. Es dauerte nicht lange, bis aus dem Hobby mehr wurde als nur Fotografieren. Seit Monaten sind die drei auf der Suche nach Moosburgs Untergründen und Geheimnissen. Die Moosburger kennen sie mittlerweile, viele haben ihre alten Keller bereits für sie geöffnet. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Hobbyfotografen auf ihrer Internetseite „Moosburg ganz anders“ – mit erstaunlichem Interesse aus der Bevölkerung. Nun verbinden sich allmählich die Hinweise von Einwohnern mit den Nachforschungen: In Moosburg muss es ein Tunnelsystem gegeben haben.

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Matthias Gabriel im Tunnel zwischen den Geschäften Bengl und Hudler.

„Als Kind hat mich das alles noch gar nicht so interessiert“, erzählt Matthias Gabriel. Jetzt holt ihn die Geschichte seiner Heimatstadt ein. In jedem alten Haus, Keller oder einer Mauer sieht er etwas, malt sich aus, was früher dort einmal gewesen sein könnte. Die Vergangenheit hat hier an vielen Flecken ihre Spuren zurückgelassen – und trotzdem bleibt vieles bislang ein Rätsel.

Die Geschichte Moosburgs geht zurück bis ins Jahr 770, als die damalige Klostersiedlung „Mosabyrga“ erstmals urkundlich erwähnt wurde. Mit ihrem natürlichen Schutz auf einer Landzunge zwischen Isar und Amper galt Moosburg schon früh als aufstrebende Region. Funde aus der Altstadt wiesen die Anwesenheit von Menschen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit nach, und auch Grabungen im Stadtgebiet haben die frühe Bedeutung der Gegend bestätigt.

Der Geschichte nach brachten die Mönche Albin und Rhenobot um 800 die Reliquien des heiligen Kastulus nach Moosburg. 1021 wurde das Benediktinerkloster aufgelöst und ein Chorherrenstift gegründet. Ein Großbrand vernichtete 1207 das gräfliche Schloss und große Teile der Kastuluskirche, die dennoch 1212 geweiht wurde. 1281 erlosch das Grafengeschlecht der Moosburger. Dessen Wappen mit zwei roten und einer weißen Rose ziert jedoch bis heute die Stadt.

Über das abgebrannte Schloss, die Moosburg, gibt es heute nur Sagen und Gerüchte. Es wird vermutet, dass sie dort gestanden haben muss, wo heute der Plan ist, vor dem Kriegerdenkmal. Dies liege nahe, da das Münster ebenfalls von dem Brand betroffen war. Doch es gibt keinerlei Dokumente oder Bilder, die den Standort nachweisen – die Brände in den Jahren 1702 und 1865 haben alles vernichtet, auch das Archiv. Nachdem die Burg abgebrannt war, wurde der Platz platt gemacht, es sollte nie wieder etwas darauf gebaut werden, erzählt Gabriel.

Das Spätmittelalter war eine Blütezeit für Moosburg: 1329 übernahm man den Landgerichtssitz vom Amt Inkofen, von Mainburg, Wolnzach und sogar Obersüßbach mussten die Menschen damals bis nach Moosburg zum Gericht reisen. 1331 erhielt Moosburg nach der historischen Schlacht von Gammelsdorf schließlich das Stadtrecht.
Mittlerweile haben Gabriel und seine Freunde sich Stück für Stück vorgearbeitet in Moosburg. Viele eingesessene Bürger, deren Familien schon seit Generationen ein und dasselbe Haus in Moosburg bewohnen, haben ihnen ihre Keller gezeigt, ihnen entscheidende Hinweise gegeben. Inzwischen waren die drei in über zehn Kellern, darunter so historisch wertvolle wie der im Staudinger oder im Kaplanshaus. Einige Vorträge haben die drei Hobbyfotografen bereits über ihre Erkenntnisse gehalten, und sogar der BR war schon mit „Moosburg ganz anders“ unterwegs.

Das alles unter großem Interesse der Bevölkerung: Allein die Website http://www.moosburganders.blogspot.de wurde über 35 000 Mal aufgerufen. Die Moosburger wollen mehr wissen über ihre Stadt, ihre Herkunft, ihre Heimat. Und die Indizien verdichten sich: „Wir haben in einer Karte von Moosburg knapp 20 Verbindungen eingezeichnet, bei denen wir vermuten, dass es hier einen Tunnel gibt“, berichtet Gabriel. So soll es Verbindungen unter dem Plan, zwischen den heutigen Geschäften Bengl und Hudler sowie vom Amtsgericht zum Münster gegeben haben. Fast die ganze Altstadt müsse demnach unterirdisch miteinander verbunden sein.

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In der Karte von Moosburg sind alle Tunnelverbindungen eingezeichnet, bei denen Matthias Gabriel und seine Freunde Marko und Alfred davon ausgehen, dass sie existieren.

Nur, warum ist bislang so wenig darüber bekannt? Zum einen sicher, weil viele Dokumente mit den Bränden vernichtet wurden. Zum anderen, vermutet Gabriel, weil viele Stadträte und Moosburger nicht wollen, dass all dies ans Tageslicht gerät. Sobald etwas historisch Wertvolles entdeckt werde, würden Denkmalschutz und Archäologen anrücken, die der Sache nachgehen wollen. Zudem kostet die Aufdeckung eines solchen Tunnelsystems, ähnlich wie es beispielsweise bereits in Furth im Wald gehandhabt wird, eine Menge Geld.

Was Gabriel auch umtreibt, sind die ehemaligen Brauereien in Moosburg. 14 soll es davon einmal gegeben haben. „In München gab es früher von den Brauereien unterirdische Verbindungen zur Isar, um das Eis für die Kühlung zu benutzen“, erzählt Gabriel. Es sei anzunehmen, dass dies auch in Moosburg auf diese Art und Weise praktiziert wurde.

Eine weitere große Tunnelverbindung soll es wohl zwischen Schloss Isareck in Wang und Moosburg gegeben haben. „Aus sicherer Quelle“ weiß Gabriel, dass dort vor einigen Jahren bei Bauarbeiten an der Thalbacher Straße sogar der Anfang eines Tunnels entdeckt worden sei, dies jedoch verheimlicht worden sei, um dem Denkmalschutz zu entkommen. Ein Tunnel, der unter die Amper führt – dies wäre für damalige Verhältnisse ziemlich fortschrittlich gewesen.

Gabriel ist sich sicher: „Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, dass wir den ersten Tunnel öffnen. Eine Zusage von Privatbesitzern haben wir hierfür sogar schon. Dann wird sich zeigen, was dran ist an den Gerüchten. Wenn sich alles als ein Luftschloss entpuppt, haben wir immerhin das Geheimnis gelüftet und die These widerlegt. Aber wenn nicht . . .“

Info
Der nächste Vortrag von „Moosburg ganz anders“ findet am Freitag, 13. Oktober, um 19.30 Uhr in der VHS Moosburg statt. Der Eintritt ist frei.

Hier geht’s nochmal zum Originalartikel: http://www.idowa.de/inhalt.verlorene-untergruende-moosburg-eine-tunnelwelt.0470382a-5443-4916-b001-bc0cb8bc522a.html

http://plus.idowa.de/zeitungstitel/moosburger-zeitung/artikel/2017/06/16/moosburg-eine-tunnelwelt.html