Zu welchen Menschen werden wir?

Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende meiner Nerven, meiner Geduld, meiner Kräfte. Wann hört dieser Spuk endlich auf? Das frägt sich momentan wohl jeder. Es gibt keine Branche, die nicht unter der Coronapandemie leidet. Selbst Verlage stellen nun auf Kurzarbeit um, die Anzeigen bleiben aus, auch wir Journalisten sind von unserem Wirtschaftssystem abhängig. Ganz Deutschland ist krank und leidet, die Gesellschaft erholt sich jedoch und kann endlich durchatmen. Doch die ersten kommen durch die gewonnene Zeit bereits auf dumme Gedanken. Ich habe das Gefühl, gerade jetzt (erst recht) trauen sich einige Netztrolle aus ihrem dunklen Loch, raus auf die Straße. Beim letzten Einkauf im Discounter wirft mir ein 50-Jähriger die wildesten Verschwörungstheorien um den Kopf. Frage ich ihn nach Quellen, verweist er auf die „richtigen“ Seiten im Internet, mehr sagt er nicht. Corona gebe es überhaupt nicht.

Gestern beleidigt mich eine 60-Jährige am Marktplatz als blöde Kuh, weil ich etwas Musik mit einem guten Freund gehört habe, wir saßen ganz friedlich mit Abstand auf einer Bank und aßen unser erstes Eis in dieser Saison. Als ich die Frau auf Ihre Beleidigung hinwies und mich versuchte zu erklären, kam sie mir sehr nahe, bis auf einen halben Meter und donnerte mir ganz klar und deutlich ins Gesicht: „Ich stech dich gleich ab!“ – daraufhin verständigte ich die Polizei, die 35 Minuten später eintraf, als die Frau längst verschwunden war. Meine Nachbarn alarmierten in den letzten Wochen mehrmals die Polizei, da die Musik in meiner Wohnung unerträglich laut sei. Meine Vermieterin drohte mir zudem mit der Kündigung. Meine andere direkte Nachbarin leidet seit Ende Januar extrem unter ihrer paranoiden Schizophrenie, schreit wie Gollum nachts in ihrer Wohnung, klaut unsere Post, spaziert halb nackt durch Eichstätt und erzählt einem die wildesten Storys vom Pferd, falls man sich darauf einlässt. Vergangene Woche waren nach über 50 Tagen des polizeibekannten Falls Amtsarzt sowie ärztlicher Bereitschaftsdienst da, um sich ein Bild zu machen. Doch weder Polizei, 112, Ordnungsamt, 19222, Psychiatrischer Krisendienst, 116117 noch das Gesundheitsamt können anscheinend etwas unternehmen, solange keine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Also heißt es: Abwarten, wie bei allem anderen.

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Quelle: Unsplash

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