Gefangen im eigenen Körper

Die Inszenierung von „Geächtet“ im Residenztheater München brilliert durch ihre aktuelle Geschichte von einem Amerika, das innerlich zerrissen ist

GEÄCHTET/Residenztheater
Emily (Nora Buzalka) sieht in Amir (Bijan Zamani) einen Sklaven, der aufgrund seiner Wurzeln und seinem muslimischen Hintergrund gefangen ist. © Matthias Horn

Das Stück „Geächtet“ von Ayad Akhtar fand als gefeiertes und mehrfach ausgezeichnetes Werk aus Amerika seinen Weg ins deutsche Theater, wo es nun auch durch seine Aktualität und Ehrlichkeit besticht. Die zunächst primitiv anmutende Handlung rückt dabei in den Schatten und lässt Platz für den eigentlichen Inhalt: Die Auswirkungen von 9/11 auf die amerikanische Gesellschaft, die zwischen Terrorismus und Vorverurteilung droht, zu zerreißen.

Ganz unvermittelt findet die Inszenierung von Regisseur Antoine Uitdehaag ihren Einstieg: Blitzschnell geht der Vorhang auf, das Licht an und man sitzt im Wohnzimmer der Kapoors. Das Publikum wird regelrecht überrascht, aufgeweckt. Amir (Bijan Zamani), erfolgreicher Anwalt mit pakistanischen Wurzeln, und seine Frau Emily (Nora Buzalka), amerikanische Künstlerin, sitzen auf der weißen Couch in ihrem Loft in der Upper East Side von Manhattan und diskutieren über ihren gestrigen Restaurantbesuch. Sofort werden die Verhältnisse klar: Etabliertes, aufstrebendes junges Paar in New York mit Ambitionen. Und Kontrasten: Sie, eine leicht naiv wirkende und doch kluge Frau, die sich über Grenzen hinweg setzen will, weiter denkt und interpretiert – Er, ein Rationalist, der sich angepasst hat, nicht anecken will. Diese Eindrücke werden durch das gelungen authentische Bühnenbild (geräumiges, betont weiß möbiliertes New Yorker Apartment als Schauplatz, bei dem man sich fühlt, als säße man mit auf der Couch) und die passenden Kostüme (Emily im seidenen Morgenmantel, Amir mit gegeltem Haar und Anzug) anschaulich vermittelt.

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Emily (Nora Buzalka) und Abe (Jeff Wilbusch, rechts) versuchen Amir (Bijan Zamani) zu überreden, einen vor Gericht angeklagten Imam zu verteidigen. © Matthias Horn

Mit Eintreten des nächsten Protagonisten, Abe (Jeff Wilbusch), Amirs Neffe, kommt der Zerfall des von Amir mühsam aufgebauten Status ins Rollen. Abe bittet seinen Onkel darum, einen Imam zu verteidigen, der vor Gericht angeklagt wird, mit Moscheegeldern Terrorgruppen finanziert zu haben. Emily wünscht sich dasselbe: „Ist es dir denn egal, dass ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt? (…) Überleg’s dir. Bitte. Mir zuliebe?“, und setzt Amir damit unter Druck. Der hadert – mit seinem Ego, das sich eigentlich vom Islam abgewandt hat, seiner Karriere und seinem Ansehen in der Kanzlei – und entscheidet sich am Ende doch dafür. Was folgt ist ein Artikel in der New York Times, der Amir und seine Kanzlei als Unterstützer des Imams erwähnt. In der Firma wird Amirs Hintergrund geprüft. Interessant in der Szene, aber auch im ganzen Stück, ist dabei, dass Emily – die Nicht-Muslimin – ständig den Islam verteidigt und bewundert, ganz im Gegenteil zu Amir, der vorgibt, nichts mit seiner Religion anfangen zu können und den Islam stark kritisiert. Emily hat den Zugang zum Islam über die Kunst gefunden und verarbeitet dessen Traditionen auch in ihren Bildern. Sie steht kurz davor, sich bei einer großen Ausstellung präsentieren zu können – die Chance dafür und den Kontakt zum schleimigen, ruppigen Kurator Isaac (Götz Schulte) hat sie Amir zu verdanken.

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Zum Showdown kommt es, als Isaac (Götz Schulte, links) und seine Frau Jory (Lara-Sophie Milagro) bei Emily und Amir zum Abendessen eingeladen sind. © Matthias Horn

Schließlich kommt es zum Showdown: Der jüdisch-amerikanische Isaac und seine dominante, afroamerikanische Frau – Amirs Arbeitskollegin Jory (Lara-Sophie Milagro) – sind bei Emily und Amir zum Essen eingeladen, Anlass ist Isaacs Zusage für die Ausstellung von Emily. Was anfängt mit Fenchelsalat und viel Wein, endet im totalen Chaos und Streit, als Amir und Isaac beginnen über Religion und Traditionen zu diskutieren. Die beiden werden gegenseitig immer lauter, stacheln sich an und man hat Angst, dass im nächsten Moment eins der Weingläser zerbricht und das weiße Loft rot färbt. Hier wird deutlich, dass – bei aller Rationalität, die er an den Tag legt – Amir doch nicht ganz von seinen Wurzeln trennen kann und Emotionen ausbrechen. Den stringenten Status Quo 24/7 sauber zu halten, gelingt ihm nicht. Auch beruflich und privat gerät sein Leben ins Wanken.

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Der anfängliche Smalltalk zu Arbeit und Alltag wird zu einer heftigen Diskussion über Religion und Tradition, bei der Amir die Fassung verliert. © Matthias Horn

Achtung Spoiler: Gekrönt wird das Dilemma, als Amir von Jorys Aufstieg in der Kanzlei – der eigentlich seiner sein sollte – und Emilys Affäre mit Isaac erfährt.

Antoine Uitdehaag zeigt mit seiner von Anfang bis Ende spannungsvollen Inszenierung von „Geächtet“ sehr treffend die Bredouille, in der sich Amir befindet, auf: In einer „fremden“ Gesellschaft funktionieren müssen und wollen, zwischen zwei Welten gefangen sein. Amirs Scherbenhaufen und Situation stellvertretend für die amerikanische Gesellschaft, die vor lauter Vorverurteilung und Misstrauen droht zu zerbrechen. Ein Land, das einstig von Auswanderern, Freiheitskämpfern und Querdenkern gegründet wurde und diese nun ausschließt. Besonders faszinierend ist auch, dass er mit Amir, Emily, Isaac und Jory vier höchst unterschiedliche und explosive Charaktere in einen Raum packt, auf Konfrontation setzt und so sehr viel Spannung erzeugt, da es nur eine Frage der Zeit ist, bis einer ausbricht. Gut ist außerdem, dass man mit nur fünf Darstellern im Gesamten der logisch aufbereiteten Handlung leicht folgen und sich so auf den wichtigen Inhalt und die Aussage konzentrieren kann. Das Zusammenspiel der Protagonisten ist sehr professionell und auf hohem Niveau, jeder einzelne wird seiner Rolle gerecht. Anfangs mag es schwer sein, den schnellen Dialogen zu Islam und Kunst zu folgen, dennoch wird mit „Geächtet“ im Residenztheater ein Meisterwerk inszeniert, das sowohl Kulturliebhabern als auch Kulturmuffeln gefallen wird.

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Am Ende steht Amir alleine da: beruflich und privat gescheitert, aufgrund seiner Herkunft, die er trotz aller Anstrengung nicht leugnen kann. © Matthias Horn

Weitere Informationen zum Stück finden Sie hier.

Bewerberlücke ist weiterhin groß

Trotz offiziellem Ausbildungsstart über 280 Lehrstellen im Landkreis noch unbesetzt

Die Betriebe im Landkreis Freising haben weiterhin große Mühe, genügend Azubis zu finden. Trotz des heutigen offiziellen Ausbildungsstarts sind noch 283 Lehrstellen frei. Damit bleibt die Bewerberlücke auch in diesem Jahr weiterhin sehr groß. Insgesamt wollen die Unternehmen im Landkreis in diesem Jahr 1094 Lehrlinge einstellen, somit sind vorerst etwa 25 Prozent aller Ausbildungsplätze unbesetzt.
Die Lage in der Region bleibt insgesamt weiterhin stabil. Jugendliche, die aktuell noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, haben also durchaus Chancen, ihre Lehrzeit im Herbst 2016 beginnen zu können. Seit Beginn des Berufsberatungsjahres am 1. Oktober 2015 meldeten sich aus dem Landkreis 1133 Bewerber für Ausbildungsstellen bei der Agentur für Arbeit in Freising: 1034 Jugendliche haben inzwischen eine berufliche Perspektive, 99 Bewerber waren im August noch auf der Suche nach dem passenden Ausbildungsplatz.
Im Vergleich zum Vorjahr habe sich die Situation im Landkreis etwas verbessert, so Agentur-Pressesprecherin Kathrin Stemberger: „Letztes Jahr waren es im August noch 115 Bewerber, die keinen Ausbildungsplatz hatten.“ Diese Zahl sei bis Ende September, dem offiziellen Ende des Berufsberatungsjahres, jedoch auf 14 gesunken. „Auch nach Ausbildungsbeginn passiert hier noch viel, bis Weihnachten reduziert sich die Zahl um einiges.“ Um eine Lehrstelle nach dem 1. September zu beginnen, braucht es allerdings die Zustimmung der jeweiligen Kammer.
Die Gründe, warum viele Jugendliche vorm Ausbildungsstart noch immer ohne Lehrstelle dastehen, seien ganz unterschiedlich, so Stemberger: „Einige halten lange an ihrem Wunschberuf fest, ohne sich nach Alternativen umzusehen.“ Oft scheitere es hier an der Qualifikation oder einem großen Bewerberandrang auf eine geringe Zahl an Plätzen. „Manche sind schlichtweg zu spät dran mit der Bewerbung“, erklärt Stemberger. Ein bis eineinhalb Jahre vor der Ausbildung sollte man demnach anfangen, sich mit der Bewerbung zu befassen. Aber auch am Anschreiben hapere es oft, so dass die Bewerbung gleich aussortiert wird. Nicht immer stimmen zudem Interessen und Qualifikationen der Jugendlichen mit den Anforderungen der Betriebe überein. Stemberger empfiehlt unsicheren Kandidaten daher, einen Termin für die Berufsberatung bei der Arbeitsagentur zu vereinbaren: „Hier wird ganz genau geschaut, welcher Beruf zu einem passen könnte und auch nach einem Plan B gesucht.“
„Generell ist zu sagen, dass die Jugendlichen sich aufgrund der wirtschaftlich sehr starken Region in einer komfortablen Situation befinden. Sie können bei der Ausbildungsplatzsuche zwischen vielen Berufen und Betrieben wählen“, so Kathrin Stemberger. Im vergangenen Jahr haben so fast alle ausbildungsreifen Jugendlichen, die bei der Arbeitsagentur gemeldet waren und eine Ausbildungsstelle gesucht haben, eine gefunden, gleichzeitig blieben jedoch Lehrstellen unbesetzt. „Es wäre toll, wenn Angebot und Nachfrage, was die nachgefragten und angebotenen Berufe betrifft, exakt übereinstimmen würden, das ist aber eine Illusion.“
Andreas Scharf, stellvertretender Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Erding-Freising, unterstreicht die Vorteile einer Ausbildung. „Eine Ausbildung bietet immer sehr gute Perspektiven. Egal ob Karriere oder Studium – mit einer erfolgreichen Lehre stehen alle Wege offen. Diese Botschaft müssen die Schulen noch besser den Schülern und ihren Eltern vermitteln.“
Wichtig ist in jedem Fall, dass sich die Schüler intensiv mit dem persönlichen Berufswunsch beschäftigen. Denn gibt es in der Ausbildung Probleme, nennen in einer IHK-Umfrage 72 Prozent der Betriebe die unklaren Berufsvorstellungen der Schulabgänger als größtes Hindernis. Die Unternehmen bieten deswegen mehr Praktikumsplätze an und verbessern ihr Personalmarketing. Ein weiterer Grund für den Bewerberengpass sind laut Scharf die stagnierenden Schulabgängerzahlen: Die Zahl der Absolventen der Mittelschulen ist in Oberbayern seit 2005 um 28 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Abiturienten um 56 Prozent. Insgesamt sind zurzeit 375 IHK-zugehörige Unternehmen im Landkreis in der Ausbildung aktiv und stehen für fast 60 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse.
Kreishandwerksmeister Martin Reiter ist mittlerweile sehr frustriert und verärgert über die Situation auf dem Ausbildungsmarkt: „Wir tun wirklich alles, um die Schüler zu informieren und mit Praktika an die Berufe heranzuführen. Wir organisieren ehrenamtlich viele Veranstaltungen in den Schulen und Klassen.“ Bei ihm sei die Geduld nun bald am Ende, irgendwann müssten die Jugendlichen auch einmal in die Gänge kommen. Das Problem sehe er vor allem bei Elternhaus und Schulen: „Viele Eltern wollen um jeden Preis, dass ihre Kinder studieren.“ Der Gedanke, nur mit einem Studium erfolgreich werden zu können, müsse verschwinden. Als Konsequenz aus der großen Bewerberlücke befürchte er, dass in Zukunft vermehrt Azubis aus dem EU-Ausland wie etwa Frankreich oder Slowenien vor der Jugendarbeitslosigkeit im eigenen Land fliehen und nach Deutschland kommen, um die freien Lehrstellen zu besetzen.
Auch von der Integration der Asylbewerber in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt habe er sich mehr erhofft: „Viele kommen schon nach dem ersten Tag vom Praktikum nicht mehr, ohne Bescheid zu geben.“ Hier müsse man mehr Druck machen, es fehle zudem an Willen und Motivation vonseiten der Flüchtlinge. Laut Stemberger finde die Vermittlung von Asylbewerbern durch die Arbeitsagentur bereits statt, jedoch dauere es auch, bis diese Integration ihre Früchte tragen könne, da die meisten Flüchtlinge nachgeschult werden und vor allem der deutschen Sprache mächtig sein müssten, bevor sie Fuß in der Arbeitswelt fassen können.

Die Seele verstehen

Kinder- und Jugendpsychiaterin Petra Stemplinger klärt auf und greift Tabuthema an

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Sabine Hauptmann (l.) und Petra Stemplinger vom Kinderkrankenhaus Landshut gestalteten den Vortrag zum Thema „Seele“.

 

Großes Interesse herrschte sowohl unter Fachleuten als auch bei Eltern beim Vortrag „Was ist die Seele und wie bleibt sie gesund“ am Montagabend im Landratsamt. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Petra Stemplinger gab dabei Gelegenheit, den Begriff „Seele“ zu begreifen und erklärte, wie man Kinder schon früh für das Tabuthema sensibilisieren kann.

„Viele Kinder sind heutzutage großen Belastungen wie Schulstress, Trennung der Eltern oder Mobbing ausgesetzt“, sagte Landrat Josef Hauner in seiner Ansprache. Oft helfe es dabei schon, sich zu fragen, ob das Kind auf die richtige Schule geht, um eine Hauptbelastung zu nehmen. „Die Anzahl der Menschen mit psychischen Störungen geht nach oben. Dem Landkreis Freising ist es daher ein großes Anliegen, hier alles zu tun, um möglichst präventiv und frühzeitig tätig zu sein“, erklärte Hauner.

Petra Stemplinger ist Kinder- und Jugendpsychiaterin, Psychotherapeutin sowie ärztliche Leitung des Medizinischen Versorgungszentrums am Kinderkrankenhaus in Landshut. Zusammen mit der Diplomgestalterin und Kunsttherapeutin Sabine Hauptmann stellte sie den Zuhörern das von ihr entwickelte „ich.live-Modell“ anhand von Grafiken und einer Flip-Chart vor. Stemplinger ging zuerst auf den Begriff „Seele“ ein: Früher habe sich die Religion mit Fragen über die Seele beschäftigt, heute nehme eher die Wissenschaft diese Position ein. Stemplinger hatten sowohl Religion als auch die Wissenschaft in der Schule fasziniert, nun will sie als Psychotherapeutin beides zusammenführen. Dabei fand die erfahrene Psychiaterin erst über Umwege zu ihrem eigentlichen Beruf: Nach einem sozialen Jahr im Waldorfkindergarten folgte eine pädagogische Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und ein Philosophiestudium, bevor sie Medizin studierte und noch die Psychotherapeutenausbildung absolvierte.

„Alle Eindrücke, die wir erfahren, prasseln ungefiltert auf unseren Körper ein, und wir bringen sie automatisch verbal zum Ausdruck“, erklärte die Ärztin. Unbewusste Körpersymptome wie etwa Kopf-, Bauch- oder Gelenkschmerzen spiegeln so das Befinden der Seele wider. „Denken ist kein Automatismus, der Mensch kann es selber führen“, so Stemplinger. Aus Gedanken werden so Gewohnheiten, und daraus bildet sich der Charakter.
Bewusst habe sie sich mit ihrer Praxis im Kinderkrankenhaus angesiedelt, sagte Stemplinger. Denn, wenn die Ärzte bei Kindern mit Bauch- oder Knieschmerzen nach gründlichem Abchecken nichts finden, kämen sie zu ihr. „Die Patienten rennen meist von Arzt zu Arzt und ihnen wird gesagt, dass sie nichts haben. Dabei wurzelt die Ursache in der Seele.“ Wenn den Kindern dann gesagt wird „Du musst jetzt mal zum Psychiater“ sind die meisten beschämt und halten sich bedeckt. Mit ihrem ich.live-Modell möchte Stemplinger die Kinder für die psychotherapeutische Arbeit gewinnen, ihnen auf einfache Weise erklären, was die Seele ist und so einen Zugang zu ihnen finden.

In ihrem Modell zeichnet sie zuerst einen Menschen und teilt diesen in drei Komponenten ein: Denken, Fühlen und Wollen. „Das Fühlen spielt sich am ganzen Körper ab: im Bauch, Herz, durch die Atmung. Fühlen ist ohne Körper gar nicht zu denken“, so die Psychiaterin. „Der Kopf kann viel denken, aber ohne Wollen kann er nicht handeln.“ Petra Stemplinger erklärte, dass es befreiend wirke, wenn man von jemandem einen „Ausdruck“ für ein bestimmtes Gefühl bekomme, sodass man es „begreifen“ kann und sich verstanden und nicht alleine fühlt.

Den Begriff der Psychosomatik untermalte sie mit folgendem Beispiel: „Wir haben ein Problem, wenn wir plötzlich wieder darüber nachdenken, wie etwas funktioniert, das uns längst in Fleisch und Blut übergegangen ist.“ Damit spielte sie auf automatisierte Vorgänge wie Gehen, Sprechen oder Schwimmen an. „Wer ist der Chef in unserer Seele?“, fragte Stemplinger dann und zeichnete über dem Menschen die Worte Ego, Ich und Emo. Eine gesunde Balance der drei sei ein guter Kompass für das richtige Selbstbewusstsein. „Zu viel von einem ist nie gut.“

Schließlich erklärte Stemplinger die Bedeutung des Vertrauenskreises, der durch die Eltern, Geschwister und engsten Freunde gebildet wird. „Geschieht hier ein Vertrauensbruch, hat das Auswirkungen auf die Seele. Besonders gravierend ist ein Bruch bei den Eltern“, so Stemplinger. Den Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“ könne man im Seelischen umdrehen, Vertrauen sei die Basis für Bindungsqualität und eine gesunde Seele.

Zum Schluss ging die Psychotherapeutin auf die Frage „Was hält die Seele gesund?“ ein. Hier stemmen wieder drei Komponenten das Gefühl von Stimmigkeit: Verstehen, was mit einem passiert (Denken); Dem Geschehen Bedeutung zumessen (Fühlen) und es handhaben (Wollen). Stemplinger plädierte am Ende ihres Vortrages, dass Schule nicht nur ein Ort des Wissens, sondern auch der Erlebnispädagogik sein sollte. Richtige Konfliktlösung und auch eine frühe Sensibilsierung für das Thema psychische Gesundheit sollten dabei Bestandteil sein, um raus aus der Tabu-Ecke zu kommen. Im Anschluss war noch Zeit für Fragen, Austausch und Diskussion, die die Zuhörer auch rege nutzten. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts machten den Vortrag durch eine gelungene Organisation mit Saftcocktails und Früchten sowie einer Verlosung zu einem runden Abend, bei dem sehr aufs „Wohlbefinden“ geachtet wurde.

„Ich wünsche mir ein Happy End für die Welt“

Die 20-jährige Zahra Lalzad aus Afghanistan hat nach nur vier Jahren in Deutschland ihr Fachabitur bestanden

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Zahras Familie ist im Dezember 2011 nach Moosburg gekommen. In ihrem Heimatland Afghanistan wurde die Familie von der eigenen Verwandtschaft und den Taliban bedroht. Weil sie für ihre Töchter Zahra (20) und Nezhada (15) ein selbstbestimmtes und freies Leben wollten, entschlossen sich die Eltern alles zurückzulassen und die gefährliche Flucht nach Europa auf sich zu nehmen. Mittlerweile sind die Mutter und beide Töchter in Deutschland anerkannte Asylbewerber, der Vater geduldet, und leben in einer Wohnung in Moosburg. Nezhada besucht die achte Klasse des Gymnasiums in Moosburg, Zahra hat vor kurzem ihr Fachabitur an der FOS in Freising bestanden und möchte nun noch in die 13. Klasse gehen und ihr allgemeines Abitur machen. Im Interview spricht die 20-jährige Abiturientin über ihr Leben in Deutschland, die Schule sowie ihre Ziele und Wünsche für ein besseres Zusammenleben mit den Flüchtlingen.
Wie war das Ankommen in Deutschland und der Anfang in der Schule für dich?
Zahra Lalzad: Als ich 2011 nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Das war am Anfang sehr schwer für mich, denn wenn man in einem fremden Land ist, ohne die Sprache zu können, kann man ganz alltägliche Sachen wie in einen Laden gehen und Milch, Wasser oder Brot kaufen, nicht machen. Man kann keine Freunde suchen, dafür braucht man auch die Sprache. Ich bin dann durch Herrn Kastorff an die Realschule in Moosburg gekommen. Dort wurde mir gesagt, dass ich nicht am Unterricht teilnehmen kann, weil ich die Sprache nicht beherrsche. Dann habe ich mit ihnen auf Englisch geredet und gefragt, ob sie mir etwas Zeit geben können, um die Sprache zu lernen. Sie gaben mir sechs Monate und sagten mir, falls ich das Gespräch, das ich soeben mit ihnen auf Englisch führe, dann auf Deutsch führen kann, werden sie mich aufnehmen.
Wie ging es dann weiter?
Zahra: Ich habe privaten Deutschunterricht in Mauern genommen, da bin ich vier Mal die Woche immer mit dem Fahrrad hingefahren. Zuhause habe ich jeden Tag fünf Stunden Deutsch gelernt und wurde dann nach sechs Monaten im Juli als Gastschülerin in die 8. Klasse der Realschule aufgenommen. Auch in der 9. Klasse war ich noch als Gastschülerin eingeschrieben, in der 10. Klasse wurde ich dann als normale Schülerin eingestuft, da ich im Jahreszeugnis alle Noten-Kriterien dafür erfüllt hatte.
Wie ging es dir mit dem Lernen der deutschen Sprache?
Zahra: Es gab immer wieder Schwierigkeiten in der Schule, oft habe ich die Lehrer nicht verstanden und musste dann zu Hause alle Wörter, die ich aufgeschrieben hatte, noch mal im Wörterbuch nachschlagen. Wir hatten damals auch keinen Internetzugang oder Computer zuhause. Ich habe immer versucht ruhig zu bleiben, auch wenn es stressig wurde. Meine Eltern haben mich immer aufgemuntert und gesagt: „Das geht schon Zahra, es wird nicht immer so bleiben.“ Das hat mich motiviert weiter zu machen. Dann habe ich die 10. Klasse geschafft. Ich hatte damals private Nachhilfe in Deutsch und Mathe. Im Abschlusszeugnis hatte ich eine Vier in Deutsch und konnte auf die FOS gehen. Jetzt habe ich die 12. Klasse gemacht, ohne Nachhilfe. Ich verstehe noch immer ein paar Sachen nicht, mittlerweile kann ich mir die Dinge aber selbst aus dem Kontext erschließen.
Wie wurdest du von deinen Mitschülern aufgenommen?
Zahra: Wir haben uns erst lange gegenseitig angeschaut. Ich hatte keine großen Erwartungen, dass sie nett zu mir sind oder so, aber ich habe sehr schnell Freunde gefunden. Das war kein Problem, weil ich immer auf jeden zugegangen bin und ein bisschen auf Deutsch oder Englisch oder mit den Händen versucht habe, zu reden. Es gab aber auch Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass ich noch nicht wirklich hier her gehöre. Es war aber nie jemand gemein zu mir.
Und wie haben sich deine Lehrer dir gegenüber verhalten?
Zahra: Meine Lehrer waren immer sehr hilfsbereit, haben mir oft Tipps gegeben, was ich machen soll und wie ich etwas lernen soll. Sie hatten zwar noch keine Erfahrung mit Leuten, die kein Deutsch können, aber sie konnten mir trotzdem helfen. Manchmal hat man aber auch gemerkt, dass nicht alle Lehrer diese Einstellung hatten, eine Lehrerin hat mal zu mir gesagt: „Du kannst das nicht, du musst auf die Hauptschule, das schaffst du sowieso nicht.“ Dann habe ich sie nur angelächelt und gesagt: „Doch, ich weiß, dass ich das kann.“ Eigentlich wollte ich aufs Gymnasium gehen, aber ich wusste, dass das zu schwer für mich sein würde. Bei der Realschule war ich mir jedoch sicher, dass ich es schaffe.
Zum Deutschlernen noch mal: nach viereinhalb Jahren, wie geht es dir nun im Vergleich zum Anfang?
Zahra: Ich merke, dass ich mich jedes Jahr verbessere. Im ersten Jahr konnte ich nur „Wie gehts“ oder „Hallo“ sagen. Anfangs habe ich nur etwa zehn Prozent verstanden, wenn ich mich mit Leuten unterhalten habe – nun verstehe ich alles! Auch früher in der Schule habe ich wesentlich mehr lernen müssen als heute. Schwierig ist es aber immer noch mit Fachwörtern, wenn ich zum Beispiel in der Zeitung lese oder im BGB, was ich für das Fach Rechtslehre in der 12. Klasse gebraucht habe. Ich verstehe die einzelnen Wörter, aber nicht den Zusammenhang. Im Alltag merke ich, dass ich mich verbessert habe und das freut mich. Deshalb versuche ich auch, mich viel mit anderen zu unterhalten und viele deutsche Bücher zu lesen.
Wie war das in deiner Familie? Hast du mit deiner Schwester Nezhada auch deutsch gesprochen?
Zahra: Ganz am Anfang haben wir nur persisch geredet, aber mittlerweile reden Nezhada und ich zu Hause nur noch deutsch. Das ist mir gar nicht bewusst gewesen und ich war ganz überrascht, als es mir aufgefallen ist! Aber das ist einfach so passiert, mit meinen Eltern reden wir trotzdem nur persisch, außer wir beschließen, ab jetzt reden wir für ein, zwei Stunden nur Deutsch!
Wie war die Umstellung von der Schule in Afghanistan auf die in Deutschland?
Zahra: In Afghanistan war ich auf einer Privatschule mit Unterricht auf Englisch. Das war schon leichter für mich. Und vieles war anders, anfangs wusste ich zum Beispiel nicht, was eine Ex ist, sowas gibts bei uns nicht. Ganz am Anfang in der 9. Klasse kam die Lehrerin mit Spickbremsen in die Klasse, und alle hatten plötzlich totale Panik. Ich stand nur da und wusste nicht, was vor sich geht.
Wie liefen die Prüfungen in deiner afghanischen Schule ab?
Zahra: Bei uns waren die immer angekündigt. Hier muss man eine bestimmte Anzahl an Punkten haben, um eine bestimmte Note zu bekommen. Bei uns konnte man in die nächste Klasse vorrücken, wenn man in allen Fächern eine gewisse Note hat. In Afghanistan gibt es kein Gymnasium oder eine Hauptschule, da gibt es nur eine Schule für alle. Hier braucht man immer für alles einen gewissen Schnitt. Im Nachhinein bin ich aber sehr froh, dass ich das alles geschafft habe. Wenn man etwas erreichen will, muss man sich – egal wo man herkommt – hinhocken und lernen, das kommt nicht von alleine.
Wie findest du unser Schulsystem in Bayern?
Zahra: Ich finde das Schulsystem in Bayern nicht in Ordnung. Wenn man in der Grundschule ist, muss man sich so anstrengen, dass man ins Gymnasium kommt oder in die Realschule. Das ist schon ein bisschen diskriminierend, wenn man zum Beispiel hört „ach, die geht nur auf die Hauptschule“. Ich finde es traurig, dass man zwischen Kindern so einen Unterschied macht. Wenn man Jura oder Medizin studieren möchte, braucht man einen NC von mindestens 1,2 – aber wer kann garantieren, dass jene, die in der Schule so gut waren, dann auch später im Berufsleben in diesem Bereich gut sind oder dafür geeignet sind. Später gibts nichts mehr, was man einfach auswendig lernen muss, dann zählt, was von dir selbst kommt.
Um sich mal ein wenig vom Schulischen zu entfernen: Wie hast du dich in Deutschland am Anfang zurechtgefunden?
Zahra: Ganz am Anfang habe ich immer auf die Beine von anderen Mädchen geguckt. Alle hatten kurze Röcke und Shorts an, das kannte ich nur aus Filmen. Hier sieht man ja oft fast den Po – das war für mich sehr seltsam. Aber ich habe mich daran gewöhnt und trage mittlerweile auch kürzere Shorts und Röcke. Außerdem ist es hier sehr grün und die Leute tragen kein Kopftuch. Bei uns musste man als erwachsene Frau eins tragen. Es ist hier sehr sauber und die Kultur und alle Läden sind sehr verschieden.
Was schätzt du an Deutschland?
Zahra: Die Meinungs- und Religionsfreiheit. Das finde ich sehr gut und es ist der Hauptgrund, warum ich hierbleiben möchte. Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, ein Kopftuch zu tragen und das zu tun, was mein Mann mir sagt. Ich könnte zum Beispiel auch nicht einfach nach Afghanistan gehen und sagen, dass ich eine andere Religion habe. Diese Freiheit gibt es dort nicht. Wenn ich dort für Frauenrechte und andere Dinge einstehe, auf die Straße gehe oder ähnliches – dann ist mein Leben bedroht. Das würde keine Woche dauern. Hier ist das deutlich besser: Man hat Freiheiten, vor allem als Frau. Viel mehr als in Afghanistan. In Deutschland sagen auch viele Menschen, dass es noch keine Gleichheit zwischen Mann und Frau gibt, aber im Vergleich zu Afghanistan sind die Leute hier viel viel weiter. Das schätze ich sehr und deswegen fühle ich mich hier wohl.
Vermisst du bestimmte Dinge aus Afghanistan?
Zahra: Ja, natürlich. Es gibt nun mal Traditionen, mit denen ich aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten als Akademiker in Afghanistan sehr viel Respekt und ein hohes Ansehen. Das ist hier natürlich nicht so. Uns kennt keiner und niemand hat ein besonderes Interesse an uns. Wir haben alles verlassen und fangen hier im Prinzip noch mal von vorne an. Aber man gewöhnt sich daran. Hier haben wir Freiheit und ich kann mein Leben so führen, wie ich möchte. Daher hat dieser Respekt nicht mehr einen sehr hohen Stellenwert für mich. Natürlich vermisse ich meine Freunde und auch unser großes Haus mit Garten. Ansonsten sind es eher Kleinigkeiten. Bestimmte Rituale oder Ähnliches. Man kann nicht genau beschreiben, was man vermisst, aber ich habe meine Heimat verlassen und das ist manchmal schon ein komisches Gefühl.
Weißt du was mit eurem Haus passiert ist?
Zahra: Ich glaube, es steht noch da, aber wir befürchten, dass die Dinge, die wir zurückgelassen haben, vielleicht geklaut worden sind. In Afghanistan kann jeder mit ein paar Waffen und ein wenig Macht in ein fremdes Haus spazieren und schon gehört es ihm.
Was sagen die Leute zuhause über die Lage in Afghanistan?
Zahra: Es ist wohl noch viel schlimmer geworden. Man kriegt es ja auch hier in den Nachrichten mit. Jeden Tag sterben Leute und es ist sehr gefährlich. Ich habe mitbekommen, dass deutsche Politiker sagen, es sei so gut wie sicher mittlerweile. Das ärgert mich sehr. Heute (das Interview wurde am 6. Juli, am Zuckerfest zum Ende des Ramadans geführt, Anm. d. Red.) ist in Afghanistan ein großer Feiertag, aber es gibt sehr viele Menschen, die nicht wie gewohnt feiern können, weil jeder Angst hat. Sie bleiben zuhause. Und ich weiß sehr gut, wie es ist, jeden Tag Angst zu haben. Dein Zuhause wird zum Gefängnis, das Leben macht keinen Spaß. Politiker, die fordern, afghanische Flüchtlinge wieder zurückzuschicken, sollten selbst mal eine Weile dort leben. Es ist ein sehr gefährliches Land.
Was hattest du für Pläne, als du nach Deutschland gekommen bist? Und haben sie sich geändert?
Zahra: Ja, ein wenig. Am Anfang war es mein Ziel, Jura zu studieren. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Die deutschen Rechtsbücher wie das BGB sind für mich immer noch sehr schwer zu verstehen. Eine Alternative ist Lehramt mit dem Hauptfach Englisch und als Nebenfach Psychologie oder Geschichte. Diese Fächer interessieren mich auch sehr. In Afghanistan wollte ich immer Jura studieren und Rechtsanwältin werde. Ich wollte für Menschen- und Frauenrechte kämpfen, aber ich denke, dass ich den Menschen in Deutschland auch ohne Jurastudium helfen kann. Ich arbeite jetzt schon manchmal als Dolmetscher bei anderen Asylbewerbern und es gibt zum Beispiel auch einen großen Bedarf an Lehrern für Ausländer. Das wäre natürlich gut für mich, weil ich selber in der Lage war und dies gut nachvollziehen kann.
Was sind deine Wünsche und Träume für die Zukunft?
Zahra: Zuallererst hoffe ich, dass es die Welt irgendwann schafft, in Frieden zu leben. Dass es überall Meinungsfreiheit, Nächstenliebe und Toleranz gibt. Dass alle Menschen zusammen für eine bessere Zukunft arbeiten. Dass die Menschen einander helfen. Für meine Familie wünsche ich mir, dass sich meine Eltern in Deutschland wohlfühlen und zufrieden sind. Sie haben alles verloren und zurückgelassen, in erster Linie für meine Schwester und mich. Für mein Land und alle anderen Länder dieser Welt, in denen Krieg ist, wünsche ich mir, dass sobald wie möglich die Kämpfe aufhören. Dass jeder Arbeit und genug zu essen hat. Ich wünsche mir einfach, dass eines Tages alle zufrieden sind und dass es so etwas wie ein Happy End gibt. Ich fände es toll, wenn jeder seine Religion im Herzen trägt, für sich selbst, ohne diese jemandem anderen aufzuzwingen.
Das sind aber viele Wünsche…
Zahra: Ich weiß, aber als das neulich in Orlando passiert ist, war ich wahnsinnig traurig. Ich habe mich wirklich hingesetzt und sehr lange überlegt: „Was kann man tun, damit so etwas aufhört?“ Ich glaube ein wichtiger Schritt wäre, einfach alle Waffen dieser Erde zu vernichten. Je mehr Waffen es gibt, desto mehr Kriege gibt es auch. Russland, Amerika und auch Deutschland verkaufen Waffen in kriegsgeschädigte Länder wie meines. Und dann erwarten manche Politiker, dass die Menschen zurückgehen und für ihr Land kämpfen. Ich möchte keinen Krieg und ich möchte nicht kämpfen. Niemand, der flieht, möchte das. Das müssen die Menschen verstehen.
Was könnte man deiner Meinung in Deutschland verbessern? Gerade für die Flüchtlinge?
Zahra: Da muss ich überlegen. Erstmal finde ich es toll, wie viel die Leute in Deutschland ehrenamtlich machen. Ich bin erstaunt, wie viele Menschen helfen, ohne etwas dafür zu erwarten. Ich wünsche mir ein wenig Geduld. Ich kenne es von mir. Man braucht eine lange Zeit, um sich hier zurechtzufinden. Man braucht Zeit, um hier glücklich zu sein und sich wohlzufühlen. Das passiert nicht von heute auf morgen. Das ist ein langer Prozess. Die meisten Flüchtlinge kommen aus einem komplett anderen Kulturkreis, das allermeiste was sie hier sehen ist vollkommen neu für sie. Leute, die hier wohnen, können das manchmal nicht verstehen, weil sie eine solche Erfahrung noch nie gemacht haben. Deswegen fände ich es toll, wenn man ihnen ein wenig Zeit gäbe. Integration ist ein Prozess, der lange dauern kann. Natürlich passieren hier auch Dinge, die überhaupt nicht in Ordnung sind wie zum Beispiel die Silvesternacht in Köln. Keine Religion und Kultur erlaubt so etwas, man kann das nicht verallgemeinern. Es sollen nicht alle in einen Topf geworfen werden. Jede Person hat einen einzigartigen Charakter und so sollte man auch jeden einzelnen bewerten. Kriminelle und Idioten gibt es überall, auch unter den Flüchtlingen. Es gibt Analphabeten und Ärzte. Es gibt so viele Unterschiede und so viele verschiedene Herkunftsländer. Jeder Mensch ist anders.
Interview: Laura Schindler

Adan und Toufik erzählen ihre Geschichte

Grüne Jugend Freising gibt der anonymen Flüchtlingsmasse ein Gesicht

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Die Grüne Jugend Freising organisierte den Vortrag „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ (v. l.): Reinhard von Wittken, Leon Eckert, Tim Pfeilschifter, Toufik und Adan, Verena Kuch sowie Jugendreferent Johannes Becher.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ – das sagte Goethe einmal. Ein passend gewähltes Motto für den Vortrag zweier Menschen, die darüber berichten, warum und wie sie geflohen sind – weil sie einfach „Mensch sein wollen“, so wie jeder andere auch. Viele Interessierte aus allen Altersgruppen waren am Mittwochabend ins Kardinal-Döpfner-Haus gekommen, um bei der Veranstaltung der Grünen Jugend den Geschichten von Adan und Toufik zu lauschen und einen Einblick in deren Leben zu erhalten.
Jugendreferent und Bezirksrat Johannes Becher, der als Moderator durch den Abend führte, begrüßte die Zuhörer und übergab schließlich das Wort an Adan aus Somalia, der mit viel Mut und Gefühl anfing, die Geschichte seiner Flucht auf Deutsch zu erzählen. Der 19-Jährige lacht, wirkt sympathisch und wünscht den Zuhörern „einen schönen Abend“. Der mit acht Geschwistern in einem kleinen Dorf in Somalia aufgewachsene Adan floh aus seiner Heimat, als dort die Terrorgruppe Al-Shabaab, ein regionaler Ableger der al-Quaida, anfing, alle jungen Männer zu Soldaten zu machen. Nach zwei Jahren in Äthiopien, dem Heimatland seiner Mutter, wo er auch die Schule und sein Abitur absolvierte, wurde er jedoch von der Polizei festgenommen und wieder zurück nach Somalia geschickt, im Verdacht er gehöre – als Somalier – der Al-Shabaab an.
Weil er dort nicht bleiben wollte, fand er zusammen mit seinem Bruder einen Schleuser, der sie über den Sudan nach Libyen bringen sollte. Allerdings hatten die beiden keinen Schimmer, was sie bei dieser Reise erwarten würde. Nach hunderten Kilometern in einem Lkw mit 120 Personen, wurden sie in ein Lager gebracht, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass sie für die weitere Reise in die Wüste 5000 Dollar bezahlen müssen. Adan und sein Bruder hatten kein Geld, sie wollten zurück. „Aber das ging nicht“, erklärt Adan. „Es gab zwei Straßen: Die eine war der Tod, die andere Hierbleiben.“

Adan: „Das Wasser war mit Benzin versetzt“

Also wurden sie in die Wüste gebracht, wo sie mit 300 Anderen darauf warteten, Geld von ihrer Mutter zu bekommen. Fünf Monate lang dauerte es, bis diese das Haus verkauft hatte und das Geld an die Schleuser gelang. Während dieser Zeit bekamen Adan und die anderen nur wenig Essen. Das Wasser wurde mit Benzin versetzt, wodurch die Beine gelähmt werden, damit niemand weglaufen konnte. Den Flüchtlingen war es außerdem untersagt, miteinander zu sprechen. Viele sind in dieser Zeit gestorben, auch sein Bruder, erzählt Adan.
Mit 13 anderen ist er schließlich nach Tripolis, in die Hauptstadt Libyens, gekommen. Da dort zu der Zeit auch Krieg herrschte, wollte Adan weiter nach Europa. Für 1600 Dollar sollte es in einem Plastikboot mit 120 Leuten nach Lampedusa gehen. Auf der Fahrt bekam dieses Löcher und Wasser gelangte ins Boot. „Ich dachte, anstatt nach Europa, komme ich eher nach unten“, schilderte Adan die Erlebnisse. Nach acht Stunden wurden sie von italienischen Rettungskräften gerettet. In Neapel angekommen, mussten alle ihre Fingerabdrücke abgeben, um Essen zu bekommen. Adan war zunächst misstrauisch und wollte dies nicht tun, wegen des großen Hungers gab er aber nach und ließ sich registrieren.
Schließlich wurde ihm von den Behörden mitgeteilt, dass er nach Mitteleuropa weiterreisen könne. Für 700 Euro ging es mit einem Reisebus nach Deutschland und in die Bayernkaserne. „Die Polizei in München war sehr nett“, erzählt Adan. Mit Freunden kam er im November 2014 nach Moosburg, wo er bis heute wohnt. Viele haben ihm geholfen, Deutsch zu lernen und ihn zu integrieren, erzählt er. Mittlerweile besucht er die Berufsschule Freising und sein Traum ist es, einmal Medizin zu studieren. Beim TSV Moosburg in der Neustadt trainiert Adan außerdem die F-Jugend voller Lebensfreude und ist der „Liebling der Bambini“, wie Becher berichtet. Über seine dreijährige Flucht sagt Adan schließlich: „Ich möchte nicht zurückschauen, ich will nach vorne blicken“ und bedankt sich bei den Zuhörern für das Interesse an seiner Geschichte.

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Die Route der verschiedenen Länder, durch die Adan (rot) und Toufik (blau) geflohen sind.

Anders, aber ebenso gefährlich, war die Flucht für den 25-jährigen Toufik aus Syrien. „Niemand hat mit einem Krieg gerechnet“, fängt er an. Am Anfang gab es immer noch Hoffnung, viele wohnten in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. „Doch mit jedem Jahr wurde es schlimmer.“ Bis der Krieg nicht nur die Städte, sondern auch die Dörfer erreichte und alles kaputt war, wie beispielsweise die Universität, an der Toufik und seine Frau Krankenpflege studierten.

Toufik: „Ich wollte nicht auf Menschen schießen“

Weil auch er nicht zum Militär und in den Krieg wollte, entschloss er sich, nach Europa zu fliehen, ohne einen Plan, ohne einer Idee, was ihn dort erwarten würde. Seine Frau und seinen Sohn ließ er wegen des Risikos zurück, in der Hoffnung, er könne sie nachholen. In die Türkei war es noch relativ einfach mit einem Pass einzureisen, berichtet Toufik. Der erste Versuch, nach Griechenland über Land per Lastwagen zu kommen, scheiterte aber. Von der Polizei wurden sie mit verbundenen Händen auf einem Boot zurückgeschickt: „Im Wasser hätten wir nicht schwimmen können und wären ertrunken.“
Der zweite Versuch übers Meer klappte schließlich. Nach zwei Monaten in Griechenland ging es über Mazedonien und Serbien mit wenig Essen und Trinken zu Fuß in die Berge, wo sie von Schleusern abgeholt hätten werden sollen. Statt den von den Schleusern angekündigten neun Stunden brauchte die Gruppe um Toufik dafür aber fünf Tage und wegen des andauernden Regens machten sie erst einmal Pause in einem kleinen Haus in den Bergen – die Schleuser und das Geld waren weg. Auf dem Weg zu Fuß per GPS nach Ungarn wurden sie von der serbischen Polizei festgenommen und durften gegen 50 Euro pro Person weitergehen. In Budapest wurde Toufik schließlich als Asylbewerber registriert – es hieß: Fingerabdruck abgeben oder den ganzen Weg wieder zurück. Für 400 Euro pro Person wurden sie dann mit dem Auto bis in ein Dorf bei Passau gebracht und mitten in der Nacht um 2 Uhr rausgeschmissen: „Jetzt seid ihr in Deutschland.“
Weiter ging es nach München und ebenfalls in die Bayernkaserne, bis Toufik nach eineinhalb Monaten auch nach Moosburg kam. Mittlerweile sind seine Frau und sein Sohn nach Deutschland nachgekommen, die er über ein Jahr lang nicht gesehen hatte. Die beiden wurden in Rostock registriert, ihre Asylanträge bereits nach zwei Monaten anerkannt, worauf Toufik nach einem Jahr bislang wartet. Bald kann er aber immerhin wieder mit seiner Familie zusammen leben. Zuerst möchte er noch besser Deutsch lernen, dann will er eine Ausbildung als Krankenpfleger machen. Auf die Frage, ob er wieder zurück in seine Heimat gehen würde, wenn der Krieg vorbei ist, antwortete er: „Ja, es ist meine Heimat und wir, die jungen Leute, müssen das Land wieder aufbauen.“ Johannes Becher bedankte sich zum Schluss bei den beiden für die mutigen Vorträge über ihre Flucht. Adan brachte das Fazit des Abends auf den Punkt: „Gemeinsam sind wir stark.“

Der Anfang einer Erinnerungsstätte

Stalag-Museum Moosburg wird als „rudimentäres“ Informationszentrum im nächsten Jahr eröffnet

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Die lang aufgeschobene Eröffnung des Stalag-Museums im Visier: Martin Pschorr (l.) und Horst Marschoun mit Blick auf das Modell der Neustadt zur Nutzung der Baracken des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers.

Lange wurde diskutiert, nachgedacht, geplant. Ein Gremium wurde gegründet, das sich aufgrund von Unstimmigkeiten wieder auflöste. Das Haus der Heimat wurde um einen Anbau erweitert. Doch alles was fehlte, war das Museum. Schließlich nahm sich der damalige zweite Bürgermeister Martin Pschorr (SPD) der Sache an, um das Projekt zur Aufarbeitung und Dokumentation des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers anzupacken. Nun soll es im Laufe des nächsten Jahres als „bescheidene“ Informationsstätte eröffnet werden.
Eigentlich steht das Meiste schon da: Ein alter Schrank von Wachsoldaten im Stalag, ein Tisch mit Sitzbänken und ein Ofen aus dem Lager, das Modell zur Nutzung der alten Baracken in der Neustadt, unzählige historische Dokumente aus der Zeit während und nach dem Kriegsgefangenenlager, in Glasvitrinen gesammelte Gebrauchsgegenstände sowie alte Möbel der Heimatvertriebenen. All diese Sachen haben sich in den vergangenen Jahren im Anbau im Haus der Heimat an der Hodschager Straße angesammelt. Nun fehlt es lediglich noch an der Umsetzung: Der Raum muss möbliert, die Dinge an ihren richtigen Platz gestellt und Bilder sowie Informationstafeln an den Wänden angebracht werden.

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In diesem Raum soll das Stalag-Museum entstehen: Ein Schrank und ein Tisch aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager stehen schon bereit.

Nachdem man jahrelang zu keinen Konsens in der Frage um das Stalag-Museum gekommen war und momentan schlichtweg die Finanzierung für ein größeres Projekt fehlt, soll nun wenigstens ein „rudimentärer“ Grundstein gelegt werden. Martin Pschorr nimmt das Wort „Museum“ dabei immer vorsichtig in den Mund und betont, dass „das Stalag-Museum vorerst als Informationsstätte dienen wird“ und den Erwartungen eines Museums eigentlich nicht entspreche. Als bescheiden beschreibt er die Ausstattung und Einrichtung, allerdings sei es nun erst einmal wichtig, anzufangen und das Projekt endlich in Angriff zu nehmen.
Eine Konkurrenz zum Heimatmuseum am Kastulusplatz, wo sich auch viele historische Gegenstände des Stalags befinden, will man auf keinen Fall darstellen, unterstreicht er. Das Museum soll mehr eine Erinnerungsstätte sein, wie Horst Marschoun, fleißiger Sammler und ehrenamtlicher Mithelfer beim Aufbau des Projekts, es bezeichnet. Ein Ort, der die Geschichte des Kriegsgefangenlagers in seinen drei Phasen vertiefen und aufarbeiten soll. Außerdem soll dokumentiert werden, wie die Neustadt sich nach der Auflösung des Lagers entwickelt hat und zur neuen Heimat der Vertriebenen sowie zum Zentrum vieler Unternehmen geworden ist. Das Haus der Heimat bietet deshalb auch eine sehr passende Lokalität, um die Zeit des Kriegsgefangenenlagers zu dokumentieren – steht der zukünftigen „Stalag-Erinnerungsstätte“ doch das Museum der Heimatvertriebenen gegenüber, was im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Lager steht, dessen freie Baracken nach 1947 bis zu 2400 Vertriebene bewohnt haben.
Das Stalag-Museum soll ein Ort werden, an dem sich Interessierte über die Geschehnisse im Kriegsgefangenenlager informieren können. Angedacht ist dabei auch, ein Mediensystem mit Beamer und Leinwand in einem Teilbereich des Raumes zu installieren, wo der etwa einstündige Stalag-Film, der von den drei Teilen des Lagers erzählt, gezeigt wird. Auch für Schulklassen eigne sich die Informationsstätte gut, meint Pschorr. Denkbar wären beispielsweise Vorträge oder Veranstaltungen von Schülern, die sich mit dem Thema Stalag auseinandergesetzt haben, wie etwa die P- oder W-Seminare am Gymnasium.
Mut zur Lücke müssen die Ehrenamtlichen um Martin Pschorr nun allemal zeigen, um mit geringen Mitteln den Anfang einer würdevollen Erinnerungsstätte zu bilden. Was später noch einmal daraus werden könnte, bleibt offen. „Das Stalag-Museum ist sicherlich kompatibel mit anderen Vorstellungen in der Zukunft“, äußerte Pschorr. Ziel ist nun zunächst einmal, das lang vor sich hin schlummernde Projekt zu verwirklichen. Die Eröffnung ist dann für das erste Drittel des nächsten Jahres geplant – eins der ersten Dinge, auf die man 2016 gespannt sein darf.

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Viele Möbel und historische Gegenstände aus der Zeit während und nach dem Stalag-Lager haben sich im Laufe der Jahre in den Räumen angesammelt.

Viele Unterschiede – eine Mannschaft

In der Fußball-Inklusionsmannschaft des SC Freising kicken Kinder mit und ohne Handicap

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Spaß, Bewegung und der Ausgleich zum Alltag stehen im Vordergrund des Trainings der Inklusionsmannschaft vom SC Freising.

Dass Inklusion im Sport und Alltag herausfordernd ist, wissen viele Eltern von Kindern mit Behinderung. Dass sie erfolgreich funktionieren kann, beweist das Training der Inklusionsmannschaft des SC Freising: Kinder mit und ohne Handicap spielen dort jeden Dienstagabend eine Stunde miteinander, toben sich aus und haben Spaß.
Eine lockere Stimmung herrscht hier. Elf Kinder, genau eine Fußballmannschaft, tummeln sich in der Turnhalle der Mittelschule Lerchenfeld und wärmen sich bei einem Kreisspiel auf. Alle sind sie unterschiedlich, aus verschiedenen Nationen, verschiedenen Schulen, groß und klein, mit und ohne Handicap. Und doch sind sie alle gleich, haben etwas gemeinsam: die Freude am Spielen und am Sport, den Drang, sich zu bewegen und auszutoben. Das bedeutet Inklusion: Alle Menschen, egal wie unterschiedlich sie sind, in eine Gemeinschaft zusammenzuführen und einzubeziehen. Genau das spiegelt sich auch in der Mannschaft wieder: Die „normalen“ Kinder, wie sie Jugendleiterin Mechthild Hamberger nennt, binden die Jungen und Mädchen mit Handicap ein, gehen auf sie zu und nehmen Rücksicht – als wäre es ganz normal. Als Handicap gilt dabei alles, was man selber als Handicap empfindet, erläutert die 53-Jährige: „Das können Verhaltensauffälligkeiten genauso wie psychische Störungen oder Kinder mit Down-Syndrom sein.“
Den Kindern macht das Training sehr großen Spaß: Viele aus der E- oder F-Jugend des SC Freising schließen sich der Inklusionsmannschaft an, um noch mehr spielen zu können – vor allem im Winter, wenn das normale Training aufgrund der Hallensituation begrenzt ist. Die zwölfjährigen Zwillinge Vincent und Tristan (beide mit Handicap), die auch in der Basketball-Inklusionsmannschaft von Mechthild Hamberger trainieren, sind „total“ begeistert von der Mannschaft und „wollen unbedingt weiterspielen“.
„Es ist spannend zu sehen, wie sehr sich die Kinder schon entwickelt haben, wie sensibel sie durch das Training geworden sind und sich an die anderen mit Handicap anpassen“, bemerkt auch der 19-jährige Michael Frank, der gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Lebenshilfe macht und das Training der Inklusionsmannschaft unterstützt. Überhaupt braucht es viele Augen und Hände, um solch ein Projekt durchzuführen. Neben Michael stehen Mechthild Hamberger im Training die Betreuerin Ursula Elsinger und gegebenenfalls Eltern zur Seite. Denn es ist gefährlich, die rund acht bis neun Kinder mit Handicap aus den Augen zu lassen: Kaum verheddert sich einer im Tornetz, da ist Hamberger schon wieder am Laufen.

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Im Fußballtraining der Inklusionsmannschaft findet sich eine bunte Mischung von sechs- bis 14-jährigen Kindern mit und ohne Handicap wieder.

Das Training geht weiter, es werden verschiedene Spiele gespielt, bis es zum richtigen Match kommt: Die Halle wird in zwei Felder aufgeteilt und in kleinen Gruppen wird gegeneinander gekickt. Auf die Tore oder Regeln kommt es dabei nicht besonders an, mehr zählen die Freude am Spielen und das Miteinander. Es ist bemerkenswert, wie die Kinder ohne Handicap die mit Handicap im Spiel einbeziehen, ihnen immer wieder den Ball zuspielen und sie zum Zug kommen lassen. Bei den Sechs- bis 14-Jährigen wird hier schon früh ein Bewusstsein für den richtigen Umgang mit Behinderten entwickelt.
Es waren die Eltern, die damals mit der Idee der Inklusionsmannschaft auf Mechthild Hamberger zugegangen sind. Im April 2014 hat man dann begonnen, die Pläne umzusetzen. Obwohl einige Möglichkeiten vorhanden wären, hat das Team kein großes Interesse, an Turnieren teilzunehmen. Der Spaß und die Bewegung stehen im Vordergrund und würden den Kindern völlig ausreichen, erklärt die Jugendleiterin. Im Landkreis Freising ist das Projekt einmalig, in Bayern sei man erst die 15. Inklusionsmannschaft überhaupt, so Hamberger. Außer im Raum München und Nürnberg gebe es da noch nicht viele Angebote.
Zum Schluss wird Elfmeterschießen geübt. Hamberger, die als gelernte Altenpflegerin neben ihrem „Trainerjob“ auch noch Musiktherapeutin, Buchautorin, Ganztagesbetreuerin und Übungsleiterin ist, hat sehr positive Erfahrungen mit der Inklusionsmannschaft gemacht und will auf jeden Fall weitermachen. „Die Kinder haben viele Fortschritte gemacht, sowohl die mit Handicap als auch diejenigen ohne haben ihre Ängste abgelegt“, berichtet sie. Am 24. Januar wird es nachmittags dann doch ein Hallenturnier geben – allerdings in „lockerer Stimmung“.

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Gibt es noch Hoffnung für das NoWasWert ?

Schließung des Caritas-Projekts würde ein großes Loch in Moosburg hinterlassen

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Was mit der Arbeitsmarktreform und den damit verbundenen Leistungskürzungen für Langzeitarbeitslose im Jahr 2012 durch die Bundesregierung beschlossen wurde, zeigt nun seine Auswirkungen im Landkreis: Vergangene Woche verkündete die Caritas die Schließung ihrer Rentabel-Kaufhäuser. Mit „NoWasWert“ verliert Moosburg dabei eine Institution, die einzigartig ist.
Einige Menschen stöbern hier, schauen sich um und entdecken oft besondere Fundstücke, die es sonst nicht mehr gibt. Von Herren- und Damenmode, Weihnachtsschmuck bis hin zu Möbelstücken fürs Wohnzimmer hat das „NoWasWert“ eine breite Auswahl. Bedürftige Menschen genauso wie Asylbewerber nutzen das Angebot des Gebrauchtwarenladens der Caritas, weil ihr Geldbeutel nicht mehr hergibt und sie auf die niedrigen Preise angewiesen sind. Was „NoWasWert“, eine Kooperation des BRK und der Caritas, macht, ist so in Moosburg einmalig: Einerseits gibt der Laden Menschen, die aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen auf dem sogenannten „ersten“ Arbeitsmarkt als nicht arbeitsfähig gelten, durch die Zuverdienstmöglichkeiten eine geregelte Tagesstruktur sowie eine Beschäftigung mit Sinn und bietet ihnen so eine Perspektive. Zum anderen ist es ein Ort, an dem bedürftige Bürger für wenig Geld Kleidung und Möbel einkaufen können.
Seit der Gründung im Jahr 2011 konnte sich „NoWasWert“ gut etablieren, die Erfahrungen von Leiter Bernhard Campe sind durchweg positiv: „Wir konnten unsere Teilnehmerzahl erhöhen und auch die Umsätze sind kontinuierlich gestiegen. Der Laden ist bekannter geworden und wird noch besser von den Leuten angenommen.“ Auch die Angestellten hätten durch das Arbeitsverhältnis eine sehr positive Entwicklung genommen.

Beschäftigung für Langzeitarbeitslose, Anlaufstelle für Bedürftige und Fundgrube besonderer Schätze – all das umfasst das „NoWasWert“ in Moosburg.
Beschäftigung für Langzeitarbeitslose, Anlaufstelle für Bedürftige und Fundgrube besonderer Schätze – all das umfasst das „NoWasWert“ in Moosburg.

Die Kürzungen der Förderungen vom Bund im Rahmen der Arbeitsmarktreform haben jedoch deutlich gegriffen, bemerkt Campe. Waren es im Jahr 2012 noch 30 Plätze, die mit jeweils 500 Euro pro Monat gefördert wurden, sind es nun nur noch 250 Euro für 15 Plätze, von denen allerdings auch nicht alle belegt sind. „Ich frage mich, was das Jobcenter mit den bedürftigen Leuten macht, die sind ja nicht auf einmal von der Bildfläche verschwunden“, erklärt der „NoWasWert“-Leiter. Klare Sache ist: Genau diese Förderungen fehlen nun, was das sechsstellige Defizit, welches die Caritas-Geschäftsführerin Carolin Dümer als Schließungsgrund der Rentabel-Kaufhäuser anführte, beweist. Zwar geht der von „NoWasWert“ erwirtschaftete Gewinn an das BRK, das die Mietkosten für den Laden übernimmt, zurück – die Kosten des Projekts sind damit aber nicht gedeckt.
Auf die Frage, ob er glaubt, dass das „NoWasWert“ noch gerettet werden könne, antwortet Campe mit ratlosem Blick: „Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.“ Dafür bräuchte es eine dauerhafte jährliche Leistung des Landratsamts von etwa 150 000 Euro, die aber erst einmal vom Kreistag genehmigt werden müsse. „Allerdings unterstützt uns der Landkreis ja schon jährlich mit 65 000 Euro.“ Für eine Rettung „müsste schon ein Wunder passieren“ – auf das Campe dennoch hofft, „denn einen Ersatz gibt es ja nicht“.
Im Landratsamt kam die Nachricht der Caritas zur Schließung sehr überraschend. Auf Nachfrage der MZ, ob man die Rentabel-Kaufhäuser noch zusätzlich unterstützen könnte, erklärte Pressesprecherin Eva Dörpinghaus, dass zunächst juristisch geprüft werden müsse, ob man in irgendeiner Weise tätig werden kann. Man könne nämlich nichts fördern, was nicht von der Landkreisordnung gedeckt wird. Landrat Josef Hauner zeigte sich laut Dörpinghaus ebenso schockiert und bedauere die bevorstehende Schließung.

Noch ist der Eingang zum Gebrauchtwarenladen „NoWasWert“ offen – ohne weitere Förderungen wird er Ende März schließen.
Noch ist der Eingang zum Gebrauchtwarenladen „NoWasWert“ offen – ohne weitere Förderungen wird er Ende März schließen.

Auch der BRK-Kreisvorsitzende und ehemalige Bürgermeister Toni Neumaier äußerte sein Bedauern über das Ende von „NoWasWert“. Er sehe es als unmögliches Verhalten des Bundes, die Förderungen zu kürzen. Auch in Bayern gebe es trotz einer „Sonnenschein“-Arbeitslosenquote Langzeitarbeitslose. Gerade vor dem Hintergrund der zahlreich ankommenden Flüchtlinge nehme der Gebrauchtwarenladen eine wichtige Funktion ein. Stellvertretend für die SPD-Fraktion erklärte er, dass man dort mit allen Mitteln versuchen werde, das „NoWasWert“ zu erhalten, da gerade sozial Schwache von der Schließung betroffen sind. Auch in der Kreistagssitzung im Dezember werde das Thema auf der Tagesordnung stehen, versicherte Neumaier.
Eins ist gewiss: Der günstige Gebrauchtwarenladen würde vielen bedürftigen Menschen fehlen. Dieser Meinung war auch die 65-jährige „NoWasWert“-Kundin Henny Beringer aus Nandlstadt, die auf die soziale Komponente des Ladens hinwies: „Eine solche Einrichtung ist notwendig, der Staat müsste dieses Projekt weiterfinanzieren.“

Eine Sprache, die jeder versteht

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Ohne die Asylbewerber würde es die „Alte Herren“-Mannschaft nicht geben

Jeden Dienstagabend um 19 Uhr findet am Fußballplatz des FC Wang eine kleine Weltmeisterschaft statt: Dort kicken Syrer, Nigerianer, Afghanen, Libyer und Deutsche zusammen. Was sie verbindet ist der Fußball – die Sprache versteht jeder.


„Ahmed! You are teamleader today, okay?“, weist der „Coach“ Horst Schlecht den Afghanen ein. Teams werden gebildet und Trikots verteilt, nach kurzem Warmlaufen rollt der Ball. Es ist Freizeitkicken, Spaß haben und sich vom Alltag ablenken, was hier läuft. Beim Training der „Alten Herren“ in Wang spielen Syrer, Nigerianer und Deutsche auf einem Platz, die Verständigung klappt reibungslos.


Am heutigen Dienstag sind nur zwölf Spieler gekommen, viele Väter mussten zum Elternabend in den Kindergarten. „Normalerweise sind wir 16 bis 24 Leute, eine recht gemischte und lustige Truppe. Den Großteil dabei bilden aber meistens die Asylbewerber – ohne sie könnte die Mannschaft nicht existieren“, erzählt Harald Schlecht, Vorsitzender des FC Wang, der die Idee im April ins Leben gerufen hat.


Als man beschloss, wieder eine AH-Mannschaft für Väter, die sich im Jahr 2000 aufgelöst hatte, aufzubauen, war klar, dass sich dafür zu wenig Spielbegeisterte im Dorf befinden, um genügend Leute zusammen zu bekommen. Deshalb kontaktierte man die Gemeinde und bot an, dass, falls Interesse besteht, Flüchtlinge aus den Unterkünften in der Nähe sich jederzeit dem Training anschließen können. Initiator Schlecht erwartete sich zunächst nicht viel davon, doch der Aufruf zeigte seine Wirkung. Die Asylbewerber füllten die Mannschaft und verliehen ihr zugleich einen lebendigen Esprit, der zuvor verloren gegangen war. „Ohne sie wären die Mannschaft und das Training eingeschlafen.“ Die meisten unter ihnen sind zwischen 19 und 25 Jahre alt und kommen aus den Unterkünften Isareck oder Normstahl.


Um den Flüchtlingen das Fußballspielen zu ermöglichen, organisierten die Schlechts, Sohn und Vater, zunächst Fußballschuhe durch Spenden von Bekannten. Diese werden nun vom Verein fürs Training zur Verfügung gestellt. Zudem wurden Trikots und ein Fußball angeschafft, da es beim FC Wang nur die Jugendabteilung gibt und keine weitere Austattung mehr vorhanden war. Auch zwei siebenjährige Kinder von Asylbewerbern trainieren in der F-Jugend des FC Wang mit.


„Okay. Concentration!“ – Das Spiel nimmt seinen Lauf, gespielt wird sechs gegen sechs, alle fünf Minuten fällt ein Tor. Auf dem Platz werden bis zu sechs Sprachen gesprochen. Deutsche Ausdrücke wie „Super, Super!“ oder „Dankeschön!“ nach einem gelungenen Zusammenspiel werden dabei immer wieder von den Afrikanern oder Syrern aufgeschnappt und lautstark wiederholt, was dem internationalen Training seinen Charme verleiht.


Der 23-jährige Ahmed Al-Nabulsi, der 2013 aus Syrien angekommen war, ist begeistert von dem Training: „Alle Leute sind nett hier, das Spielen macht richtig Spaß.“ Auch die Erfahrungen des Vorsitzenden mit der Mannschaft sind sehr positiv: „Das Training hat von Anfang gut funktioniert, es hat nie Schwierigkeiten gegeben.“ Mit der Wiederbelebung der „AH“ habe es außerdem viele Mitgliedsanträge durch die Väter gegeben, was gut für den Verein war. Für die Asylbewerber macht eine Mitgliedschaft durch die unsichere Bleibe und den ständigen Wechsel jedoch keinen Sinn. Sie sind durch die allgemeine Versicherung für Flüchtlinge des DFB mit abgesichert.


Die Regeln des Fußballs sind allen bekannt. Anfangs musste man sich noch mit „Händen und Füßen“ verständigen, viele Asylbewerber würden jedoch schnell Deutsch lernen, einige sprechen auch gutes Englisch, so Schlecht. Dass die ausländischen Kicker eine andere Mentalität in sich haben, merke man jedoch auch: So gehen die meisten nicht außer Haus, wenn es regnet und kommen nicht zum Training. Auch im Monat des Ramadans im Juni/Juli kamen viele an ihre Grenzen, da sie beispielsweise während des Sommertuniers bei bis zu 30 Grad nichts trinken durften. Vor allem bei den Afrikanern merke man, dass sie untereinander härter in die Zweikämpfe gehen, berichtet der 34-Jährige.


Mittlerweile hat sich aus der Mannschaft schon mehr als Fußball entwickelt. Durch das Training haben sich Freundschaften gebildet. Dank beidseitigem Beiwohnen von Veranstaltungen wie der Sonnwendfeier des FC Wang, bei dem die Flüchtlinge halfen, die Zelte aufzubauen, oder dem Integrationsfest beim Normstahl, entstand ein reger Kulturaustausch. Auch zur diesjährigen Weihnachtsfeier des Vereins wird die „Freizeit-AH“ eingeladen. Die einzige Sorge bereitet dem Vorsitzenden der Winter. Da man ohne Geldmittel keine Halle für das Training mieten kann, muss die AH-Mannschaft in den kalten Monaten pausieren. Schlecht hofft, dass das Training nach der Winterpause dennoch nahtlos weitergeht und man dort anknüpfen kann, wo man aufgehört hat.

Macht Facebook & Co. uns zu transparent ?

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“Die Vorteile, die die neuen Medien und Kommunikationsmittel für uns alle bieten, sind den Preis nicht wert, den wir mit dem teilweisen oder vollständigen Verlust der Privatsphäre bezahlen.“

In den vergangenen Jahren haben soziale Netzwerke wie etwa Facebook, Twitter oder Instagram einen enormen Zulauf an neuen Mitgliedern bekommen. Millionen Menschen sind in mindestens einem von den oben genannten registriert und kommunizieren auf diese Weise täglich mit Freunden und Bekannten. Vor allem die jüngere Generation der Gesellschaft greift auf die neuen Medien und Kommunikationsmittel durch Tablets, Smartphones oder Laptops zu, meistens ohne sich vorher viele Gedanken darüber zu machen, geschweige denn die Datenschutzerklärungen oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Netzwerkbetreiber durchzulesen, bevor sie sich registrieren und zustimmen. Die ältere Generation, Eltern und Erwachsene, hingegen sind besorgt um ihre Kinder und betrachten derartige Aktivitäten im Internet mit einem kritischen Auge. Und das zurecht! Denn, was einmal in irgendeiner Form ins Netz gestellt wurde, ist schwer von dort zu entfernen. Erst vor kurzem kündigte Facebook wieder eine Lockerung der Datenschutzrechte seiner Mitglieder an. Seit dem 31. Januar 2015 ist es den Betreibern rund um Geschäftsführer Mark Zuckerberg nun also gestattet, jegliches Material (Fotos, Videos etc.), das von Nutzern gepostet wurde, für ihre Zwecke zu verwenden. Verluste der Privatsphäre hat es zwar auch schon in der Vergangenheit gegeben, etwa durch die Abhörung von Telefongesprächen in der ehemaligen DDR, durch die Überwachung der finanziellen Aktionen einer Person über die Bank oder durch den Patienten-Chip, der einem Informationen zu dem gesundheitlichen Status einer Person preisgibt. Doch Facebook setzt nun noch einen drauf, und will quasi das ganze Leben seiner User transparent machen. Allerdings bleibt es einem hier immer noch selbst überlassen, ob man dem Freiheitsverlust einwilligen möchte, indem man im Mainstream-Rausch eingeloggt bleibt.

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Für mich persönlich stellen neue Medien und Kommunikationsmittel keine akute Bedrohung bzw. einen starken/vollständigen Verlust der Privatsphäre dar, da dieser in einem gewissen Maß eben auch schon vorher existiert hat und es die Entscheidung jedes Einzelnen ist, diesem zuzustimmen.

Außerdem bieten neue Medien wie soziale Netzwerke und Kommunikationsdienstleistungsapps wie beispielsweise Facebook und What’s App die Möglichkeit, schnell und auf eine unkomplizierte Art und Weise mit Freunden und Bekannten zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben, auch wenn sie beispielsweise im Ausland wohnen, was ein Austauschen von Nachrichten erheblich erleichtert, vergünstigt und komfortabler macht. Meiner Meinung nach ist die Nutzung neuer Medien und Kommunikationsmittel deshalb gerechtfertigt, wenn die Aktivitäten im Netz einem gewissen Rahmen ausgesetzt sind, man also nicht zu viel und zu private Angelegenheiten veröffentlicht. Letztendlich bleibt es einem ja selbst überlassen, sich zu registrieren oder nicht, man kann somit also selbst entscheiden, ob es einem wert ist, den teilweisen oder vollständigen Verlust der Privatsphäre in Kauf zu nehmen. Wenn man jedoch bedenkt, dass zur Zeit über 1,39 Milliarden Menschen weltweit in Facebook registriert sind und es aktiv benutzen, stellt sich auch die Frage, inwiefern man von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, wenn man zugunsten der eigenen Privatsphäre nicht mit dem Strom schwimmt und sich abmeldet.