Mogli im Interview: When was the last time you cried and why?

Nach ihrer großen Reise mit einem umgebauten Schulbus von Alaska bis nach Mexiko hatte die Sängerin Mogli ihren großen Durchbruch. Im Interview verrät sie uns unter anderem, wie sie zur Musik gekommen ist und wie sie es geschafft hat, sich aus einer schwierigen Phase in ihrem Leben heraus zu kämpfen.

2_Press_Mogli_by_IsabelHayn

Zeitjung: Mogli – woher kommt der Name?

Mogli: Ich heiße eigentlich seit der Kindheit schon so, meine Mama hat mir den Namen gegeben. Grund Nummer eins: Ich bin gerne in Unterhose rumgerannt und ich bin gerne auf Bäumen rumgeklettert. Und Grund Nummer zwei: Als ich elf war, hab ich mir Dreadlocks gemacht und dann hat es sich so richtig eingebürgert erst. Und dann hat es irgendwann meinen normalen Namen ersetzt.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Texte?

Mogli: Puh, das ist eine schwierige Frage, weil es immer ein bisschen anders ist. Ich hab mein letztes Album auf einer Reise geschrieben, die ich gemacht habe von Alaska nach Mexiko, da hab ich mich einfach wirklich inspirieren lassen von dem, was um mich rum war. Wie ich aber meistens und eigentlich auch jetzt im Moment Musik mache, ist, dass ich ins Musikstudio gehe und mit der Musik anfange tatsächlich. Ich arbeite mit Produzenten zusammen und wir sind dann entweder schon in der Stimmung oder erst mal unterhalten wir uns und dann kristallisiert sich heraus, was mich gerade beschäftigt. Wir fangen wirklich völlig abstrakt mit einem Akkord an und einfach wirklich nur mit Musik und dann bringt mich das in eine Stimmung und dann ist es eigentlich fast alles improvisieren und dann komme ich von der Stimmung erst auf die Texte. Es ist nicht so, dass ich mir davor krass viele Gedanken mache, sondern es ist alles aus einem Guss, es kommt alles zusammen, Melodie und Text.

Du bist momentan auf großer Tour, zum ersten Mal sogar in den USA und Kanada. Worauf freust du dich am meisten?

Mogli: Am meisten Spaß macht es mir, die neuen Songs zu spielen, die noch gar niemand kennt, weil ich Songs spiele, die noch nicht mal fertig produziert sind, die sind noch nicht einmal aufgenommen im Studio, gerade erst geschrieben. Das macht mir am meisten Spaß. Und zu spüren, wie sie ankommen, und ob es den Leuten gefällt, obwohl ich auch neue Sachen mache.

Und wie sind die neuen Songs bisher angekommen?

Mogli: Voll gut, das macht echt Spaß. Ich gehe nach dem Konzert oft nochmal raus und spreche mit den Leuten und dann sagen voll oft die Leute, dass sie die neuen Songs voll schön finden – das gibt dann ein gutes Gefühl, weil man ja nicht weiß, ob die Leute mit einem mitgehen, wenn man sich verändert.

Inwiefern unterscheidet sich deine neue EP von den anderen?

Mogli: Sie ist viel elektronischer geworden, gleichzeitig intimer, weil ich sie in Berlin geschrieben habe und eben nicht auf der Reise und ich nicht versucht habe, mich inspirieren zu lassen von Sachen außen rum, sondern das raus zu lassen, was schon in mir drinnen war. Einfach ins Studio gehen und gucken, wie so ein Blick in sich selbst rein.

Findest Du, dass deine Musik und Texte ein Spiegel deiner eigenen Entwicklung sind?

Mogli: Auf jeden Fall, da bin ich mir super sicher. Die EP, die ich gerade rausgebracht habe, Patience, da würde ich auf jeden Fall sagen, dass das Thema von der EP Umbruch oder Veränderung ist, weil sich eben in meinem Leben extrem viel verändert hat.

Was hat sich denn verändert?

Mogli: Ich hab auf dem Land gelebt mit meinem damaligen Freund zusammen und zwei Hunden und wirklich in so einem 200 Seelen Dorf im Schwarzwald und habe mich dann getrennt und bin nach Berlin gezogen und war zum ersten Mal alleine und mich nur noch auf Musik konzentriert und zum ersten Mal Zeit gehabt, um herauszufinden, was ich gut finde und worauf ich Bock hab und hab mich dann voll in die Musik gestürzt und halt auch in Berlin gestürzt. Und ich glaub, das hört man, dass sich was verändert hat.

Du hast vor kurzem in einem Interview geäußert, selbst an einer Art Depression gelitten zu haben. Wie hast du dich aus dieser schwierigen Phase herausgekämpft und was gibst du Betroffenen mit auf den Weg?

Mogli: Ich spreche eigentlich bei mir selber meistens nicht von Depression, sondern ich hatte einfach eine ganz schön schwere Zeit und mir gings nicht so gut und das hat eigentlich auch etwas mit der EP zu tun, weil sie ja Patience heißt. Was mir eigentlich am meisten geholfen hat, ist, erstens mir selbst einzugestehen, dass es mir nicht gut geht und dass es auch völlig okay ist, dass es einem Mal nicht gut geht und man nicht immer happy sein muss – das zu verstehen. Dann Hilfe zu sagen und anderen Leuten zu sagen, „Ey Leute, ich kann nicht mehr“ und dass es auch wichtig ist, das zu tun, sich Leuten zu öffnen und zu sagen, wie es einem geht, wenn es einem nicht gut geht. Und Geduld mit mir zu haben – deswegen die Patience EP und darum geht auch der Song: Geduld zu haben, dass Heilen eine Weile dauert, dass es nicht so ist, wie Malen nach Zahlen, weil ich normalerweise so bin, okay ich habe ein Problem und dann will ich es lösen, dann ist es vorbei und dann kann ich weiter machen, und so schnell geht das halt manchmal nicht. Wenn es um den eigenen Kopf geht, dann braucht man manchmal einfach Zeit. Das heißt, ich würde glaube ich den Menschen mitgeben, Geduld mit sich zu haben, nicht so hart mit sich selbst zu sein und sich anderen Leuten zu öffnen. Das ist auch so mein Hauptthema in der Musik tatsächlich, dass ich mich verletzlich mache, weil nur wenn man sich verletzlich macht, und quasi zugibt, dass es einem mal nicht gut geht, löst man in den anderen Menschen Empathie aus, weil sie dich dann verstehen und mit dir mitfühlen und ich glaube, wir brauchen auf jeden Fall mehr Empathie in der Welt.

6_Press_Mogli_by_IsabelHayn

Du ernährst dich teilweise vegan und hast sogar mal überlegt, ein Kochbuch zu schreiben. Welches sind deine fünf Lieblingsgerichte?

Mogli: Ich koche gerne Burritos, indisches Curry, ich kann eine sehr sehr gute vegane Lasagne, die ich mir selbst ausgedacht habe, Crêpes – erst salzig und dann süß zum Nachtisch, und Nudelsalat – mit Balsamico und Antipasti-Gemüse!

Du lebst seit einiger Zeit getrennt von deinem Exfreund Felix. Wie geht es dir seit der Trennung, da ihr ja sehr viel miteinander geteilt habt?

Mogli: Es war wie gesagt eine krasse Veränderung für mich, weil ich quasi aus dem einen Leben raus und eine 180 Grad Wende in das andere Leben rein gemacht habe. Zwischen uns ist alles gut. Das Krasse für mich war dieser Umbruch, von heute auf morgen. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung und mir geht es auch sehr gut, ich habe nur ein bisschen gebraucht, um mich an mein neues Leben zu gewöhnen. Das meine ich auch mit Geduld, dass man sich eben die Zeit nehmen soll, um anzukommen, wenn sich alles verändert. Und ich habe mich noch gewundert, warum es alles ein bisschen viel ist gerade, obwohl es ja klar ist, dass das alles ein bisschen viel ist.

Du setzt dich sehr für nachhaltige Mode ein. Was sind deine Lieblingslabels und was rätst du Studenten und Geringverdienern, die nicht viel Geld für Kleidung überhaben?

Mogli: Meine Lieblingslabels sind Closed, es gibt High Fashion Labels, die ich gerne mag wie Philomenazanetti – das ist allerdings sehr teuer, dann gibt es aber auch andere Labels wie Armed Angels, die sich eigentlich fast jeder leisten kann. Mein Tipp ist, erstens Second Hand Klamotten, weil Vintage die nachhaltigste Form von Shoppen ist, noch viel besser als neue Sachen fair zu kaufen. Ich glaube es geht vor allem darum, Bewusstsein zu schaffen und darum, selber zu checken, was man konsumiert und kauft und es geht nicht darum, immer das teuerste nachhaltigste Stück zu kaufen, sondern zum Beispiel allein schon nicht mehr bei Fast Fashion mitzumachen, einfach nicht jede Saison den ganzen Kleiderschrank wegzuschmeißen oder zu verkaufen und sich was neues zu kaufen, sondern sich Teile zu kaufen, bei denen man vorhat, sie lange zu behalten und vielleicht Sachen zu reparieren, die kaputt gehen, anstatt sich was Neues zu kaufen, ein bisschen mehr Geld zu investieren, für ein Teil, das dann dafür aber auch länger hält, anstatt sich zehn Sachen zu kaufen, die dann schnell kaputt gehen. Und sich bei Eco-Bloggern Inspiration zu holen, es gibt zum Beispiel Daria Daria, die hat so eine Linkliste online – ganz cool sortiert, nach Frauen, Männern, Kindern – dort kann man sich gut inspirieren lassen. Oder eben auch bei Instagram. Ich tagge zum Beispiel alle meine Sachen, die ich trage bei Instagram und wenn es einem gefällt, dann kann man das ja auch nachkaufen.

Wie implementierst du Nachhaltigkeit in deinem Alltag?

Mogli: Boah, das ist schwierig tatsächlich und es werden einem auch immer wieder Steine in den Weg gelegt, zum Beispiel habe ich einen Hund, und sie isst nicht gerne Trockenfutter – ich habe es ganz ganz lange probiert, ihr Trockenfutter zu geben, aber sie frisst es einfach nicht und ist dann viel zu dünn, deswegen muss ich ihr Nassfutter geben, das ist dann halt in Dosen. Ich kann ihr auch kein frisches Fleisch geben, da ich dafür zu viel unterwegs bin. Das ist immer schwer, deswegen muss man auch immer Abstriche machen, aber ich glaube, es ist wieder so eine Bewusstseinssache: Man muss in allen Lebenslagen darüber nachdenken. Etwa sich einen Coffee Cup zu holen, ich hab zum Beispiel immer meine Wasserflasche dabei und fülle sie auf, anstatt mir Plastikflaschen zu holen. Ich versuche es auch auf der Tour, so gut es geht, auf Nachhaltigkeit zu achten. Ich hab in meinem Rider (den das Venue im Backstage bekommt) ganz oben ganz groß stehen, dass wir kein Plastikgeschirr wollen zum Beispiel – und es klappt fast nie, wir haben immer wieder Plastikgeschirr da stehen, ich reg mich jeden Abend wieder auf.

Beschwerst du dich dann? Und wie sind dann die Reaktionen?

Mogli: Ja, ich beschwere mich dann extra in Person, da eine Email sowieso ignoriert wird, und erkläre, dass es ihnen vielleicht nicht so auffällt, aber mir extrem, wenn ich zwei Monate auf Tour bin und jeden Abend so viel Plastik wegschmeiße und dass ich mir wünschen würde, dass sie meine Wünsche respektieren. Dann sagen sie meistens Entschuldigung, machen wir beim nächsten Mal – da weiß ich dann natürlich nicht, ob es dann so passiert.

Du bist mit zwei Müttern aufgewachsen. Inwiefern hat dich das geprägt und was würdest du Gegnern gleichgeschlechtlicher Erziehung gerne sagen?

Mogli: Geprägt hat es mich zum einen darin, dass ich immer unterstützt wurde und dass meine beiden Vorbilder weiblich waren und ich also gesehen habe, dass eine Frau alles machen und schaffen kann, was ein Mann auch schafft und ich deswegen schon seit ich ganz klein bin wusste, dass ich alles erreichen kann, was ein Junge erreichen kann und ich glaube, dass es ganz ganz vielen Mädchen nicht so geht, dass sie einfach immer unterschätzt werden. Das hat mich geprägt. Was ich Gegnern gerne mitgeben würde, ist eine ganz einfache Überlegung:Ich habe zwei Frauen um mich gehabt, und es gab keine, wirklich keinerlei geschlechterspezifische Rollenverteilung – geht ja nicht. Was dann passiert ist, ist dass jede von den beiden einfach die Aufgaben übernommen hat, in denen sie besonders gut war. Das heißt, ich habe von beiden eigentlich nur das Beste mitbekommen. Wenn eine gut ist darin zu trösten und die andere gut ist darin mit mir Sport zu machen, dann ist vielleicht wieder die andere gut darin, mich ins Bett zu bringen und im Kochen, eine gut im Putzen, eine gut im Lampen anschrauben und im Fahrräder flicken, eine gut im auf Bäume klettern und es ist halt überhaupt nicht so aufgeteilt, wie man sich das vorstellt, sondern ganz bunt durchgemischt und ich habe quasi von beiden nur das Beste mitbekommen.

Female Empowerment ist momentan ein wichtiges Thema für dich. Auch wenn wir oft meinen, wir seien damit in Deutschland schon sehr weit – wonach fehlt es hier deiner Meinung nach noch?

Mogli: Schwierig. Darf ich die Frage ein bisschen umformulieren? Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Leute anklagen und mit dem Finger darauf zeigen, wo noch Sachen schieflaufen, das ist aber nicht die Art, wie ich persönlich an die Dinge gehe, weil ich versuche quasi es positiv zu lösen, indem ich quasi zeige, dass ich selber ‚empowered‘ bin und den Leuten Mut mache, sich selber zu empowern. Das ist quasi mein Weg da ran zu gehen. Es gibt noch genug Sachen, die noch schief laufen, und es ist auch wichtig, dass darauf gezeigt wird, aber das ist nicht mein persönlicher Weg. Ich versuche eben zum Beispiel indem ich darüber spreche, dass ich Depressionen hatte und alleine war und indem ich Hilfe gesagt habe und darüber gesprochen habe und Musik gemacht habe, mir da raus geholfen habe, zeige ich ja, dass es möglich ist und versuche eben genau, indem ich mich verletzlich mache, anderen Frauen Mut zu machen, sich erstens auch verletzlich zu machen und daran zu wachsen, weil eigentlich, wenn man mutig ist, und sich seinen Ängsten stellt, wird man immer dafür belohnt. So ist es nie umsonst, wenn man mutig ist. Man bereut es danach eigentlich nie. Das heißt ich versuche eigentlich hauptsächlich Frauen und den Mädels Mut zu machen, sie selbst zu sein und okay damit zu sein, wenn sie nicht perfekt sind, aber gleichzeitig aucch stolz darauf zu sein.

Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen?

Mogli: Ich hab schon immer Musik gemacht! (lacht) Ich habe tatsächlich als Baby schon bevor ich gesprochen habe, Laute von mir gegeben und mitgesummt, wenn meine Mama Musik angemacht hat. Und ich habe auch seitdem eigentlich nie aufgehört eigentlich den ganzen Tag zu singen und das ist auch so ein Launen-Indikator, wenn ich mal ein oder zwei Tage nicht singe, dann heißt das meistens, dass ich krank werde, das irgendwas nicht stimmt.

Und woher hast du diese sanfte, klare, hohe Stimme?

Mogli: Ich glaube, dass es weil ich schon immer singe, einfach super natürlich ist, ich sag auch immer, das ist meine Form von sprechen, es fällt mir voll oft leichter, zu singen als zu sprechen. Auf der Bühne zum Beispiel: Ich liebe es, auf der Bühne zu sein und immer wenn der Song vorbei ist und ich etwas sagen muss, werde ich schüchtern.

Bist du dann trotzdem noch aufgeregt und nervös, wenn du auf der Bühne stehst?

Mogli: Nein, eigentlich nicht, ich freue ich immer voll, nur schüchtern in den Ansagen.

Hast du irgendein Ritual vor deinen Konzerten?

Mogli: Vor dem Konzert habe ich eigentlich keins, aber (das habe ich noch nie jemandem erzählt!) beim ersten Song habe ich komplett die Augen zu und guck mir nicht an, wie der Raum aussieht, weil es ja immer unterschiedlich ist, wie viele Leute da sind, der Raum sieht immer anders aus und es ist immer unterschiedlich gruselig , manchmal sind die Fans ganz nah und gucken dich an und manchmal sieht man gar niemanden. Also ich singe wirklich den ganzen ersten Song mit Augen zu, um einfach bei mir zu bleiben, in meiner Seifenblase, also ich singe den Song schon für die anderen, aber auch für mich, danach traue ich mich dann die Augen aufzumachen, jetzt bin ich da.

Wie stehst du zu Cannabis?

Mogli: Also, ich bin auf jeden Fall dafür, dass es legalisiert wird, weil es Langzeitstudien gibt über mehr als 80 Jahre, wo Menschen tatsächlich Gras geraucht haben ohne Tabak und keine Schäden festzustellen waren in der Lunge. Ich glaube, es ist wichtig, dass es legalisiert wird, man muss eben mehr darüber sprechen, weil es für Jugendliche trotzdem gefährlich ist, weil die sich ihr Gehirn noch beschädigen können, genauso wie mit Alkohol auch. Es sollte den Menschen einfach klar sein. Wenn wir das so tabuisieren, dann checken die Leute das einfach nicht, was es mit dir macht. Ich könnte ohne auf jeden Fall nicht leben. Für mich ist es einfach voll was Schönes, das ist meine Pause am Tag, das ist auch tatsächlich für meine Depression eine extreme Hilfe gewesen, das ist sehr personenabhängig, es gibt auch Leute, die das dann noch mehr runterzieht, da muss man auf jeden Fall aufpassen, deswegen spreche ich auch darüber offen auf Instagram, weil ich eben will, dass offen darüber gesprochen wird. Sobald es tabuisiert wird und irgendwie heimlich gemacht wird, weiß niemand genau, worum es geht und dann kann es theoretisch auch gefährlich sein, ist aber bei sehr wenigen Menschen der Fall. Was es mir persönlich bringt ist, ich bin immer am Arbeiten, bin immer unterwegs, mein Gehirn macht immer ‚ratatatata‘ , läuft super schnell, , das ist quasi meine persönliche Art, mir eine Pause zu schaffen, weil man dann voll in dem Moment ist und alles andere erst mal vergisst, für sich ist, quasi eine Form von Selfcare, meine Abends-Meditation/metime, egal was vorher passiert ist und was danach passiert, da ist man einfach so bei sich und kann einfach ein bisschen die Zeit anhalten und ein bisschen Pause machen.

Vielen Dank für das Interview!

3_Press_Mogli_by_IsabelHayn

Coming Out – wie ich lernte mit meiner Depression zu leben

Quelle: Yuris Alhumaydy (Unsplash)

8 Uhr. Aufstehen. Ich kann nicht aufstehen. Etwas zwingt mich an die Matratze. Alles fühlt sich so unglaublich schwer an. Minuten vergehen im Stundentakt. Es ist 10:21 Uhr. Endlich habe ich es aus dem Bett geschafft. Wie, das weiß ich nicht mehr. Taumelnd bewege ich mich in Richtung Küche, um mir etwas zu essen zu machen. Nicht etwa weil ich Hunger habe, sondern weil ich weiß, dass ich essen muss. Doch was? Es fällt mir schwer. Die einfachsten Dinge fallen mir so unglaublich schwer. Aufstehen, anziehen, fertig machen, schminken, essen. Dinge, die mir normalerweise Freude bereiten, die ich bis dato mit Leichtigkeit erledigte. Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir schnell irgendetwas anzuziehen, mir ein Müsli herunter zu würgen und zu duschen. Ich habe die Zeit nicht im Blick, bin viel zu spät, komme verschwitzt, gehetzt und verwirrt in die Vorlesung, suche mir einen Platz in der letzten Reihe, alleine. Smalltalk würde mich momentan heillos überfordern, da entscheide ich mich lieber für die selbstgewählte Isolation. Was der Professor vorne referiert, geht einfach an mir vorbei, nichts davon bleibt hängen. Ich versuche mitzuschreiben, doch bin viel zu langsam. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch mein Gehirn sagt nein. Es ist zu einer trägen Masse geworden, die erfolglos versucht, den semantischen Inhalt des Eingangssatzes nachzuvollziehen. Meine Blicke schweifen umher, ich verfolge fassungslos, wie meine Kommilitonen mit interessiertem Blick dem Vortrag lauschen, die Stirn runzeln oder zustimmend nicken – und ich schaffe es nicht mal die aneinander gereihten Worte in meinem Kopf zu einem stimmigen, sinnhaften Bild anzuordnen.

Essen wurde zu einer Qual für mich

Irgendwann ist die Stunde endlich vorbei und es geht in die Mensa mit den anderen. Es gibt Gnocchi. Ich war immer ein großer Fan italienischer Pasta, nun beobachte ich mich dabei, wie ich versuche eine Gnocchi nach der anderen runterzuschlucken, es fällt mir schwer. Mein Mund ist trocken, zu trocken – wann wurde das Essen für mich zu solch einer Qual? Alle sind längst fertig mit dem Essen, doch mein Teller ist noch mehr als randvoll. Ich habe das Gefühl, sie starren mich an und fragen sich, was mit mir los ist. Ist sie magersüchtig, hat sie keinen Hunger? Warum isst sie nichts? Endlich ist auch das vorbei und ich kann nach Hause gehen. Nach Hause, wo ich mich zurückziehen kann. Dort, wo ich einfach nur ins Bett gehen und die Augen vor der Welt verschließen, verdrängen kann. Ich liege da, den Blick auf die weiße Wand gerichtet. In mir Leere. Stunden um Stunden vergehen und nichts regt, nichts verändert sich. Ab und zu weine ich, doch meistens fühle ich nichts, einfach nur taumelnde Leere. Ich fühle mich so langsam und kann mich nur schwer konzentrieren, schwer zuhören. Anna, meine Mitbewohnerin, kommt in mein Zimmer, fragt besorgt, wie es mir gehe und ob sie mir helfen könne, doch ich weiß nicht, wie sie mir helfen kann. Ich weiß nicht, wie ich mir helfen kann. Oder ob das Ganze überhaupt noch einen Sinn hat.

Ich denke, dass ich nie genug war

Mir schießen so unglaublich viele Gedanken durch den Kopf. Ich denke, dass ich nie gut genug war, nie mein Bestes gegeben oder mich immer nur durchgemogelt habe. Dass ich nie irgendwo so gänzlich hineingepasst habe. So vieles tobt in mir. Ich weiß viel zu wenig. Andere lesen täglich Zeitung und verschlingen monatlich mehrere Bücher, doch ich? Ich lese viel zu wenig. Ich bin viel zu langsam, dumm und ungebildet, um auf eigenen Beinen zu stehen und zu studieren. Mein Gehirn kann diese vielen verschiedenen Ebenen, auf denen es funktionieren sollte, nicht verarbeiten. Ich sollte Sport machen. Einen Nebenjob haben. Und nebenbei studieren. Dabei weiß ich noch nicht mal, welche Fächer ich wählen soll und wie. Einkaufen in einem Supermarkt – selbst der Einkaufszettel, an den ich mich klammere, wie an einen Rettungsanker, hilft mir nicht dabei, mich in diesem Labyrinth von Regalen und Angeboten zurechtzufinden. Wie machen das denn die anderen? Ja, ich fühle mich wie eine Versagerin auf allen Ebenen! Ich will nicht mehr vor die Tür treten und irgendjemandem ins Gesicht blicken, weil ich nicht mehr zu mir selbst stehe und meinen Selbstwert verloren habe. Ich schäme mich für alles, was ich bisher in meinem Leben gemacht und gesagt habe.

Vom extremen Hoch ins Tief

Doch stopp. Wie konnte es eigentlich so weit kommen? Was ist mit mir passiert? Angefangen hatte all das im Sommer 2018. Ich hatte Deutschland für eine längere Zeit den Rücken gekehrt und gemeinsam mit meinem Freund viele, wunderbare Länder bereist. Klingt doch alles super bis jetzt. Eigentlich. Weil ich noch nicht genug vom Reisen hatte, fuhr ich danach mit einer Freundin drei Wochen mit dem Zug durch Europa. Doch nicht nur das. Ich ignorierte den wohlgemeinten Rat meiner Eltern, erst einmal wieder in Deutschland anzukommen, um die bisherigen Erfahrungen verarbeiten und sacken lassen zu können. Im Gegenteil, nach der Reise nahm ich einen Vollzeit-Ferienjob am Flughafen München an, Geld verdienen ist ja nie schlecht. Zehn Tage Schichtarbeit ohne Pause – ich gab mir die volle Dröhnung und war dabei, das letzte Quäntchen Energie in meinem Körper aufzubrauchen, ohne es zu merken. Und ich veränderte mich. Ich war aufgedreht, voller Energie, wollte viel und noch so viel mehr. Wollte am liebsten alles gleichzeitig machen. Ich plante, eine App zu gründen. Flog deshalb extra nach Berlin. Habe mich mit zwei Freundinnen so heftig gestritten, dass die Freundschaft vor dem Aus stand. Mein Partner, meine Freunde, meine Familie – fast alle waren genervt von meiner anstrengenden, impulsiven Art. Von alldem bekam ich wenig mit, ich hatte so viel Energie, gefühlt hätte ich Berge versetzen können.

Kein Schlaf, keine Freude – Plötzlich ging nichts mehr

Dann der Einbruch. Ich habe wieder einmal eine Schicht eines kranken Mitarbeiters übernommen. Ich stehe an der Kasse im Bistro und von einer auf die andere Sekunde bekomme ich Herzrasen. Mir wird schwindelig. Schweißausbrüche. Meine Gedanken reißen ab. Ich blicke auf das Wechselgeld in meiner Handfläche. Dann zu dem Kunden, der mich erwartungsvoll ansieht. Ich bekomme Panik. So etwas kenne ich nicht von mir. Ich rufe meine Mutter an, arbeite weiter, zwölf Stunden an diesem Tag. Verschwitzt und völlig erschöpft komme ich nach Hause, will einfach nur ins Bett. Doch ich kann nicht schlafen, die ganze Nacht kann ich nicht schlafen. Auch die nächste und die darauf Folgende nicht. Mein Herz rast, meine Gedanken rasen schneller. Ich mache mir Sorgen. Nie hatte ich Probleme mit dem Schlafen. Tagsüber spüre ich, dass mich meine Energie so allmählich verlässt. Ich schob die Schuld auf den Job und kündigte, in der Hoffnung, es würde dann besser. Doch nichts wurde wie vorher. Es wurde schlimmer. Nachts konnte ich nicht schlafen, tagsüber fehlte mir die Energie zum Aufräumen, Spülmaschine einräumen – für alltägliche Dinge.

Keiner konnte mir helfen

Innerlich spürte ich, dass ich wieder auf ein weiteres Tief zusteuerte, von denen ich bereits viele hatte. Ich hatte Angst. Äußerlich sagte mir eine Stimme, dass ich jetzt nicht einbrechen darf. Nicht jetzt, bevor mein Studium losgeht. Es warteten so viele Dinge auf mich, für die ich bereit und gewappnet sein musste. Ich wandte mich an meine Familie, hilfesuchend. Doch auch das höchste Maß an Mitgefühl konnte mir nicht helfen, keiner konnte mir helfen. Mit jedem Tag wurde es schlimmer, der Kloß in meinem Hals größer, das Gewicht an meinem Herz schwerer. Mit jedem Tag wurde ich unproduktiver. Kein Schlaf, keine Freude, keine Energie mehr. Zum Arzt gehen? Deswegen? Das habe ich mich nie getraut. Diesmal rief ich verzweifelt nur unter dem Vorwand ‚Schlafstörungen‘ an. Gebracht hat mir dieser erste Termin nicht viel. Das Antidepressivum half mir zwar einzuschlafen, allerdings war dies ein dumpfer, künstlicher Schlaf ohne Erholung. Das miese Gefühl tagsüber blieb. Schlechte Laune ist dafür eine Untertreibung, es ist noch so viel mehr als das. Ich brach innerlich ein, da alles, das mich einst zusammengehalten hat, plötzlich weg war. Ich fühlte mich allein gelassen. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich zog mich mehr und mehr zurück, weil ich mich nicht mehr auf die Straße traute. Bis irgendwann gar nichts mehr ging. Irgendwann lag ich fast nur noch im Bett, hatte keine Energie mehr aufzustehen und mich anzuziehen.

Quelle: Sam Manns (Unsplash)

Es machte keinen Sinn so zu studieren. Ich musste erst einmal pausieren. Erst mal ausziehen und wieder zuhause einziehen. Ein Rückschritt. Dachte ich damals. Heute sehe ich es als ersten Schritt auf dem Weg zur Besserung. Allein hätte ich da nicht mehr herausgefunden. Dazu fehlte mir die Kraft. Zuhause bei meinen Eltern wurde es zunächst noch schlimmer, ich zog mich mehr und mehr zurück, wurde noch unsicherer, wenn ich einen Schritt vor die Haustür wagte. Wie sollte ich den anderen erklären, dass ich wieder zuhause bin? Dass ich bereits nach zwei Wochen mein Studium unterbrechen musste? Was sollte ich ihnen sagen, wenn sie mich fragten, wie es mir in der neuen Stadt gefiele? Ich musste lügen. Und das fiel mir verdammt schwer. Ich konnte nicht anders. Ich schämte mich. Weil ich versagt habe.

Wie ich es aus der Depression geschafft habe

Irgendwann war es so schlimm, dass ich wusste – entweder ich handle nun, oder es wird nicht mehr besser. Ich habe es in aller erster Linie für meine Familie, meinen Freund getan. Weil ich sie leiden sah, wenn sie mich ansahen. Weil ich wusste, ich würde sie verlieren, wenn ich mich selbst verliere. Also rief ich an, mit der allerletzten Kraft rief ich in einer Klinik an. Ich sage lieber Klinik als Psychiatrie, es klingt normaler, harmloser. Die Leute verstehen es besser, können besser damit umgehen. Der Schritt fiel mir nicht leicht, doch gleichzeitig war mir zu dem Zeitpunkt schon alles egal. Ich musste handeln, irgendetwas tun, damit es besser werden würde. Die ersten Wochen in der Tagesklinik des Bezirkskrankenhauses (so heißt es offiziell) gingen zäh voran. Ich war sehr planlos, konnte mich schwer auf den Ablauf konzentrieren und ihm folgen. Ich klammerte mich an die anderen Patienten und folgte ihnen überall hin. Lesen, mich selbst orientieren, das war noch zu viel für mich. Medikamententraining, Ergotherapie, Sport, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Holztherapie, Musiktherapie, Yoga – ich hatte ein volles Programm, im Gegensatz zu meiner Zeit zuhause, als ich nur im Bett lag und maximal aufs Handy blickte. Der strukturierte Tagesablauf und der Kontakt zu anderen Menschen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, half mir allmählich, mich aus meinem Loch zu ziehen. Es ging zäh voran, es dauerte lange. Doch irgendwann kam mein persönlicher Break-Even-Point. Nach über zwei Monaten in der Klinik ging es endlich bergauf, ich konnte wieder lachen, mich freuen, Dinge planen, kochen, Spaß haben. Es fühlte sich gut an, zu leben. Leben zu dürfen. Ich hatte wieder Hoffnung, spürte Freude und hatte Lust, weiterzumachen. Endlich wurde es besser. Wenn auch mit Unterstützung durch Medikamente. Aber das war mir egal – Hauptsache es ging mir wieder gut, nach all diesen schweren Monaten.

Wie ich in Zukunft mit der Krankheit leben werde

Doch wie mache ich jetzt weiter? Was habe ich aus dieser Höllenfahrt gelernt? Momentan verbringe ich die Tage zuhause, mit unglaublich viel Energie, ich bin nicht ausgelastet, versuche mich so gut es geht runter zu bremsen, um nicht schon wieder ins nächste Tief zu fallen. Ich koche, treibe Sport, mache Yoga, treffe Freunde, schreibe, versuche mich abzulenken. Wenn alles gut läuft, darf ich bald eine Langzeit-Reha im Allgäu antreten, in der ich mehr über mich und meine Krankheit lernen werde. Und lerne, wie ich damit in Zukunft leben und umgehen kann. Mich stabilisieren kann, wieder zu mir zurückfinden kann. Und dann? Dann möchte ich gerne zurück an die Uni, allen zeigen, was ich kann. Meinen Traum verwirklichen. Selbstständig werden. Und vor allem eins: gesund bleiben.

Hier gehts zum Original-Artikel auf Zeitjung.de

Guide für faire Fashion

Diese nachhaltigen Modelabels solltet ihr kennen!

Quelle: Shanna Camilleri (Unsplash)

Wer kennt das nicht? Der Kleiderschrank ist proppenvoll, doch eigentlich gefällt einem momentan so gar nichts. Etwas neues möchte man sich des schlechten Gewissens wegen jedoch nicht kaufen. Secondhand-Läden, Flohmärkte oder Kleidertauschpartys sind gute Möglichkeiten, wie man dem Massenkonsum entgegensteuern und der Umwelt etwas Gutes tun kann. Ab und zu wäre es aber doch schön, sich etwas Neues gönnen zu dürfen. Damit das gute Gewissen beim Shoppen bleibt, gibt es mittlerweile unzählige faire Modemarken, von denen die meisten unter uns nur leider viel zu wenig hören. Deshalb möchte ich euch in diesem Blogeintrag von mir durch die faire Fashionwelt führen und euch gedanklich von Kopf bis Fuß einkleiden!

Quelle: Annie Spratt (Unsplash)

Ihr kanntet bisher nur Armed Angels? Ich muss gestehen, recht viel mehr kannte ich auch nicht. Doch da gibt es noch so viele Marken, die fair, bio oder sogar vegan produzieren und darauf warten von euch entdeckt zu werden. Beginnen wir bei Twothirds – das Eco-Fashion-Label setzt sich für weniger Plastik im Ozean ein – mit Kleidung aus Bio-Baumwolle, recyceltem Polyester und biologisch abbaubaren Verpackungen. „Das Symbol von Twothirds ist ein runder, niedlicher Wal. Er ziert T-Shirts, Sweatshirts sowie Tassen und Teekannen des Labels und lässt schon erahnen, worauf der Fokus des Unternehmens liegt: dem Meer. Umso weniger Abfall wir produzieren, desto sauberer sind die Meere – und dieser Devise folgt Twothirds in mehreren Bereichen, von wassersparender Produktion von Bio-Baumwolle bis zum Verzicht auf Plastiktüten“, schreibt Utopia in einem Artikel über die Surfer-Modemarke aus Barcelona in Spanien. „Der Name Twothirds erklärt sich folgendermaßen: Zwei Drittel unseres Planeten sind mit Wasser bedeckt – und um diesen großen Teil der Erde kümmert sich das Unternehmen mit besonderem Fokus.“

Mein dritter, heißer Tipp für euch ist die Marke Knowledge Cotton Apparel. Das nachhaltige Label existiert seit 1969, dementsprechend viel Erfahrung in der Modebranche bringt es mit sich. Auf der Website der Marke kann man genau nachverfolgen, wo die gekaufte Kleidung produziert wurde und wer sie hergestellt hat. Die Mission des Labels ist es, den Status Quo herauszufordern. „Wir haben das Innere einer Industrie gesehen, die einen beträchtlichen Einfluss auf die Umwelt hat. Wir wissen, wie ein richtiger Wandel geschehen kann, ernsthaftes Handeln ist nun gefragt“, schreibt Knowledge Cotton Apparel auf der eigenen Website.

Quelle: Heather Ford (Unsplash)

Das Fair Fashion Label LangerChen gibt es seit 2013. „Wir kreieren Eco Outdoorwear, die durch einen zeitlosen Look, nachhaltige Materialien und eine hohe Funktionalität punktet. LangerChen zeigt, dass Mode ‚made in China‘ nichts mit Massenproduktion oder schlechten Arbeitsbedingungen zu tun haben muss. In der eigenen Produktionsstätte etwa eine Stunde von Shanghai entfernt werden heute alle LangerChen Kollektionen gefertigt – vom Stoff bis hin zur fertigen Jacke“, beschreibt sich die Marke selbst im Internet.

Die Herstellung nachhaltiger Kleidung allein ist nicht genug, sagt das aus Australien stammende Label Thought. „Wir arbeiten ethisch und moralisch, von den Materialien, die wir benutzen, über das Design bis hin zur Lieferung unserer Kleidung. Wir denken über jeden Einfluss, den unser Geschäft hat, nach. Wir sind außerdem große Befürworter der „Slow Fashion“, weshalb wir Kleidung entwerfen, die langlebig ist. Die Kleidungsstücke, die wir am meisten lieben, halten mit guter Pflege länger. Das ist der Grund für unser Mantra “Wear me, love me, mend me, pass me on.” Es soll eine Erinnerung daran sein, auf alles, was wir besitzen, Acht zu geben.“

Quelle: Social Cut (Unsplash)

Nicht „Made in China“: UVR connected ist ein solides, mittelständisches Berliner Label, das Stoffe aus Italien, Portugal und Frankreich benutzt, schreibt der Tagesspiegel. Angefangen hatte alles 1998 in Uckermark auf einem ausgebauten Bauernhof. „Geschäftsführer Dirk Siever war es, der mit den ersten Produkten von UVR connected im Kofferraum durch Deutschland fuhr und sie Einzelhändlern anbot. Irgendwann war klar: „So kommen wir nicht weiter. Die Händler bezahlten nicht, und wir waren nicht liquide“, erzählt Siever. „Wir brauchten unsere eigenen Läden.“ Also kehrten sie nach Berlin zurück und eröffneten ein winziges Geschäft in Friedrichshain. Der Laden hat vom ersten Tag an funktioniert. Inzwischen haben sie noch drei weitere: in Mitte, Kreuzberg und Schöneberg.“

Im Jahr 2014 hat Verena Paul-Benz mit ihren jungen Designern und einer Kollektion nachhaltiger T-Shirts in kürzester Zeit aus Lovjoi ein Modelabel gemacht, das jährlich mit zwei erfolgreichen Kollektionen den Markt der Eco-Fashion erobert. „Eine klare Haltung wird zur Grundlage für jedes weitere Handeln. Entscheidungen, mit Scharfsinn getroffen, werden zu Erfahrungen, die das Herz berühren und neue Kräfte in uns wecken. Die gemeinsame Idee beflügelt, mit Leichtigkeit lassen wir bisherige Grenzen hinter uns und brechen auf, neue Horizonte zu erreichen. Das Leben ist ein Fest!“, schreibt das Label auf seiner Seite.

„Hinter Kuyichi steht eine Gruppe Niederländer, die Denim und die Welt lieben. Wir machen Jeans für Menschen, die das Leben genießen und wertschätzen. Wir finden, dass das Leben für jeden Spaß machen sollte. Die Menschen, die unsere Kleidung herstellen, möchten ihr Leben auch genießen. Deshalb wählen wir nachhaltige Materialien und Lieferanten, die fair produzieren. Unsere Reise begann 2000 in Peru, Südamerika. Die Gründer von Kuyichi – NGO Solidaridad – erkundeten die Baumwollindustrie in Peru und waren schockiert von der Verschmutzung und Armut, die sie dort sahen. Die Alternative war Bio-Baumwolle, ohne den Einsatz von giftigen Chemikalien und mit einem besseren Leben für die Baumwollbauern. Das am häufigsten getragene Baumwollprodukt sind Jeans, also haben wir angefangen 100 Prozent biologischen Denim zu produzieren.“

Quelle: Cam Morin (Unsplash)

Annette Hoffman und Elke Schilling stecken hinter dem Label Alma & Lovis. 2011 haben sie sich aus der Überzeugung zusammengetan, Mode und Nachhaltigkeit miteinander vereinbaren zu wollen. Beide lieben Mode, fühlen sich aber gleichzeitig auch der Umwelt und der Gesellschaft verpflichtet – sie legen großen Wert auf Naturmaterialien, höchste Qualität und eine sozial faire Produktion. „Das Wissen über die sozio-ökologischen Sünden der Textilbranche treiben uns an. Denn gerade in der Modebranche passiert vom Anbau bis zur Produktion so viel Unverständliches. Mode ist Ausdruck von Zeitgeist und soll die Individualität des Einzelnen unterstreichen. Es soll Spaß machen in schönen Materialien und Farben zu schwelgen – ohne schlechtes Gewissen! Die ethischen Aspekte im Herstellungsprozess sind uns sehr wichtig. Wir setzen auf verantwortungsvolle Produktionsbedingungen und einen vertrauensvollen, fairen Umgang mit Mensch und Natur.“

T-Shirts aus Holz? Gibt’s! Bei Wijld. Für die „WoodShirts“ nutzt das Label Holz von verschiedenen Laub- und Nadelbäumen aus unter anderem Deutschland, Österreich oder der Tschechischen Republik. Das Besondere ist, dass dieses Holz aus ausschließlich nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Den Bäumen wird die Zeit gegeben in Ruhe zu wachsen und für jeden Baum, der gefällt wird, wird direkt auch ein neuer gepflanzt. Aus einem Holzscheit von etwa einem Kilogramm können vier T-Shirts hergestellt werden. Der Materialeinsatz pro T-Shirt ist im Vergleich zu anderen Textilrohstoffen sehr übersichtlich.

Quelle: Ricardo Gomez Angel (Unsplash)

„Wir sind Feuervogl – zwar haben wir die Hose nicht erfunden, aber wir sind angetreten, um aktuelle Trends im Denim- und Cotton-Flat-Bereich nachhaltig, sozialverträglich und ökologisch in den Markt zu bringen“, stellt sich das Jeans-Label auf seiner Homepage vor. „Mit Feuervogl zeigen wir, dass Mode und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sind, sondern beides möglich ist. Unsere Kollektion ist schwerpunktmäßig eine Hosenkollektion aus Organic Denim und Organic Cotton.“

Beim Label Mud Jeans kann man Kleidung leasen. Klingt verrückt? Hier jedoch ganz normal. „Wir haben ein wegweisendes Lease-A-Jeans-Modell eingeführt, um sicher zu stellen, dass wir die Eigentümer der Rohmaterialien bleiben und diese nach der Benutzung zu uns zurückkommen“, so die Modemarke. „30 Prozent der Klamotten in unseren Kleiderschränken werden nicht mal ein Jahr lang getragen. Kommt euch bekannt vor? Das Leanse-A-Jeans-Modell ist eine Lösung, die euch von eurem schlechten Gewissen befreien wird, für umweltbewusste Leute, die Lust auf etwas Neues haben. Nach einem 12-Monate-Leasing kann man entscheiden, ob man das Paar Jeans behalten möchte oder auf ein Neues umswitchen möchte. Die alten werden dann recycelt, um daraus neue Sachen zu produzieren.

T-Shirts, Pullover, Jeans alles gut, aber gibt es auch fair produzierte Schuhe? Ja, gibt es! EKN stellt nachhaltiges Schuhwerk her, und das sieht nicht mal schlecht aus. „In den letzten Jahrzehnten wurde der Sneaker-Markt mit schlecht verarbeiteten, synthetischen Schuhen überschwemmt. Diese Produkte sind nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern werden häufig auch unter unwürdigen Arbeitsbedingungen und für einen Hungerlohn hergestellt. Gute Gründe, diesem Trend eine Alternative entgegenzusetzen. Wir wollen in Zukunft Verantwortung übernehmen. Und machen das schon heute“, so das Label auf seiner Website.

Quelle: Tom Sodoge (Unsplash)

Auch Natural World entwickelt ökologische, sogar vegane Schuhe. Die junge Marke wurde mit dem Ziel geboren, einen 100 Prozent ökologischen Schuh herzustellen. „Die Essenz unseres Labels ist die Liebe zur Natur und die Authentizität unserer Produkte. Von unseren Büros in Arnedo (La Rioja) aus arbeiten wir daran, die Welt, in der wir leben, zu verbessern, um unseren Kindern eine bessere garantieren zu können.“

Vegan gibt es auch bei El Naturalista. „Unsere veganen Schuhe enthalten keinerlei tierischen Stoffe. Weder im Material selbst, noch im Herstellungsprozess werden tierische Stoffe verarbeitet. Unsere Materialien sind hochqualitative Stoffe, hauptsächlich Mikrofaser und Baumwolle, die echtes Leder zur Perfektion imitieren. Wir tragen Verantwortung für unsere Umwelt. Daher arbeiten wir ununterbrochen an der Forschung, Entwicklung und Innovation, um nachhaltige Qualitätsprodukte zu schaffen. Dieser Einsatz wird durch unsere Qualitäts- und Umweltschutzpolitik bekräftigt.“

Mal was anderes: Die Marke Paprcuts produziert Portemonnaies und Uhren, die nachhaltig produziert werden. Zudem gibt es Tabakbeutel und Bauchtaschen im Sortiment. Mit ihren witzigen, hippen Designs spricht das Label auf jeden Fall die junge Generation an und trifft hier einen Nerv.

„Gute Rucksäcke aus fairer Produktion“ gibt es bei Ethnotek. „Im Laufe der Jahre haben wir in elf verschiedenen Dörfern in fünf Ländern enge Arbeitsbeziehungen mit Kunsthandwerkern und ihren Familien entwickelt. Wir empfinden es als eine große Ehre, dass die Kunsthandwerker unsere Partnerschaft gleichermaßen schätzen und wir ihre traditionellen handgefertigten Textilien in funktionalen Taschen und Rucksacken weltweit anbieten können. Viele von ihnen sind ausgezogen und sind in ihre Dörfer zurückgekehrt, um mit ihren Familie zu leben und zu weben. Unser gemeinsames Ziel ist es, ihre Kunst einem großen Publikum zu zeigen um somit ihre eigene Kultur und Techniken zu bewahren.“

Quelle: Aniket Bhattacharya (Unsplash)

Den „etwas anderen“ Rucksack gibt es bei Airpaq zu kaufen. Die Geschichte der Firma, die ursprünglich aus einem Uniprojekt entstand, beginnt im September 2015 „als wir aus reinem Zufall in dasselbe Apartment in Rotterdam zogen, um unseren Master ‘Strategic Entrepreneurship’ zu beginnen“, so die zwei Gründer Michael und Adrian. „Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und bildeten ein Team für die im ersten Kurs anstehende Gruppenarbeit. Rückblickend war dies für uns eine wegweisende Entscheidung, da unser heutiges Airpaq-Team an diesem Tag seinen Ursprung fand. Im Zuge dieses ersten Kurses besuchten wir einen Schrottplatz, um Inspiration für ein Recycling-Projekt zu sammeln. Während wir durch das Labyrinth von gestapelten Autos schlenderten kamen uns viele Ideen – LKW Reifen könnten Sessel werden, Zylinderköpfe Kerzenständer, bis wir schließlich einen Airbag entdeckten. Die Festigkeit und das Gefühl des hochwertigen Airbag-Stoffes faszinierte uns und die Idee keimte in uns auf, einen Rucksack aus diesem Material zu fertigen.“

Auch die Marke Pinqponq fertigt faire Rucksäcke. „Die Produkte werden von uns in Köln entwickelt und designt, in Vietnam in Handarbeit gefertigt und auf den Weg nach Deutschland gebracht. Hier werden sie an ausgewählte Handelspartner ausgeliefert und anschließend zum Verkauf angeboten. Wir begleiten diese Beschaffungskette und stehen zu jedem Produzenten in direktem Kontakt. So können wir die Qualität der Produkte selbst garantieren und die chemische Reinheit von unabhängigen Prüfinstituten bestätigen lassen. Das Recycling ist ein elementarer Pfeiler unserer Nachhaltigkeitsstrategie zur Minimierung unseres Umwelteinflusses bei der Produktentstehung. So verwenden wir für unsere pinqponq Taschen Stoffe, die zu 100 Prozent aus gebrauchten PET-Flaschen gefertigt sind“, so das Label auf seiner Seite.

Quelle: Álvaro Serrano (Unsplash)

Zum Abschluss etwas sehr Kreatives: Feuerwear. Wie der Name schon sagt, fertigt das Label Unikate aus alten Feuerwehrschläuchen. Feuerwear recycelt diese zu hochwertigen Taschen, Rucksäcken und Accessoires. Die Brüder Martin und Robert Klüsener sind begeistert von der Mission, nachhaltige Mode zu schaffen. „Martin entwirft aus dem robusten Feuerwehrschlauch durchdachte Produkte, individuell und urban im Design. Robert ermöglicht durch smartes Wirtschaften eine lückenlos nachhaltige Upcycling-Produktion in Europa. So werden Feuerwear-Produkte zu den idealen Begleitern für die Einsätze des Alltags“, beschreibt sich die Marke selbst.

Ihr dachtet, das war schon alles? Längst nicht. Da gibt es noch Erlich – ein junges Kölner Modelabel für nachhaltig produzierte, hochwertige Wäscheprodukte. Melawear, Maqu, Eyd, Green Bomb, Wado, Veja, Greenality, Bleed, Grüne Erde, hessnatur, Lanius, Thokk Thokk, People Tree, Wunderwerk, Shirts for Life, Living Crafts, Recolution, Hemp Age, Lana, Room to Roam, Bidges & Sons, Brainshirt, Degree Clothing, Gary Mash, Continental Clothing, Daily`s Nothings`s Better, Kipepeo Clothing, Deepmello, Die rote Zora, Gotsutsumo, Greentee, Jan’n’June, Lena Schokolade, Mandala, Treches, Wiederbelebt, Woodlike & Woodlike Ocean und und und … worauf also wartet ihr noch? Jetzt habt ihr keine Ausreden mehr, euch nachhaltig einzukleiden!

Die besten Modelabels für faire Kleidung & faire Mode

23 Öko-Modelabels, die die Modebranche besser machen

 

Liebeserklärung an Unverpackt-Läden

Unverpackt-Läden gibt es schon in vielen Städten. Sie regen zum Umdenken an, verändern unsere Art einzukaufen und zu leben. Zeit für eine Liebeserklärung!

IMG-20190109-WA0005

Foto: Miriam Kratzer

Lieber Unverpackt-Laden, es gibt dich schon in vielen großen Städten, egal ob München, Göttingen, Kiel, Mainz oder Trier. Du regst uns zum Umdenken an, veränderst unsere Art einzukaufen und zu leben. Es wird höchste Zeit für eine Liebeserklärung an dich!
Das erste Mal Kontakt mit dir hatte ich tatsächlich am anderen Ende der Welt – auf einem winzigen Campingplatz in Neuseeland. Ich habe dort ein italienisches Pärchen kennengelernt, das den ersten verpackungsfreien Supermarkt in Rimini eröffnen möchte. Michela und Carlo haben mich inspiriert mit ihrem mutigen, erfrischenden Lebensstil. Selbst unter den widrigsten Umständen – zu zweit in einem kleinen, blauen Toyota Hiace, haben sie ihre moderne, vegane, plastikfreie Welt durchgesetzt und mich zugleich damit angesteckt. Die Linsen, Cornflakes und Spaghetti in Gläsern oder Binden aus Stoff – ich war platt.

„Zero Waste – was ist das?“

Unverpackt – du warst für mich ein Fremdbegriff. Bis ich wieder nach Hause kam und auch meine Lebensweise überdachte. Ich ging das erste Mal in Lebensmittelgeschäfte wie dich, die komplett ohne Verpackung auskommen und kam selbst aus dem Staunen nicht mehr raus. Beim ersten Mal hätte ich dich am liebsten leergekauft, alles in Gläser abgefüllt – egal ob Haferflocken, Essig, Öl, Kaffee oder Gewürze. Es bereitet einfach so viel Freude. Wenn ich bei dir bin, fühle ich mich zurück versetzt in meine eigene Kindheit, als ich noch mit Puppen und Kaufmannsladen gespielt habe.
Die Liebe zum Detail macht dich aus, und noch so viel mehr.

Warum ich diese Art einzukaufen so liebe? Nicht nur, weil man sich die Verpackungen spart, unnötigen Plastikmüll vermeidet und somit auch weniger davon in Nahrung und Umwelt wandert. Loses Shopping hat so viele Pluspunkte: Man kann genau abmessen, wie viel Zucker und Salz man möchte – perfekt für Singles und Studenten, die keine XXL-Packungen benötigen. Und ein Weg, um nicht mehr so viele Lebensmittel verschwenden zu müssen, wenn sie schlecht werden, weil es schlicht weg zu viel war. Man muss sich nicht mehr so oft überwinden, den Müll nach draußen zu bringen. Bei dir, lieber Unverpackt-Laden, wird mir deutlich vor Augen geführt, was ich eigentlich zum (Über)-Leben brauche und was nicht. Ich kann entspannt Unnötiges ausblenden und werde nicht dazu verleitet 30 Euro mehr für Mist auszugeben, der ungesund oder einfach überflüssig ist. So komme ich meinem Ziel, minimalistisch zu leben ein Stück näher und erfahre, dass es auch mit viel weniger geht. Ob es nun Zahntabletten, Haarseife oder loses Waschpulver ist – es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie weit wir dank dir bereits sind und dass ‚Zero Waste‘ mit dir möglich wird. Man fühlt sich nicht nur, als hätte man der Welt etwas Gutes getan, sondern genießt außerdem ein entspanntes Einkaufserlebnis. Weniger los als im Discounter und kaum Stress an der Kasse. Man trifft auf Gleichgesinnte, die ebenfalls umweltbewusst denken und leben.

„Global denken, lokal handeln“

Unverpackt, du bist die beste Umsetzung des Prinzips „global denken, lokal handeln“ – denn während ich persönlich etwas gegen den Klimawandel unternehmen kann, bleibt auch die Wertschöpfung vor Ort in der eigenen Stadt und fließt nicht ab wie etwa bei Aldi, Lidl und Co. Die Preise sind vergleichbar zum  Bio-Supermarkt, und die Hersteller werden meist fair für ihre Produkte bezahlt.
Mein Gewissen wird besser, aber auch der Kopf wird freier, da ich weniger Entscheidungen treffen muss. Wo wenig Auswahl, da wenig Stress. Diesen spart man sich übrigens auch zuhause: umpacken, auspacken und wegwerfen fällt weg. Nebenbei regt man dort auch Mama, Papa oder die Mitbewohner und Freunde zum Nachdenken an. Unverpackt, du tust gut, weil ich bewusster und gesünder lebe. Seitdem ich unverpackt einkaufe, mache ich mir viel mehr Gedanken darüber, was ich esse und ob Sachen, die nicht aus der Umgebung stammen denn wirklich notwendig sind. Unverpackt, du bist Luxus, denn andere haben nicht einmal die Wahl, ob sie mit oder ohne Plastik einkaufen können.

Das Persönliche zählt

Dein Alleinstellungsmerkmal jedoch ist definitiv das Persönliche. Man wird nicht einfach nur an der Kasse „abgefertigt“, sondern darf sogar mitbestimmen, was im Sortiment angeboten werden soll, Anregungen sind bei dir gerne gesehen. Zudem habe ich so automatisch einen Ansprechpartner zum Thema ‚Zero Waste‘ und Nachhaltigkeit vor Ort.

Worauf also wartet ihr da noch? Schnappt euch einen Schwung von Muttis Altgläsersammlung, ein paar Tupperdosen, Stofftüten oder einen Korb und stürzt euch in das schönste Einkaufserlebnis, das es momentan gibt!

Hier geht’s zum Original-Artikel auf Zeitjung.de!

Reise ins schlechte Gewissen: Wie passen Urlaub und Umweltschutz zusammen?

Das perfekte Bild spiegelt nicht unbedingt den perfekten Urlaub wieder, denn vieles zeigen wir online nicht. Zum Beispiel: wie Reisen unsere Umwelt beeinflusst.

tropical-2090133_1920

Das perfekte Bild um jeden Preis.    Quelle: Pixabay

Für viele Strandbadeorte gehört das allmorgendliche Wegräumen von Plastikmüll mittlerweile zum festen Ritual. Allein für den asiatisch-pazifischen Raum entstehen der Tourismusbranche jährlich Kosten von 622 Millionen Dollar.

Diese schockierenden Zahlen hält die schweizer Natur- und Umweltschutzorganisation WWF fest. Und ich mache das Ganze mit meinem Verhalten kein Stück besser und trage dazu bei, dass es in Zukunft schlimmer werden wird. Nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut! Scheiß drauf, ich hab’s ja schon gesehen.“

“Weltreise” – Dieses Wort suggeriert irgendwie immer ein reiches Kind, das nach seinem Abitur Geld und ein Around-The-World-Ticket von den Eltern geschenkt bekommen hat und nun unbekümmert Selfies von überall postet. Aber das muss nicht sein. Mein Freund und ich sind jedenfalls mit einem One-Way-Ticket in unser zehnmonatiges Reisevergnügen um den Globus gestartet. Und bereits im Vorfeld unserer Reise habe ich mich schlecht gefühlt, dafür so viel fliegen zu müssen.

Hilfe, ich bin Teil des Problems!

Etwa 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Doch heute schwimmen in jedem Quadratkilometer der Meere hunderttausende Teile Plastikmüll. Seevögel verenden qualvoll an Handyteilen in ihrem Magen, Schildkröten halten Plastiktüten für Quallen und Fische verwechseln winzige Plastikteilchen mit Plankton“, heißt es bei WWF weiter.

rubbish-1576990_1920

Von Coca Cola-Glas bis Plastikflasche – alles Müll, der im Meer gelandet ist.      Quelle: Pixabay

In meinem Alltag versuche ich auf Fleisch zu verzichten und mich umweltbewusst zu ernähren und zu verhalten. Dennoch will ich mir nicht die Freiheit nehmen lassen, unsere Welt zu entdecken und zu bereisen. Ich weiß, das ist ein Widerspruch. Und mit meinem Verhalten trage ich nicht zu einer Besserung des Problems bei, im Gegenteil. Ich beschleunige es. Dieser „Nach mir die Sinnflut“-Gedanke widert mich an. Touristen widern mich an. Touris, die jeden Preis für das eine perfekte Foto zahlen und in Scharen in klimatisierten Bussen alle Instagram-Punkte abklappern. Und doch muss ich mir eingestehen: Du bist auch hier und du bist Teil des Problems.

Selbstdarstellung vs. Umweltschutz – Geht nicht auch beides?

Denn auch ich poste schöne Urlaubsbilder auf Instagram, die meinen Freunden und Followern suggerieren, was für ein tolles Jetset-Life ich doch führe und wie schön es an all diesen Orten ist. Der ein oder andere möchte sich dann vielleicht auch das Recht herausnehmen, dasselbe erleben zu dürfen und bucht sein Flugticket. Klick. Was meine Freunde auf Instagram sehen, sind die schönen Bilder am Pool, vor dem Taj Mahal, oder auf einer einsamen, paradiesischen Insel. Was sie jedoch nicht sehen, sind die höllischen Fahrten in einem schwülen Bus, eingequetscht mit anderen, schwitzenden Reisenden, die wartende Schlange am „Instagram-Fotopunkt“ oder das Schleppen des schweren Rucksacks quer durch die Stadt bis zur Unterkunft bei 40 Grad plus.

Die geschönten Bilder vermitteln aber noch viel mehr. Sie sagen: „Schau her, was ich mir leisten kann, was ich aus meinem Leben mache. Guck dir an, wie toll das ist. Was ich habe und du nicht.“ Und irgendwo ist es ja genau das, was wir unterbewusst wollen. Wir wollen wahrgenommen, geschätzt, respektiert, bewundert und geliebt werden. Das liegt in der menschlichen Natur. Ist es also verwerflich, diese Bilder auf Instagram zu posten? Ich weiß es nicht. Ich möchte einerseits, dass meine Freunde sehen, wo ich bin und andererseits möchte ich unsere Umwelt schützen. Wenn ich radikal wäre, dann müsste es heißen: ganz oder gar nicht. Entweder kein Instagram oder keinen auf Umweltschützer machen. „Aber geht nicht auch beides?“, würde jetzt mein verzweifeltes Ego fragen.

sunrise-3990735_1920

Quelle: Pixabay

Das Problem des Massentourismus‘

Jedes Instagram-Bild ist ein Stich in die Magengrube für mein gespaltenes Ich. Denn bei jedem Mal schießen mir auch diese Gedanken in den Kopf: Vor drei Jahren war an diesem Ort noch nichts los und es lag vermutlich längst nicht so viel Plastikmüll herum wie jetzt. Und: Auch ich bin hauptsächlich durch Instagram an diesen Ort navigiert worden.

Das Tempo in dem die Tourismusbranche wächst, ist schockierend, aber wenig verwunderlich. Das Flugticket ist innerhalb weniger Minuten am Handy gekauft, das Essen wird per App ins Airbnb bestellt. All diese technischen Fortschritte, die uns das Leben so sehr erleichtern, führen dazu, dass Reisen schneller und einfacher wird. Die logische Konsequenz ist, dass immer mehr Menschen reisen wollen. Da Flüge und Hotels immer günstiger werden und die Menschen über mehr Geld für ihre Freizeit verfügen, wächst der Tourismus stetig weiter.

Besonders stark kann man dieses Phänomen in Neuseeland beobachten. „Im vergangenen Jahr stieg die Anzahl der internationalen Urlauber um zwölf Prozent auf 3,5 Millionen. Mit fast 100.000 Gästen stellt Deutschland die sechstgrößte Besuchergruppe, nach Touristen aus Australien, China, den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan. Und das, obwohl die Anreise auf die Insel im Pazifik nicht unter 27 Flugstunden zu machen ist“, schreibt der SPIEGEL. „Bislang ist kein Ende des Booms in Sicht. Bis 2022 soll die Zahl ausländischer Gäste die 4,5-Millionen-Marke erreichen – ebenso viele Menschen, wie das Land Einwohner hat.“

„Ich will die Welt noch sehen, bevor sie zu Grunde geht“

Warum nur wollen wir das – Reisen, nur um anderen zu zeigen, wo wir sind? Manchmal scheint es so, als wolle man die Welt, wenn auch nur für bestimmte Zeit, an sich reißen. Wenn ich ans Reisen denke, dann kommen mir diese Gedanken in den Kopf: „Vielleicht ist in 20 Jahren schon alles kaputt, gerodet, vermüllt. Ich möchte die Welt jetzt noch sehen, bevor sie zu Grunde geht. Ich will auch sehen können, was meine Freundin, Schwester, Tante gesehen hat. Man lebt nur einmal. Jetzt hast du die Chance dazu, das zu tun, ergreife sie!“ – Wie selbstsüchtig und egoistisch, ich weiß. Und trotzdem einfach die bittere Wahrheit. Und dabei bin ich sicher nicht die Einzige, die so denkt.

vw-camper-336606_1920

Quelle: Pixabay

Reisen ist ein Luxus, den man sich gönnen möchte. Es ist eine Art materieller Wert, der immer bleibt, der einem nicht mehr genommen werden kann. Es ist, als würde man sich Erinnerungen kaufen – ganz getreu nach dem Brechreiz auslösenden Reise-Motto unter Instagram-Posts: „Travel is the only thing you can buy that makes you richer.”

20 Tonnen Müll an nur einem Wochenende

Was mich neben der Schnelligkeit am meisten schockiert, sind die Massen an Touristen und der Müll, der produziert wird. Frühere Paradies-Inseln wie Ibiza, Mallorca oder Gili Trawangan in Indonesien haben sich innerhalb weniger Jahre zu vermüllten Partyinseln entwickelt. Es hat mich angewidert, die hauptsächlich männlichen, schmierigen Partytouristen auf den Gili-Inseln zu beobachten. Es sah aus, als würden sie mit dem Anspruch anreisen, sich hier alles nehmen zu können, was sie wollen. Egal ob Alkohol, Sex oder Frauen. Alles gehört ihnen und nichts ist ihnen peinlich. Dieser Anspruch, sich mit Geld alles erkaufen und erlauben zu dürfen, macht dabei einiges kaputt. Da die Lebensunterhaltskosten in fast allen Ländern in Südostasien (noch) extrem günstig sind, sind Thailand, Indonesien und Co. in den letzten Jahren zu einem beliebten Pilgerziel für Backpacker aus Europa und westlich geprägten Ländern geworden, die nach dem Abitur oder Studium noch einmal etwas „erleben“ wollen.

Tag für Tag werden aus dem Golf von Thailand Unmengen an Abfall angeschwemmt: Plastiktüten, Plastikflaschen, Plastikbecher, Plastikdosen, sogar ganze Tische und Stühle. An manchen Wochenenden sind es nach Angaben der Inselverwaltung bis zu 20 Tonnen“, schreibt die Augsburger Allgemeine. Dort müssen reihenweise Strände geschlossen werden, damit sie sich vom Tourismus erholen und regenerieren können.

Vermutet wird, dass inzwischen etwa 140 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen umhertreiben. Jedes Jahr kommen bis zu zwölf Millionen Tonnen dazu.“ Interessant dabei: „Verantwortlich dafür sind in erster Linie nicht die westlichen Industrienationen. Mehr als zwei Drittel des Mülls stammt heute aus Asien. China, Indonesien, Thailand und die Philippinen gehören zu den besonders schlimmen Verursachern.

beach-768999_1920

Während der Monsunzeit sammelt sich in Ländern wie Indonesien der Müll nur so an den Stränden.    Quelle: Pixabay

Und auch Bali hat mit demselben Problem zu kämpfen: Die indonesische Insel hat im Januar den „Abfallnotstand“ ausgerufen. Täglich sammelten von da an 700 Reinigungskräfte und 35 Lastwagen rund 100 Tonnen Abfälle ein und luden sie in einer Mülldeponie ab, wie die Berliner Morgenpost berichtete.

Am schlimmsten ist es während der jährlichen Monsunzeit, wenn starke Winde und Meeresströmungen Strandgut anspülen und angeschwollene Flüsse Müll von den Ufern zur Küste befördern.

Und jetzt?

Wenn ich jetzt in die Zukunft blicke, dann weiß ich, dass ich etwas ändern möchte. Ich will mich nicht mehr derart von Instagram lenken lassen, wie in den letzten Monaten. Auch nicht von den Gedanken, was meinen 600+ virtuellen Freunden dort gefallen könnte. Ich will mein Handy wieder öfter weglegen und das Leben ungefiltert mit meinen eigenen Augen genießen und erfahren. Ich will keinen Gedanken daran verschwenden, den aktuellen Moment mit irgendjemandem auf Social Media teilen zu müssen, nur um mein Selbstwertgefühl für ein paar Stunden zu steigern. Ich kenne mich selbst gut genug, um zu wissen, dass dies nicht sofort und nicht in jedem Moment funktionieren wird. Es ist ein Prozess, aber ich will jeden Tag wenigstens einen kleinen Schritt gehen.

Ich wünsche mir mehr Realität auf Instagram, nicht immer nur den selben Einheitsbrei zwischen „Earth Roamers“, die das Bergpanorama mit Sternenhimmel aus ihrem Kathmandu Zelt posten oder „Travel Bloggern“, die die Farbe des Meeres in ihren Bildern so extrem aufhellen, wie es selbst auf den Malediven nie aussehen wird. Ich wünsche mir ein Instagram, auf dem man nicht nur Bilder posten darf, wenn man verreist oder mit den Freunden feiern war, sondern eines, auf dem man auch Fehler machen darf. Natürlich, ungefiltert und ungeschminkt. Allerdings bekommen derartige Menschen und Bilder nur wenige Follower und Likes. Zu unästhetisch, passt einfach nicht in den Feed.

Irgendwo habe ich mal gelesen: „Das Problem ist: Menschen werden gehasst, wenn sie echt sind, und geliebt, wenn sie falsch sind.“ Wie schön wäre ein Instagram, wie schön wäre eine Welt, in der man sein darf, wer man ist und trotzdem geliebt und respektiert wird?

paradise-2058134_1920

Quelle: Pixabay

Hier geht’s zum Original-Artikel auf Zeitjung.de: 

https://www.zeitjung.de/reise-schlechtes-gewissen-urlaub-umweltschutz-instagram-nachhaltigkeit/?fbclid=IwAR2xVfSACnLy2c9iwwZhk-Ye1JF-cTOJ7zGnMuBV4QQi7E9gq57rzZLMx7U

Warum GNTM mehr als Topmodel kann

… Und warum man die Zuschauer der Sendung nicht sofort verurteilen sollte.

gntmtshirts

Kandidatinnen der vierten Staffel von Germany’s next Topmodel.

 

Es langweilt mich. Jedes Jahr, pünktlich zum Serienbeginn von Germany’s next Topmodel (by Heidi Klum), erscheinen dieselben Artikel in meinem Newsfeed. Jedes Jahr dieselbe Leier: Klum ist eine Hexe, Hayo und Michalsky ihre Marionetten, die Mädchen Puppen ohne Charakter. Die Show wird als sexistisch dargestellt und vermittelt in den Augen der Autoren von Spiegel, Süddeutsche und Co. nur schlechte, altmodische Werte. Einspruch!

Zuerst muss ich zugeben: Ich verfolge GNTM seit der ersten Staffel und habe bisher erst zwei davon nicht gesehen. Ich kenne alle Siegerinnen bei Namen und verpasse normalerweise keine Sendung. Ja, ich mag GNTM und ja, ich bin trotzdem ein intelligentes Mädchen mit Abitur und der Ambition, zu studieren. Und nein, ich lasse mich nicht von der Show manipulieren. Weder habe ich je eine Diät gemacht noch eins der Produkte, die in der Show platziert werden, gekauft. Ich kaufe mir meinen Mascara, wenn er leer ist – denselben, den ich schon seit fünf Jahren benutze. Und ich entscheide selbst, ob mir eine Bikinifigur wichtig ist oder nicht. Ich bin zu faul und geizig fürs Fitnessstudio und gehe dann radeln oder schwimmen, wenn mir danach ist. Ich gehe shoppen, wenn ich Lust darauf habe und ich bin nicht traurig, dass ich nicht so aussehe, wie eins der Mädchen in der Show. Ich liebe mich so wie ich bin, ich bin im Gleichgewicht mit mir selbst und absolut zufrieden mit mir und meinem Körper. Wie, das passt nicht zusammen?

Jahrelang führe ich schon einen Kampf mit GNTM an meiner Seite. Jahrelang muss ich mich dafür rechtfertigen, vor meinen Eltern, meinen Freundinnen, ja sogar einmal meinem Deutschlehrer, dass ich mir diese Show gerne ansehe. Dass ich sie unterhaltend finde, bedeutet ja nicht zugleich, dass ich sie nicht durchschaue und automatisch alles als gut bewerte, was dort passiert. Im Gegenteil: Ich mag es, die Geschehnisse der Show zu analysieren, mir meine eigene Meinung zu den Juroren und Charakteren der Mädchen zu bilden.

Was mich an den Anti-GNTM-Artikeln so stört? Sie bewirken rein gar nichts! Mit diesen vermeintlich gut gemeinten Artikeln, die arme unschuldige Mädchen davor beschützen sollen, von GNTM verdorben zu werden, verhält es sich wie mit Artikeln gegen die AfD: Man redet gegen eine Wand, es wird damit niemand erreicht. Denn das klassische GNTM-Klientel, zwölf bis 35-Jährige Mädchen und Frauen sowie vereinzelt auch Jungs und Männer, wird so einen SZ-Artikel wohl kaum konsumieren, und falls doch, sich deshalb nicht davon abbringen lassen, ihre Lieblingssendung weiterhin anzusehen. 2,43 Millionen Zuschauer hatte das Finale von Germany’s next Topmodel im Mai 2017 an, das macht einen Marktanteil von 8,9 Prozent. In diesem Jahr waren es 21,1 Prozent der 14- bis 49-jährigen, laut ProSieben das beste GNTM-Finale seit 2013. Jedes Jahr schafft es die eiskalte, nie alternde Macho-Heidi aufs Neue zu punkten und unterhalten mit ihrem „Hühnerstall“. Jedes Jahr sind Stargäste wie Naomi Campbell, Toni Garrn, Cro oder Rankin in der Sendung zu sehen. Es gibt fiese Challenges in neuen Ländern, ausgefallene Fotoshootings an den außergewöhnlichsten Schauplätzen und hart umkämpfte Castings für Magazine und Firmen wie InStyle, Elle, Deichmann oder Maybelline. Keine kleinen Namen. GNTM entwickelt sich weiter und erfindet sich jedes Jahr ein bisschen neu, auch wenn alt bewährte Traditionen wie Nacktshooting, Umstyling und Zickenkrieg vorprogrammiert sind. Das ist es, was die Show zu anderen Casting-Formaten wie etwa DSDS, nur vier Jahre älter als GNTM, unterscheidet und bis zum Schluss spannend macht. Es wird nicht langweilig. Auf Macho-Heidi ist Verlass.

 

heidi-frei

Heidi hat ihre Show noch immer eiskalt im Griff.

 

Und die Siegerinnen sowie Ex-„Meeedchen“ fallen danach nicht automatisch in die unbedeutende Normalität zurück. Sehr viele von ihnen nutzen die Show geschickt als Sprungbrett ihrer Karriere, bauen sich durch die Bekanntheit aus der Fernsehsendung auf Social Media enorme Reichweiten auf, von denen SZ und Co. nur träumen können. Als Alphatiere gelten Lena Gercke (Siegerin 2006, Fernsehmoderatorin, Model; 1,8 Millionen Follower auf Instagram) sowie Stefanie Giesinger (Siegerin 2014, Influencer und Model; 3,2 Millionen Abonennten im Rücken). „Die Instagram-Reichweite formt nicht automatisch ein Topmodel?“ Doch, in der heutigen Zeit sehr wohl! Giesinger lächelt regelmäßig auf den Covern namhafter Modemagazine wie Joy, InStyle oder der Cosmopolitan. Die Vorzeige-Influencerin Caro Daur hat es durch ihre Instagram-Reichweite sogar auf die Laufstege von Dolce & Gabbana geschafft. Aber auch andere Ex-Kandidatinnen surfen weiter auf der Welle: Anna Maria Damm beispielsweise (Staffel 8; 1,2 Millionen Follower) hat sich einen YouTube-Kanal mit enormer Reichweite aufgebaut, durch den mittlerweile nicht nur sie, sondern ihre Schwester, ihr Freund und ihr neugeborenes Baby Eliana profitieren. Und bei weitem nicht alle nutzen ihre Reichweite auf Instagram für Beauty, Lifestyle und Mode. Anna Wilken beispielsweise (Staffel 9; 173.000 Follower) widmet sich der Krankheit Endometriose, an der sie selbst leidet, klärt auf ihrem Kanal auf und nimmt Betroffenen die Hemmungen offen darüber zu sprechen.

 

annabetty

Die Ex-Kandidatinnen Anna Wilken und Betty Taube-Günter aus Staffel 9.

 

Wieso also wird immer wieder auf diese Sendung eingedroschen und ihre Konsumenten vorverurteilt?

„Mehr als 135.000 junge Frauen haben sich in den vergangenen neun Jahren bei Germany’s Next Topmodel beworben. (…) Die Kandidatinnen sind nicht die Gewinner der Show. Sie sind der Rohstoff, mit dem Fernsehen, Werber und Heidi Klum Millionen verdienen“, schrieb die ZEIT am 23. Februar in dem Artikel „Die Topmodelmaschine“. Selbstverständlich lebt die Sendung von Werbung und Produkten, wovon sonst sollen die Flüge und Villas der Mädchen bezahlt werden? Die Kandidatinnen melden sich freiwillig bei der Show an, mit gutem Wissen darüber, dass GNTM von Opel gesponsert wird. Würde sie es stören, sich mit Venus Gilette zu rasieren oder Meßmer Tee zu trinken, würden sie sich kaum bei der Show anmelden.

„Worauf es hier wirklich ankommt, ist nicht Persönlichkeit, Individualität, Charakter. Sondern Leistung“, las ich in einem SZ-Artikel vom Finalabend 2018. Moment. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Es erinnert mich an mein eigenes Leben, ohne dass ich jemals an GNTM teilgenommen habe. Von der ersten Klasse in der Grundschule an werden wir in Deutschland zu Leistungstieren erzogen. Note eins ist ein Musterkind, Note sechs ein schief geratenes. Werden Persönlichkeit, Individualität oder Charakter etwa in der Schule benotet? Allenfalls in den nett gemeinten ersten drei Sätzen des Jahreszeugnisses, die so bedeutend sind wie der Religionsunterricht. Wäre dies der Fall, ginge es in unserer karriere- und konsumgeilen Gesellschaft mit Sicherheit um einiges fairer zu. „Gut aussehen, Klappe halten, parieren.“ – Auch das kommt mir nur allzu bekannt vor. Egal ob in Schule oder Arbeit, sobald man eine eigene Meinung zu pikanten Themen hat und diese selbstbewusst äußert – also nicht ins System passt – ist man anderen ein Dorn im Auge. Egal ob Deutschlehrer oder Chefredakteur. „Prinzip: möglichst formbare, austauschbare Mädchen vorführen und mit ihnen Geld verdienen. Ob sie nun Toni, Luisa oder Jacqueline heißen.“ Ja, das nennt sich Kapitalismus und GNTM ist nur ein Ableger davon. Unser ganzes Leben ist ein einziger Wettbewerb, in allen Bereichen. Wer hat die besseren Noten, die schönsten Klamotten, den hübschesten Freund, die reichsten Eltern, das teuerste Handy, das schnellste Auto, die meisten Likes auf Facebook und Follower auf Instagram. Jemand, der das bestreitet, macht sich gewaltig etwas vor. Das Wettbewerbsgen steckt in uns allen, bei manchen mehr, bei anderen weniger ausgeprägt. Deshalb ist es auch kein Wunder, warum Sendungen wie GNTM auch nach 13 Staffeln noch gehypet und angesehen werden.

„Eine große Mehrheit in Deutschland ist der Ansicht, die ProSieben-Castingshow ‚Germany’s next Topmodel‘ (GNTM) vermittele ein falsches Schönheitsideal. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov kurz vor Beginn der neuen Staffel veröffentlichte. Dabei stimmten 74 Prozent der Befragten dieser Aussage zu, 22 Prozent ‚eher‘, 52 Prozent davon ‚voll und ganz‘“, meldet die dpa.
Es stimmt, die meisten Teilnehmerinnen sind schlank, haben die perfekten Maße und ein bildhübsches Gesicht. Und auch wenn in jeder Folge die Worte „Personality“, „ein ganz besonderer Charakter“ oder „edgy“ fallen, geht es hauptsächlich um das Aussehen der Mädchen, danach und wie sie eben dieses einsetzen, werden sie bewertet. „Der (…) Schlankheitswahn wurde von den Medien aufgenommen, wonach selbst im Fernsehen das Image der ‚schönen‘, ‚schlanken‘ Frau eindimensional verwendet wurde. Die Model-Casting-Show GNTM verdeutlichte dies, indem sie selbst sehr schlanken Frauen vor laufender Kamera eröffnete, sie seien ‚zu dick‘. Dadurch wurde den Rezipienten, überwiegend junge und stark beeinflussbare Mädchen, verdeutlicht: Nur derjenige, der dem Schönheitsideal entspricht, wird von der Gesellschaft als ‚schön‘ empfunden“, schreibt Svenja Preisler in ihrer Bachelorarbeit zum Schönheitsideal der Frau in den Medien, aus dem Jahr 2010. Nach acht Jahren sind diese Worte aktueller denn je. Soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram verstärken diesen Schlank- und Schönheitswahn enorm. Ich höre einige meiner Freundinnen oft sagen: „Wenn ich mir 30 Minuten lang Bilder in Instagram ansehe, fühle ich mich danach total dick und hässlich“, selbst wenn es wunderschöne Mädchen sind. Längst nicht jeder steht selbstbewusst vor dem Spiegel und akzeptiert sein Äußeres wie es ist. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der alles möglich scheint. In der man sich für 100 Euro falsche Wimpern und Nägel kaufen, und für ein bisschen mehr die Nase oder Brüste operieren lassen kann. In der Filter und Photoshop auf einmal jeden Mensch „schön“ machen und die Fitness-Industrie boomt wie nie zuvor. Welche Auswirkungen hat es für junge Frauen, wenn sie die Kandidatinnen bei Germany’s next Topmodel im Fernsehen sehen und sich selbst mit ihnen vergleichen? „Denn was die Sendung verschweigt: Die in der Sendung präsentierten Körperproportionen von mindestens 1,76 Meter Körpergröße bei einer Kleidergröße von höchstens 36 sind absolute Ausnahmeerscheinungen. Nur eine von 40 .000 Frauen entspricht in Größe, Figur und Gewicht den Anforderung eines Laufstegmodels (Hawkins, 2004)“, schreibt die Medienwissenschaftlerin- und Pädagogin Maya Götz in ihrer Arbeit „Sexualität und Medien: Super dünn, super sexy und zu allem bereit – Die Hypersexualisierung im Kinder- und Jugendfernsehen und ihre Folgen.“

 

GNTM2016

Wer sind hier die Tiere auf dem Präsentierteller? Die Mädchen oder die Schlangen?

 

Wie müssen sich die restlichen 39.999 fühlen, wenn sie die eine „Perfekte“ in der Castingshow sehen und diese dann auch noch von den Juroren kritisiert wird? Wie kann man dann jemals ideale Schönheit erreichen? „Folglich wird der Gesellschaft ein erotisches, schlankes und makelloses Bild der Frau als Ideal vorgestellt. (…) Das Resultat ist eine sehr einseitige Vorstellung von ‚Schönheit‘ in der Gesellschaft. Zur Folge dessen sind unter anderem die Diskriminierung von übergewichtigen Personen sowie der Druck, dieses Ideal zu erreichen um ‚vollkommen‘ zu sein, zu verzeichnen. Für die Mehrheit der Gesellschaft ist das in den Medien über die Jahre hinweg gezeichnete ‚unreale‘ Frauenbild nicht zu erreichen. Durch den steigenden Duck in der Gesellschaft, den schönen Frauen aus der Medienwelt zu gleichen, nimmt die Popularität der Essstörungen immer weiter zu. Mädchen und Frauen streben das präsentierte Ideal an, um ein höheres Selbstwertgefühl zu erzielen. Immer häufiger treten Fälle von Magersucht und Bulimie auf, die für unzählige Menschen mit dem Tod enden“, schreibt Preisler weiter. „Zudem steigt der Trend von Schönheitsoperationen immer weiter an und findet neuerdings auch in der jugendlichen Gesellschaft Anklang. Demzufolge ist es heutzutage nicht mehr außergewöhnlich, sich im Alter von 16 Jahren den Busen vergrößern zu lassen oder sich Hüftspeck absaugen zu lassen. Über Risiken, die bei solchen Eingriffen auftreten können, wird hierbei zuletzt nachgedacht. Jeder Preis ist es wert, dem Ideal zu entsprechen. Die meisten Rezipienten ignorieren die Makel der in den Medien dargestellten Frauen, die überwiegend durch digitale Tricks zur ‚Schönheit‘ verändert werden. Ausschließlich was der Rezipient mit seinen eigenen Augen wahrnimmt, müsse auch der Wahrheit entsprechen, obwohl allgemein bekannt ist, dass Bilder in den Medien verändert werden.“

 

Sara Nuru - Life Ball 2013

Sara Nuru konnte in der vierten Staffel (2009) den Sieg von GNTM für sich entscheiden.

 

Zugegeben, GNTM hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. So nahmen in den letzten Staffeln vermehrt außergewöhnliche und besondere Charaktere wie Melina, Giuliana oder Soraya (Transgender Models) sowie Pia und Sarah (Curvy Models) teil. Die Show passt sich an den modernen Zeitgeist an und ist keineswegs altmodisch oder irgendwo stehen geblieben. Dennoch peitscht Heidi ihre Mädchen weiterhin aus wie Tiere und selektiert eiskalt. Mit einem Fingerschnips lässt sie die Träume der Kandidatinnen zerplatzen und kennt dabei keine Gnade. Ich möchte mit meinem Text weder eine Lobeshymne auf GNTM singen und die Auswirkungen der Show auf junge Mädchen verharmlosen, noch Heidi Klum verteidigen. Natürlich ist die Show auf gewisse Art und Weise oberflächlich und materiell – wie wir es alle sind. Sie ist eiskalt und wertend, genau wie unser alltägliches Leben. Sie hätte jedoch Potenzial, indem sie den jungen Mädchen da draußen vermittelt: Ihr alle, jede einzelne von euch, ist wunderschön, und zwar auf ihre eigene Art und Weise. Egal ob blond oder braun, klein oder groß, dick oder dünn. Mit ihrer individuellen Persönlichkeit.

 

KOMMENTAR

Ich stimme den Autorinnen von SZ und der Zeit zu: GNTM ist oberflächlich und materiell geprägt und es geht fast ausschließlich um Aussehen und Leistung der Mädchen. Es ist jedoch falsch, die Sendung und ihre über zwei Millionen Zuschauer dafür zu verurteilen. Damit machen sie es sich zu einfach, damit erreicht man niemanden. Viel mehr sollte man die GNTM-Fans versuchen zu verstehen, und das Entwicklungspotenzial der Sendung ausschöpfen. Auch in den nächsten Jahren wird Heidi Klum ihr „lebendes Running Sushi“ dem deutschen TV-Publikum servieren. Die Frage ist nur wie. Die Welt verändert sich, auch die der Mode. Überall, auch auf Social Media, werden die Schreie nach Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung lauter – da kommt auch das GNTM-Format früher oder später nicht dran vorbei. Die ersten Schreie haben bereits gewirkt: Erstmals waren transsexuelle Mädchen sowie Curvy Models in der Sendung vertreten. Wenn nun die Debatten nicht immer nur vom Outfit, Teamstreits und Attitude handeln, sondern richtige Gespräche und die wirklichen, ehrlichen Charaktere der Mädchen offengelegt würden, könnte die Show sehr viel mehr als jedes Jahr ein neues, vermeintliches Topmodel zu küren. Sie könnte junge Teenager inspirieren, ihnen Ängste nehmen und dabei helfen, Selbstbewusstsein aufzubauen. Das wäre sehr viel mehr wert, als gegen eine dicke Wand zu fahren.

 

Laura Schindler

 

Hier gehts zum Original-Artikel auf Zeitjung.de!

Die unvorhersehbaren Konsequenzen der Erderwärmung: Soziale Folgen und Klimakriege (Teil 2)

drought-2916150_1920

Bild: Pixabay (slowdef)

Klimakriege – wie und wodurch entstehen sie? 

Die ökologischen Konsequenzen der Erderwärmung verursachen soziale und politische Probleme, deren Ausmaße kaum einzuschätzen sind. Statistische Vorhersagemodelle zum Anstieg der Durchschnittstemperaturen geben keine Auskunft über das Verhalten der Menschen, die unter den ökologischen Folgen der Bodenerosion leiden, oder deren Heimat aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels in 50 bis 100 Jahren verschwunden ist, oder über das Verhalten von Menschen in Regionen, wo die Menge an Niederschlag seit Jahren zurückgeht und ausgetrocknete Seen und Flüsse, die ursprünglich als natürliche Grenzlinien fungierten, zu Grenzkonflikten zwischen benachbarten Staaten führen.

children-of-war-1172016_1920

Bild: Pixabay (janeb13)

Welzer (2010) nennt an dieser Stelle den Bürgerkrieg in Darfur, dessen Ursachen nachweislich auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Anhaltende Dürreperioden und die zunehmende Überweidung sensibler Naturregionen, wie der Sahelzone, führten in weiten Teilen des Landes zu Bodendegradationen und der Unbrauchbarkeit von Weideflächen. Dadurch hat sich die Wüste in den letzten 40 Jahren um rund 100 km ins Landesinnere ausgebreitet. Arabische Viehzüchter wurden unfreiwillig zu Nomaden und trieben ihre Herden in Richtung Süden, durch die Ländereien afrikanischer Bauern, da sie sich dort bessere Bedingungen für ihr Vieh erhofften. Für die sesshaften Bauern wurden die Nomaden zunehmend zu einer Bedrohung, somit wurde der Zugang zu Feldern und Weiden gesperrt, um die Ernte zu sichern (Prunier, 2007).

earth-1839348_1920

Bild: Pixabay (TheDigitalArtist)

Ein als ethnisch wahrgenommener Konflikt zwischen Arabern und Afrikanern entbrannte, dessen Ursachen jedoch auf ökologische Veränderungen zurückzuführen sind. Der bis heute anhaltende Krieg kostete Hundertausende das Leben und machte 2,5 Millionen Menschen zu Flüchtigen (Ruhr Universität Bochum, 2016). Das United Nations Environment Programme stellte 2007 fest, dass ein beständiger Frieden in Darfur nur dann wahrscheinlich ist, wenn sich die Umwelt- und Überlebensbedingungen verändern. Ein Teufelskreis, da die Dürreperioden und Bodenerosionen durch den Klimawandel verstärkt werden und die Desertifikation beschleunigen, was wiederum die Zahl der Migranten ansteigen lässt und zu neuen Konflikten führt.

syria-1202174_1920

Bild: Pixabay (Alexas_Fotos)

In seinem Film „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ zieht der Vize-Präsident Al Gore ebenfalls eine Verbindung zwischen dem Klimawandel und dem Bürgerkrieg in Syrien. Er stützt sich hierbei auf eine umfassende Studie der National Academy of Science (Kelley, Mohtadi, Cane, Seager & Kushnir, 2015). Das Land erlebte demnach von 2006 bis 2010 die längste und schwerste klimabedingte Dürre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. 200000 Menschen starben, 60 % der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen wurde zerstört und 80% des Viehbestands verendete. 1,5 Millionen Syrer waren dazu gezwungen ihre Heimat zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft zu fliehen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern.

Die sozialen Folgen des Klimawandels

An den Küsten von Gibraltar, Andalusien, Sizilien und Teneriffa trafen in den letzten Jahren immer mehr überfüllte Flüchtlingsboote ein, was in den europäischen Mitgliedsstaaten ein zunehmendes Gefühl der Bedrohung hervorrief und zur Bildung der Organisation „Frontex“ (Frontieres Exterieures) führte, welche die Überwachung der Außengrenzen der Europäischen Union effizienter gestalten sollte. Somit werden privilegierte Staaten, die nicht direkt unter den ökologischen Konsequenzen der Erderwärmung leiden, zunehmend durch soziale Folgen des Klimawandels tangiert, da es von Jahr zu Jahr mehr Menschen gibt, deren Lebensgrundlagen schwinden und die an den Überlebenschancen wohlhabender Länder teilhaben wollen.

20151030_Syrians_and_Iraq_refugees_arrive_at_Skala_Sykamias_Lesvos_Greece_2.jpg

Die Bildung von Frontex im Jahr 2005 zeigt, dass die erste Reaktion auf Massenmigrationen Gewalt ist. Seit dem Jahr 2000 sind in den Einsatzgebieten europäischer Grenzschützer mindestens 23000 Flüchtlinge gestorben. Das hochentwickelte Überwachungsprogramm „Eurosur“, das mittels Drohnen und Satelliten versucht Flüchtlingsboote aufzuspüren, sieht seine primäre Aufgabe nicht in der Seenotrettung, sondern darin, die illegale Migration zu bekämpfen (Pro Asyl, 2014). Frontex geriet aufgrund der Verletzung von Menschenrechten daher immer wieder in die Kritik und zu Beginn wurden Nachrichten über das Sterben von Bootsflüchtigen mit Entsetzen und Empören aufgefasst, jedoch fand auch hier der unbewusste Vorgang von „Shifting Baselines“ statt – die Arbeit von Frontex wird heute als notwendig und der Tod von Flüchtlingen als unausweichlich angesehen. „Shifting Baselines“ verändern die Wahrnehmung von Problemen und die Akzeptanz von Lösungsmaßnahmen. Normen verschieben sich und führen zu einer zunehmenden Legitimierung von Gewalt (Welzer, 2010, S.248).

550988798_1280x720.jpg

So gesehen hat man es hier wieder mit einer unterbrochenen Beziehung zwischen Handlung und Handlungsfolge zu tun. Die Industrienationen haben in der Zeit der Kolonialisierung in Afrika die natürlichen Strukturen der Völker zerstört und durch Gewalt, Ausbeutung und Sklaverei Desorganisation und Chaos hinterlassen. Dadurch wurde ein Nährboden für korrupte, politische Strukturen geschaffen, die eine elitäre Minderheit bevorteilt und die Mehrheit der Bevölkerung ausbluten lässt. Innerstaatliche Konflikte werden zu Dauerkriegen und durch extreme Wetterereignisse noch verschlimmert.

Darüber hinaus bekommen die Folgen der Erderwärmung ironischerweise nicht die Verursacher des Klimawandels zu spüren, sondern gerade die ärmsten Länder dieser Welt. Gleichzeitig beklagt man sich an den Grenzen Europas über Flüchtlingswellen und übersieht, dass die Ursachen hierfür in unserer Vergangenheit liegen. „Das soziale Klima ist komplexer als das physikalische […] Klimaveränderungen wirken in zwei Richtungen: Sie können Gewaltkonflikte hervorrufen oder bestehende Konfliktlagen vertiefen. Zudem können sie durch Interaktionen, Kumulierungen und indirekte Verkettungen unerwartete Folgen hervorrufen. […] Es gibt Klimakriege, es wird getötet, gestorben, geflohen. Empirisch besteht nicht der mindeste Grund zu glauben, dass die Welt so bleibt, wie wir sie kennen.“ (Welzer, 2010, S.249).

power-plant-2411932_1920

Bild: Pixabay (Benita5)“

„Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen“

Durch die Mechanismen der kognitiven Dissonanz fällt es uns leicht, diese Horrorszenarien zu verdrängen. Sie liegen in ferner Zukunft, womöglich werden sie unsere Generation gar nicht mehr betreffen. Außerdem müssen Prognosen sich nicht zwangsläufig bewahrheiten. Erst einem Hurrikan der Stärke fünf, dessen zerstörerische Kraft die westliche Zivilisation mit voller Wucht trifft, ist es möglich die Diskussionen um den Klimawandel neu zu entfachen. Hurrikan „Irma“ hat im September 2017 in Florida eine Schneise der Verwüstung hinterlassen und wartete mit rekordverdächtigen Extremwerten auf. Meteorologen mussten lange in ihren Wetteraufzeichnungen suchen, um Hurrikane mit vergleichbaren Werten ausfindig zu machen.

beach-debris-2864496_1920

Der Hurrikan „Irma“ sorgte im September 2017 für Chaos und Zerstörung in vielen Karibikstaaten sowie in Florida in den USA.   Bild: Pixaby (paulbr75)

„Ist das nun der Klimawandel?“ – Jein. Experten sind sich einig, dass der Klimawandel nicht zu einem häufigeren Auftreten von Hurrikanen führt, allerdings ändert sich die Intensität dieser Wirbelstürme. Hurrikane bilden sich über dem Meer und bekommen ihre Energie durch erhöhte Wassertemperaturen (> 26,5 Grad). Das karibische Meer vor der Westküste Floridas wies ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen auf, welche teilweise bis zu 80m in die Tiefe reichten. Künftige Hurrikane werden daher auch deutlich höhere Geschwindigkeiten aufweisen, da sie mehr Energie durch ansteigende Wassertemperaturen ziehen können. Unsere Ozeane haben sich in den letzten 60 Jahren 15mal so schnell erhitzt, als bei jeder natürlichen Temperaturschwankung der letzten 10.000 Jahre. Der Klimawandel ist somit nicht für das Auftreten solcher Naturgewalten verantwortlich, aber für deren Stärke und schlimmer werdende Folgen der Zerstörung (Rosenthal, Linsley & Oppo, 2013; Spiegel Online, 2017).

garbage-2729608_1920

Bild: Pixabay (RitaE)

Naturgewalten dieser Art haben somit das Potential, uns die verheerenden Folgen des Klimawandels direkt vor Augen zu führen. Um die psychologischen Gründe für unser „Nicht-Handeln“ zu überbrücken muss die Brisanz dieser Thematik erst einmal in unser Bewusstsein rücken. Es ist an der Zeit Verantwortung zu übernehmen, für die Fehler der Generationen vor uns und das Wohlbefinden der Generationen nach uns. Die Handlungsohnmacht kann umgangen werden, indem man sich bewusst macht, dass der einzelne Verbraucher in der Summe sehr wohl Veränderungen hervorrufen kann.

„Da die Astronomie noch keine kolonisierbaren Planeten in Reichweite anbieten kann, kommt man um die ernüchternde Feststellung nicht herum, dass die Erde eine Insel ist. Man kann nicht weiterziehen, wenn das Land abgegrast und die Rohstoff-Felder abgebaut sind“ (Welzer, 2010, S.14).

sunrise-1756274_1920

„Es gibt nur diese eine Erde.“   Bild: Pixabay (qimono)

 

Autor: Jana Schindler (Gastbeitrag)

Quellen:

Festinger, L. (1962). A theory of cognitive dissonance (Vol. 2). Stanford university press.

Kelley, C. P., Mohtadi, S., Cane, M. A., Seager, R., & Kushnir, Y. (2015). Climate change in
the Fertile Crescent and implications of the recent Syrian drought. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(11), 3241-3246.

Pro Asyl (2014). Neue Schätzung: Mindestens 23000 Tote seit dem Jahr 2000. Verfügbar unter:https://www.proasyl.de/news/neue-schaetzung-mindestens-23-000-tote- fluechtlinge-seit-dem-jahr-2000/ (Stand: 12.09.17)

Prunier, G. (2007). Darfur. Der» uneindeutige «Genozid. Hamburg.

Rosenthal, Y., Linsley, B. K., & Oppo, D. W. (2013). Pacific ocean heat content during the past 10,000 years. Science, 342(6158), 617-621.

Roser-Renouf, C., Maibach, E., Leiserowitz, A., & Rosenthal, S. (2016). Global Warming’s Six Americas and the Election, 2016. Yale University and George Mason University. New Haven, CT: Yale Program on Climate Change Communication.

Ruhr Universität Bochum. (2016). Darfur, der schillernde Konflikt. Verfügbar unter: http://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2016-09-09-diaspora-und- genozidforschung-darfur-der-schilllernde-konflikt (Stand: 10.09.17)

Saenz-Arroyo, A., Roberts, C., Torre, J., Carino-Olvera, M., & Enríquez-Andrade, R. (2005). Rapidly shifting environmental baselines among fishers of the Gulf of California. Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences, 272(1575), 1957- 1962.

Spiegel Online (2017). Hurrikan „Irma“. Möge Gott uns alle beschützen. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/hurrikan-irma-was-die-wissenschaft-ueber- den-sturm-weiss-a-1166392.html (Stand: 15.09.2017)

United Nations Environment Programme (UNEP): Sudan. Post-Conflict Environmental Assessment, Nairobi 2007.

Welzer, H. (2010). Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. 2.A. Frankfurt: S. Fischer Verlag.

Die unvorhersehbaren Konsequenzen der Erderwärmung: Soziale Folgen und Klimakriege (Teil 1)

Psychologische Erklärungsansätze des „Nicht-Handelns“: Warum fällt es uns so schwer, unsere Einstellungen und Verhaltensweisen zu ändern? 

klimakriege1

Bild: Pixabay (cocoparisienne)

Im Juni 2017 verkündete US-Präsident Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen, eine internationale Klimaschutzvereinbarung, der rund 190 Staaten angehören. Diese haben das gemeinsame Ziel vor Augen, die Erderwärmung im Schnitt auf maximal zwei Grad Celsius zu beschränken. Die Entscheidung Trumps repräsentiert die Haltung vieler US-Bürger zum Klimawandel: Jeder Fünfte äußert Zweifel am Klimawandel oder lehnt diesen gänzlich ab, während lediglich 17 Prozent die Erderwärmung als alarmierend einstufen (Roser-Renouf, Maibach, Leiserowitz & Rosenthal, 2016).

Wie kann man sich diese Haltung erklären, angesichts der Häufung und Dimensionen extremer Wetterereignisse, die in Form von Tornados oder Hurrikanen auch die Vereinigten Staaten heimsuchen? Der Sozialpsychologe Harald Welzer (2010) schildert in seinem Buch „Klimakriege“ unter anderem Erklärungsansätze für widersprüchliche Verhaltensweisen in Bezug auf den Klimawandel, welche auf psychologischen Theorien beruhen und im Folgenden kurz erläutert werden.

cyclone-2100663_1920

Bild: Pixabay (Comfreak)

Innere Konflikte und kognitive Dissonanz: Warum wir trotzdem weiter in den Urlaub fliegen und unseren Lebensstil nicht einschränken

Am Beispiel der USA könnte das Konstrukt der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1962) zum Tragen kommen. Tatsächlich eintretende Ereignisse, wie langandauernde Trockenphasen in Kalifornien, schmelzende Gletscher in den Rocky Mountains oder regelmäßige Überschwemmungen in Küstengebieten unterstützen die Theorie des Klimawandels, jedoch würde dies bedeuten, den verschwenderischen, amerikanischen Lebensstil zu ändern – das moralisch vertretbare Verhalten stimmt demnach nicht mit dem aktuellen Verhalten überein und Berichte über den Klimaeffekt stehen im Kontrast zum eigenen, nicht klima-gerechten Verhalten, was zu einem inneren Konflikt führt.

Um das Gefühl dieser Dissonanz zu reduzieren, kann man verschiedene Strategien anwenden. Der einfachste Weg ist es, den Klimawandel zu negieren, indem man ihn beispielsweise als die Erfindung Chinas umdeutet. Wenn etwas nicht existiert, muss man sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen und kann wieder guten Gewissens den großvolumigen 12 Zylinder spazieren fahren.

Dissonanzreduktion hat jedoch verschiedene Gesichter. Auch Menschen, die an den Klimawandel glauben, geben keineswegs bereitwillig ihre eingefahrenen und bequemen Verhaltensweisen auf, um die Erderwärmung abzumildern. Es wird trotzdem noch in den Urlaub geflogen, mit dem einzigen Unterschied, dass dies nun mit schlechtem Gewissen geschieht. „Es kann schon genügen, ein Bewusstsein über das Problem zu haben, was einem suggeriert, dass man ihm nicht gleichgültig oder gedankenlos oder gar ohnmächtig gegenübersteht. Man ändert also seine Einstellung zum Problem und nicht seine Ursache“ (Welzer, 2010, S.27). Der innere Spannungskonflikt wird hier reduziert, indem man sich beispielsweise vornimmt, das letzte Mal in einen Flieger zu steigen, sich die Solarkollektoren auf dem Garagendach ins Gedächtnis ruft, oder seinen Lebensstil mit dem Anderer vergleicht und feststellt, dass der eigene CO2-Fußabdruck im Verhältnis dazu noch ganz akzeptabel ist.

aircraft-1019262_1920.jpg

„Sorry, Urlaub war uns wichtiger.“     Bild: Pixabay (slavikfi)

Verantwortungsbewusstsein: „Nach uns die Sintflut“ 

Diese Gedankenvorgänge werden durch ein fehlendes Verantwortungsbewusstsein bezüglich der Problematik des Klimawandels verstärkt. Laut Welzer (2010) findet die Übernahme von Verantwortung nur dann statt, wenn eine zeitliche Nähe zwischen der Ursache und der Folge einer Handlung besteht. Die eigentlichen „Verursacher“ des Klimawandels können oft nicht zur Rechenschaft gezogen werden, da sie nicht mehr unter den Lebenden weilen und die heute eintretenden Folgen damals nicht vorhersehen konnten.

Darüber hinaus besteht für die heutigen Generationen keine Garantie, dass die empfohlenen Klimaschutzmaßnahmen eine bedeutsame Wirkung zeigen, von denen, abgesehen davon, erst die Generationen nach uns profitieren würden. „Einer im Jahr 2007 lebenden 40jährigen Person wird eine Verantwortung für ein Problem zugeschrieben, dessen Verursachung zeitlich vor ihrer Geburt und dessen Lösung nach ihrem Tod lokalisiert ist, weshalb sie weder auf die Verursachung noch auf die Lösung direkt Einfluss nehmen kann“ (Welzer, 2010, S.32).

Die Ursache-Folgen-Kette des Klimawandels ist demnach generationsübergreifend, was die Erfahrbarkeit der Problematik erschwert und neben dem daraus resultierenden Gefühl der Nicht-Verantwortlichkeit auch zu einer absinkenden Handlungsmotivation führt. Diese fehlende Motivation wird darüber hinaus durch die geringe Kontrollierbarkeit von Umweltproblematiken bedingt. Während einige Industriestaaten allmählich aufwachen und auf nachhaltiges Wachstum umsatteln, beharren Schwellenländer auf ihrem Recht, die gleichen Fehler begehen zu dürfen, wie sie einst andere Nationen vor ihnen begangen haben, um ein uneingeschränktes, wirtschaftliches Wachstum zu erlangen.

Problematiken wie Ressourcenverbrauch und Umwelt- verschmutzung werden dadurch verstärkt und machen die einzelnen, lokalen Bemühungen fortschrittlich denkender Nationen zu Nichte. Das Gefühl, als einzelner Akteur nichts bewirken zu können, macht sich breit, man steht dem Problem ohnmächtig und handlungsunfähig gegenüber, daraus resultiert eine geringe Bereitschaft, sein Verhalten zu ändern, da die positiven Effekte ungewiss sind.

protest-455714_1920

Bild: Pixabay (niekverlaan)

Shifting Baselines: Wir nehmen nur wahr, was zu unserem Referenzrahmen passt 

Ein weiteres, sozialpsychologisches Phänomen, welches die teilweise indifferent scheinenden Einstellungen dem Klimawandel gegenüber erklären könnte, nennt sich „Shifting baselines“. Menschen empfinden den aktuellen Zustand ihrer Lebens- und Erfahrungszeit immer als natürlich und normal, da sich die Orientierungspunkte, an denen unsere Wahrnehmungen festgemacht werden, schleichend und unmerklich verschieben.

Welzer (2010) erwähnt in diesem Zusammenhang eine Studie zur Einschätzung des Fischbestandes kalifornischer Fischer (Saenz-Arroyo, Roberts, Torre, Carino-Olvera & Enriquez-Andrade, 2005). Hierbei wurden drei Fischer-Generationen zur Vielfalt, Größe und Vorkommen der hiesigen Fischarten befragt. 80 Prozent waren der Meinung, dass die Bestände insgesamt zurückgegangen seien, jedoch unterschied sich die Wahrnehmung hierzu deutlich von Generation zu Generation. Während die älteste Gruppe noch 11 Arten benennen konnte, die vor der Küste nicht mehr auftauchten, zählte die jüngste Gruppe nur zwei Fischarten auf. Daher gaben auch lediglich 10 Prozent der jungen Fischer an, dass Bestände gänzlich verschwunden seien. Kaum einer von ihnen wusste, dass die Generationen vor ihnen noch in unmittelbarer Küstennähe fischen konnten, in ihrer Erfahrungswelt hat es dort niemals Fische gegeben, daher wurde die Brisanz der Überfischung auch wesentlich geringer eingeschätzt, als durch die ältere Generation.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Verschiebung der Wahrnehmung und Bewertung von Orientierungspunkten den Umgang mit Umweltproblematiken erheblich erschweren kann. In Bezug auf den Klimawandel heißt das, dass immer wärmer werdende Winter, früher einsetzende Sommer oder extreme Wetterereignisse anfangs mit höherer Intensität wahrgenommen werden, anschließend wird der Nachrichtenwert und die Aufmerksamkeit zurückgehen, und die Verschiebung wird in unserer Wahrnehmung allmählich selbstverständlich. „Man hält zunehmend für ‚natürlich’, was eigentlich wenig mit der Natur zu tun hat“ (Welzer, 2010, S.214).

Das Augenmerk des Autors liegt jedoch nicht auf der Gewöhnung an ökologische Folgen des Klimawandels, sondern vielmehr auf dadurch entstehende soziale Probleme, die in den aktuellen Debatten um den Klimawandel oftmals zu kurz kommen. Durch die Verschiebung der Küstenlinien, voranschreitende Versteppung und Wüstenbildung oder Häufung von Extremwetterereignissen wird weltweit immer mehr Menschen die Existenzgrundlage entzogen. Innerstaatliche Konflikte, Bürgerkriege und Massenmigrationen, die direkt mit den Folgen der Erderwärmung in Zusammenhang stehen, führen zu einer neuen Dimension der Kriegsführung.

polar-bear-2750604_1920.jpg

Bild: Pixabay (Myriams-Fotos)

 

Autor: Jana Schindler (Gastbeitrag)

Quellen:

Festinger, L. (1962). A theory of cognitive dissonance (Vol. 2). Stanford University press.

Kelley, C. P., Mohtadi, S., Cane, M. A., Seager, R., & Kushnir, Y. (2015). Climate change in the Fertile Crescent and implications of the recent Syrian drought. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(11), 3241-3246.

Pro Asyl (2014). Neue Schätzung: Mindestens 23000 Tote seit dem Jahr 2000. Verfügbar unter: https://www.proasyl.de/news/neue-schaetzung-mindestens-23-000-tote-fluechtlinge-seit-dem-jahr-2000/ (Stand: 12.09.17)

Prunier, G. (2007). Darfur. Der» uneindeutige «Genozid. Hamburg.

Rosenthal, Y., Linsley, B. K., & Oppo, D. W. (2013). Pacific ocean heat content during the past 10,000 years. Science, 342(6158), 617-621.

Roser-Renouf, C., Maibach, E., Leiserowitz, A., & Rosenthal, S. (2016). Global Warming’s Six Americas and the Election, 2016. Yale University and George Mason University. New Haven, CT: Yale Program on Climate Change Communication.

Ruhr Universität Bochum. (2016). Darfur, der schillernde Konflikt. Verfügbar unter: http://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2016-09-09-diaspora-und-genozidforschung-darfur-der-schilllernde-konflikt (Stand: 10.09.17)

Saenz-Arroyo, A., Roberts, C., Torre, J., Carino-Olvera, M., & Enríquez-Andrade, R. (2005).Rapidly shifting environmental baselines among fishers of the Gulf of California. Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences, 272(1575), 1957-1962.

Spiegel Online (2017). Hurrikan „Irma“. Möge Gott uns alle beschützen. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/hurrikan-irma-was-die-wissenschaft-ueber-den-sturm-weiss-a-1166392.html (Stand: 15.09.2017)

United Nations Environment Programme (UNEP): Sudan. Post-Conflict Environmental Assessment, Nairobi 2007.

Welzer, H. (2010). Klimakriege: wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. 2.A. Frankfurt: S. Fischer Verlag.

„Utopia hat etwas Besonderes – es war sehr cool hier!“

DJ Sam Feldt im Exklusiv-Interview über Utopia Island und seine Musik

oznor

DJ Sam Feldt hat bei den Gästen zur Preparty von Utopia Island ordentlich für Stimmung gesorgt. © Laura Schindler

Auf der Preparty von Utopia Island hat der international gefeierte, niederländische DJ Sam Feldt (24) den Besuchern ordentlich eingeheizt. Ich habe ihn für die Moosburger Zeitung nach seinem Auftritt getroffen und mit ihm über seine Musik gesprochen.

Wie war es für dich, auf Utopia Island aufzutreten? Wie hast du das Festival an sich wahrgenommen?

Sam Feldt: Es war mein erstes Mal hier, deshalb wusste ich gar nicht, was mich erwarten würde. Es war schön, dass ich auf der Preparty auflegen durfte, da die Leute zu diesem Zeitpunkt noch voller Energie sind und toll auf dich eingehen. Es war wirklich sehr cool hier, es hat mir gut gefallen!

Und ist dir irgendetwas Besonderes hier aufgefallen, das Utopia Island von anderen Festivals unterscheidet, nachdem du ja immerhin bereits fast auf allen großen Electro-Festivals der Welt aufgelegt hast?

Sam Feldt: Ja, ich durfte wirklich schon auf vielen Festivals spielen, wie beispielsweise Tomorrowland, Coachella, UMF oder Ushuaia. Ich finde, dass das Publikum, besonders hier in Deutschland, einfach einzigartig ist. Und das macht den Unterschied! Du kannst das größte Festival, die schönste Bühne, die meisten Zuhörer haben – aber wenn die Leute nicht abgehen, ist das überhaupt nichts wert. Und hier war es eben sehr einfach, es war nur ein Zelt, aber es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, und das war, weil die Leute so gut mitgegangen sind.

Und was speziell macht dann den Unterschied: Sind es die Deutschen im Allgemeinen, war es das Festival, die Location oder einfach das Gesamtpaket?

Sam Feldt: Na ja, in Deutschland hast du generell fantastische Zuhörer. Aber hier war ich wirklich überrascht, denn als ich angefangen hatte, mein Set zu spielen, war es noch sehr ruhig. Aber dann, nach etwa 20 Minuten, hat sich das Zelt schnell gefüllt. Normalerweise dauert es eine Weile, bis man in der Stimmung ist, Party zu machen. Aber hier sind die Leute wirklich von der einen auf die andere Minute dabei gewesen. Und ich denke, das ist schon etwas Besonderes an Utopia Island.

Wie wurdest du auf das Utopia Island Festival aufmerksam?

Sam Feldt: Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie davon gehört, da ich in Amsterdam in den Niederlanden lebe und wir haben viele eigene Festivals dort. Mein Booking Team hat alles organisiert, aber natürlich habe ich mich davor über Utopia Island informiert und mir ein paar alte Videos angesehen und dann war ich echt aufgeregt, hier zu performen!

Press & Features Sam Feldt

Sam Feldt hat allein auf Spotify über sechs Millionen monatliche Hörer. © Sam Feldt

Warst Du schon immer ein Fan von elektronischer Musik?

Sam Feldt: Ich war schon immer ein Fan von vielen Genres. Ich hab Metallica und die Foo Fighters gehört, aber auch John Mayer oder Jack Johnson, Rock, Pop, Folk – alles Mögliche. Das ist auch der Grund, warum ich versuche, so viele melodische Aspekte in meine Songs zu packen wie möglich. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen.

Wann hast du dich dazu entschieden, DJ zu werden und warum?

Sam Feldt: Ich erinnere mich noch genau an ein Festival vor langer Zeit, als ich Justice zum ersten Mal live gesehen habe. Und ich dachte mir: Wow, das ist echt cool, dass du das alles mit Computern und elektronischer Musik machen kannst. Das war der Moment, als ich mich dazu entschieden habe, DJ zu werden. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich bereits angefangen, ein wenig meine eigenen Songs zu produzieren. Vor etwa acht Jahren habe ich beschlossen, dass ich es wirklich versuchen werde und ich habe mir die ganze Ausrüstung zugelegt, versucht einen Vertrag zu bekommen und dann hat es immerhin noch fünf Jahre gedauert, bis ich einen hatte!

Wie ist es für dich, wenn du an diesen Anfang zurückdenkst und deinen Erfolg heute siehst und einen Vergleich ziehst?

Sam Feldt: Das ist wirklich unglaublich! Es gab viele Momente, in denen ich mir gesagt habe, dass ich aufgeben werde, mir einen normalen Job suchen werde. Jeder um mich rum hat angefangen, einen richtigen Beruf zu lernen, das war viel Druck. Aber ich bin wirklich froh, dass ich meinen Traum nicht aufgegeben habe, jetzt im Nachhinein ist alles gut geworden.

Hat der Erfolg etwas in deinem Leben verändert?

Sam Feldt: Alles! Davor war ich in der Schule, verbrachte meine ganze Freizeit hinter dem Computer, um Musik zu machen. Und nun verbringe ich die meiste Zeit auf der Straße, spiele Shows, ich bin kaum zu Hause und überall auf der Welt unterwegs. Das alles hat mein Leben in vielen Dingen verändert, aber die meisten davon sind gut. Wenn ich auf die Bühne gehe, denke ich mir: Das ist es wert!

Bist du noch nervös, wenn du auf Festivals auftrittst?

Sam Feldt: Es gibt ein paar Festivals, bei denen ich wirklich noch aufgeregt bin, beispielsweise das Ultra Music Festival, weil dort Millionen Menschen den Livestream ansehen und wenn du einen Fehler machst, es alle mitbekommen! Aber auf normalen Festivals habe ich das eigentlich nicht mehr.

Wie erklärst du dir den Hype um elektronische Musik in den letzten fünf bis zehn Jahren?

Sam Feldt: Wenn du heutzutage das Radio anmachst, kannst du einen Dance-Song nicht mehr wirklich von einem Pop-Song unterscheiden. Es ist irgendwie eins geworden. Im Gegensatz zu früher ist heute EDM Pop und Pop ist EDM. Leute wie Robin Schulz werden überall im Radio gespielt. Das ist, denke ich, einer der Faktoren: Es ist mittlerweile ziemlich Mainstream geworden. Davor war Dance-Musik nur etwas für den Club und Popmusik nur etwas fürs Radio, jetzt ist es vermischt.

Wie ist es für dich mit so bekannten DJs wie etwa Akon oder Inna zusammenzuarbeiten?

Sam Feldt: Das ist eine sehr große Ehre! Seit ich ein Kind bin, höre ich die beiden beispielsweise, es ist toll, nun mit ihnen arbeiten zu dürfen. Vor ein paar Jahren noch hätte ich mir das nie erträumt!

Hast du irgendwelche Vorbilder?

Sam Feldt: Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird und eine schwierige Frage! Ich habe viele Vorbilder in vielen Lebensbereichen, wie Musik, Sport, im Leben allgemein. Aber ich kann nicht sagen, dieser eine ist mein Vorbild! In der Musik inspirieren mich viele Live-Bands wie zum Beispiel die Beatles. Aber es ist schwierig, einen herauszupicken.

Und in deiner Familie?

Sam Feldt: Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater hat schon immer Gitarre gespielt, hat viele Songs geschrieben und spielt immer noch in einigen Bands, die Musik war also schon immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Meine Mutter begleitet mich auch immer auf sehr viele Festivals. Von ihnen habe ich sehr viel Inspiration bekommen, jedoch sehe ich sie nicht als Vorbilder, weil das bedeuten würde, dass ich genau so werde wie sie und in ihre Fußstapfen trete. Ich denke jedoch, dass man im Leben seinen eigenen Weg finden und gehen soll.

Bald kommt deine neue Single mit Akon und im Herbst ein neues Album raus. Auf was dürfen wir gespannt sein?

Sam Feldt: Genau, am 17. August erscheint die neue Single mit Akon. Der Song beinhaltet eine tolle Kombination von unseren beiden Styles, es war etwas komplett Neues für mich, da ich noch nie zuvor mit einem Rapper zusammen gearbeitet habe. Es ist eine Art Reggae-Hip-Hop-House-Song. Ende Oktober kommt das neue Album, in dem viel neue Sam Feldt-Musik steckt, um die 24 Songs, mit vielen neuen Experimenten, neuen Künstlern, mit denen ich zusammen gearbeitet habe. In dem Album wird man die Vielfalt zu spüren bekommen, für die Sam Feldt steht!

 

Vielen Dank für das Gespräch! 

sdr

Foto im Backstage-Bereich nach dem Interview musste sein! © Laura Schindler

Utopia lässt sich trotz Regen feiern

15.000 Besucher zur fünften Auflage am Aquapark mit Marteria, Martin Garrix und Co.

cof

Zum Auftritt der Berliner Hip-Hop-Formation „K.I.Z.“ am Freitagabend war der Bereich vor der Mainstage beim Utopia-Island-Festival voll gefüllt. © Laura Schindler 

Über 15.000 Besucher feierten von Donnerstag bis Sonntag den fünften Geburtstag von Utopia Island am Aquapark. Weltbekannte DJs wie Martin Garrix oder Marshmello und auch Deutschlands wohl derzeit beliebtester Rapper Marteria sowie die Berliner Band „K.I.Z.“ schauten vorbei und lieferten emotionale Auftritte ab. Einziges Manko des Festivalwochenendes war das regnerische Wetter, das den Campingplatz in ein Schlammbad verwandelte.

DSC_0620

Pflichtfototermin am Utopia-Schild.  © Laura Schindler 

Utopia Island wird fünf Jahre alt und alle feiern mit: Egal ob aus Hamburg, Garmisch, Stuttgart oder sogar über die Landesgrenzen hinweg – von überall reisten zahlreiche Festivalfans nach Moosburg, um feinen Elektrosound, Rap und Hip Hop zu hören sowie drei Tage in der Utopia-Blase zu schwelgen. Bereits am Donnerstagvormittag stürmten die ersten Gäste den Campingplatz – lange Wartezeiten am Ticketschalter und bei den Sicherheitskontrollen waren vorprogrammiert.

DSC_0489

Lange Wartezeiten beim Einlass zur fünften Auflage von Utopia Island. © Laura Schindler 

Als große Neuheit auf der Insel wurde das Cashless-System eingeführt, bargeldloses Bezahlen durch einen RFID-Chip, überall auf dem Festivalgelände. Damit verbunden mussten die Besucher ihren Chip bei jedem Einlass aufs Neue scannen lassen. Mehr Sicherheit auf dem Gelände und geringere Wartezeiten an Verkaufsbuden versprachen die Veranstalter, dies traf in den allermeisten Fällen auch zu.

DSC_0820

Neu auf Utopia Island: Das Cashless-System mit RFID-Chip am Festivalbändchen, das jedes Mal bei Einlasskontrollen aufs Neue gescannt werden musste. © Laura Schindler 

Am späten Donnerstagnachmittag feuerte André Dancekowski dann im Aura-Zelt – sicher vor fiesem Regen und Wind – den Startschuss für die fünfte Auflage von Utopia Island ab. Es ging weiter mit Falko Niestolik und schließlich: Sam Feldt. Den international gefeierten, niederländischen DJ haben wir nach seinem Auftritt zum Interview in der Backstage-Area getroffen. Den krönenden Abschluss am Donnerstag bildeten „Drunken Masters“ und „Netsky“.

DSC_0815.JPG

Schnappschuss mit Festivalgästen, bevor es zum Auftritt von Marteria auf die Mainstage ging.    © Laura Schindler 

 

In der Zwischenzeit, nach heftigen und andauernden Regenfällen, hatte sich der Campingplatz in eine Schlammwiese verwandelt, auf der man ohne Gummistiefel nicht mehr durchkam und verloren war. Bedauert wurde von vielen Festivalgästen, dass es kein richtiges Camping Village mit ausgelegtem Boden an der Campingplatz-Wiese selbst gab wie im vergangenen Jahr. Da das eigentliche Camping Village laut Pressesprecher Leonhard Mandl auf die gegenüberliegende Straßenseite mit befestigtem Untergrund verlegt wurde, war im Vorhinein nicht geplant, die Wege und den Eingang zum Campingplatz mit Stroh, Kies, Platten, Hackschnitzel oder Ähnlichem auszulegen.

cof

So matschig war es heuer auf dem Utopia Island Festival…    © Laura Schindler 

Hier geht der Daumen im Punkt Organisation leider runter, denn auch kurzfristig konnte keine Lösung mehr gefunden werden, die die weiten Wege durch den Matsch vom Campingplatz zum Festivalgelände oder Parkplatz erleichtert hätte. Positiver Nebeneffekt für die umliegenden Schuhgeschäfte und Baumärkte: Gummistiefel in den Größen 38 bis 46 waren in kürzester Zeit ausverkauft. Schade war zudem, dass der Campingplatz kein markantes Zentrum mit Musik und Verkaufsständen mehr hatte, die Dekoration und Liebe zum Detail der vergangenen Jahre ging hier verloren.

DSC_0622

Die trotz Regenwetter und Wind wunderschöne Festivalavenue von Utopia Island.  © Laura Schindler 

Man merkt, dass die Insel wächst: Zwar kommen jedes Jahr noch bekanntere Künstler zum Utopia-Island-Festival, dafür gibt es mit jedem Mal auch etwas von seinem besonderen Flair der ersten Jahre ab. Die Ticketpreise werden höher, die Insel wird voller, der Campingplatz gleicht teilweise einer Massenabfertigung. Durch den Umzug der Seaside-Stage ans linke Ufer wurde immerhin das Festivalgelände ein wenig erweitert, wodurch sich die Menschenmassen besser verteilten als noch im vergangenen Jahr.

DSC_0710.JPG

Die Festivalgäste ließen sich ihre Laune vom Regen nicht verderben. © Laura Schindler 

Absoluter Höhepunkt waren natürlich die Auftritte der Headliner Marteria, Martin Garrix, „K.I.Z.“ und „Marshmello“. Aber auch Tinie Tempah und Sam Feldt heizten den Festivalbesuchern ordentlich ein. Die beste Bühnenpräsenz zeigte jedoch mit Abstand der Rapper Marteria: Nach dem Motto „Das ist ein Marteria-Konzert!“ riss er sich das T-Shirt vom Leib, schmiss es in die Menge und hunderte Fans in der Masse taten es ihm gleich und sangen seine Songs. Obwohl er bereits einmal fallen gelassen wurde, ließ er sich erneut in der Menge treiben und von seinen Fans auf Händen tragen. Er war derjenige, der seinem Publikum am nächsten war und wusste, dieses mitzureißen.

DSC_0891

Deutschlands derzeit wohl beliebtester Rapper Marteria feuerte am Samstagabend auf dem Utopia-Island-Festival die mit Abstand beste Bühnenshow ab. © Laura Schindler 

Die Veranstalter sahen das ähnlich: „Highlights waren die energiegeladenen Auftritte von Marteria und Martin Garrix mit schönem und auf die Musik abgestimmtem Feuerwerk“, sagte Leonhard Mandl. „Außerdem schön waren die großen Augen von den vier Hamburgern, die ein Meet-and-Greet mit ,ATB‘ gewonnen haben. Die vier haben ein Interview durchgeführt, als wären sie die wahrsten Profis, und ,ATB‘ durchaus mit der ein oder anderen ungewöhnlichen Frage herausgefordert.“ Das Fazit der Veranstalter um Lorenz Schmid und Thomas Sellmeir fällt damit wieder positiv aus: „Vor allem, weil sich die Gäste, Künstler und Helfer nicht vom Wetter entmutigen haben lassen und für ein schönes Geburtstagsfest gesorgt haben“, erklärt Mandl.

oznor

Weltstar Martin Garrix zu Gast in Moosburg! © Laura Schindler 

In etwa einer Woche sollte man einen Teilabschnitt des Aquaparks wieder zum Baden nutzen können. Das gesamte Areal soll laut Mandl auch nach gewisser Bodenaufbereitung nach und nach freigegeben werden: „Das dauert etwas länger. Manche Bereiche wurden stärker beansprucht als andere.“

DSC_0636

Der Aquapark bietet auch bei Regen die perfekte Kulisse für das Festival.  © Laura Schindler