„Eine utopische Welt“

Ein harter Kern aus freiwilligen Helfern macht das Utopia Island Festival zu dem, was es ist

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Dass sich Utopia Island durch sein einzigartiges Flair von anderen Festivals in Bayern und Deutschland abhebt, liegt vor allem an den freiwilligen und kreativen Helfern, die hinter dem Namen „Utopia“ stehen. Durch die ausgefallene, selbst gemachte Dekoration verleihen sie dem Festival den Stempel „Selfmade“ und machen es zu einem sympathischen Ort, an dem man verweilen möchte.
„Was machen wir mit der Seaside?“, fragt Lena in die Runde. Ein genauer Plan steht noch nicht fest. Ein paar Leute vom Team machen gerade Mittag, es gibt Schnitzelsemmeln und Spezi. Luft holen, durchatmen, ein bisschen im Schatten abkühlen. Dann geht es wieder weiter, draußen in der sonnigen Hitze. Es ist Montag. Am Donnerstag beginnt das Festival, dann muss alles stehen. Hektik, Stress? Keine Spur. Im Backstagezelt, in dem Gerüste, Kabel und Kisten noch verstreut herumliegen, herrscht eine lockere Atmosphäre.
„Tobi hatte eine gute Idee für die Seaside, wir könnten einen Steg am Wasser bauen“, sagt einer. „Du weißt aber schon, dass wir am Donnerstag aufmachen, oder?“, antwortet Lena – halb ernst gemeint, halb lächelnd. Ideen werden gesammelt und ausgetauscht, es wird diskutiert – was könnte gut aussehen? Eins ist klar: Es muss einzigartig, besonders sein. Es muss zu „Utopia“ passen.

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Am Wochenende geht das Elektrofestival in die vierte Runde. Lastwagen, Bagger und viele Helfer lassen seit vergangener Woche die Welt von Utopia Island entstehen. Schritt für Schritt verwandelt sich der Aquapark so vom normalen Badeweiher zu einer Trauminsel mit vier verschiedenen Musikbühnen, an denen am Wochenende über 10 000 Menschen feiern werden. Tanzen zum Beat von Paul Kalkbrenner, Mitsingen bei Liedern von „Deichkind“ und Lena. Oder einfach nur die Seele am Weiher baumeln lassen und eine gute Zeit mit Freunden verbringen. Bis dahin aber gibt es fürs Aufbauteam, insbesondere für das Dekoteam, noch einiges zu tun. Denn Utopia wäre nicht Utopia ohne diese gewissen Details. Die Details, die das Flair von Utopia Island ausmachen. Das Flair, das Jahr für Jahr immer mehr Musikbegeisterte an den See lockt.
Das Brainstorming geht weiter. Die Jungs vom Handwerkerteam fragen Lena, wie sie ihre Wolken aufhängen möchte. Geplant sind blau und pink besprühte Styroporwolken, zusammen mit alten Schallplatten an Girlanden. Chris, einer der Jungs, zeichnet etwas mit Bleistift auf den Biertisch: „So in etwa, überkreuzt, könntest du sie doch aufhängen“, schlägt er vor. „Ham mia eigentlich koa Papier?“, witzelt Lena von der anderen Seite. So geht es immer hin und her, wie im Ping Pong. Auf einmal kommt Vroni, auch eine Dekodame, mit lauter runden Holzplatten an. „Bitte schmeißt die nicht weg! Irgendwas will ich daraus noch machen.“ An Ideen mangelt es ja nicht.

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„Wir arbeiten uns immer von außen nach innen“, erklärt Basti, Kopf des Dekoteams. Sobald die groben Umrisse wie das große Zirkuszelt, der Campingplatz, die Bodenplatten und Bühnen stehen, können sich die Dekofeen an die Details machen. Das Motto „Viele Hände, schnelles Ende“ gehört für Chris dabei dazu: „Der Arbeitstag für uns hat eigentlich 24 Stunden.“ Vor allem kurz vor Festivalbeginn legen viele Helfer die ein oder andere Nachtschicht ein.
Kurzes Kopfschütteln, und trotzdem lockeres Lachen dann, als Lena erfährt, dass ihre DJ-Schilder abgesägt wurden. Auf Holzbrettern hatte sie im Vorhinein aufwendig die Namen der Künstler mit deren Auftrittszeiten aufgemalt, welche dann vor den einzelnen Bühnen platziert werden. Nun hat einer „aus Versehen“ die Uhrzeiten abmontiert. Lena lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Sowas passiert doch jedes Mal – dann müssen wir eben improvisieren“, scherzt sie.
Hinter dem Namen „Utopia Island“ steht ein harter Kern von rund 30 freiwilligen Helfern. Die meisten kommen aus dem Raum Freising und gehen eigentlich einem anderen Beruf nach. Extra für die Vorbereitungen zum Festival nehmen sie sich ein oder zwei Wochen Urlaub. Um die Deko kümmern sich etwa zehn Leute. Übers Jahr verteilt macht jeder immer „ein bisschen was“, man sammelt Ideen, probiert etwas Neues aus. Etwa zehn Tage vorm Festival geht es in die heiße Phase, da packt dann jeder mit an. „Bei der Gestaltung wird uns freie Hand gelassen. Wenn wir uns etwas ausdenken, muss nur überprüft werden, ob Budget und Sicherheit passen“, erzählt Lena. Wichtig ist dabei immer, dass die Idee kreativ und ausgefallen ist. Denn genau das macht das besondere Flair von Utopia aus. „Wir bauen nicht einfach nur LED-Wände auf, wie es bei anderen Festivals üblich ist“, so Lena. „Bei uns werden die Sachen mit Liebe selbst gemacht, da steckt Herz drin!“ Sinnbildlich für das Flair und die Liebe zum Detail stehen so die meist aus Holz selbst gebauten Mülleimer, Schilder, Liegen – oder ganz neu: die Riesenschaukel. „Es ist schön, so etwas auf die Füße zu stellen und zu sehen, wie die Utopiawelt von Tag zu Tag langsam entsteht. Ich glaube, das ist der Grund, warum die Helfer hier so begeistert sind und freiwillig so viel leisten“, sagt Lena.

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„Schon beim Einchecken auf der Insel werden die Gäste auf Utopia Island mit der liebevollen und familiär gestalteten Dekoration willkommen geheißen, was sofort für eine friedvolle und harmonische Stimmung auf dem Festival sorgt und die Besucher für drei Tage in eine ,Glocke der Unbeschwertheit‘ tauchen lässt“, sagen die Veranstalter Lorenz Schmid und Tom Sellmeir. Genau das sei auch der Grund, warum es während des Festivals noch nie zu größeren Problemen gekommen sei, meint Sellmeir. „Es wurde nie etwas geklaut oder beschädigt, das hat uns wirklich erstaunt. Die Gäste respektieren sich gegenseitig und gehen friedlich miteinander um.“ Bei Bereichen wie der beliebten Sitzecke mit einem Holzklavier, auf dem eine Gitarre festgeschraubt ist, habe man beispielsweise erwartet, dass solche Gegenstände sofort weg seien. „Die Gitarre lag am Ende des Festivals aber immer noch genau so da wie am Anfang“, erzählt Sellmeir.

Nun geht es wieder raus und ran an die Arbeit. Lena beginnt ihre Styroporwolken mit Farbe zu besprühen, Vroni und Amelie suchen die Wegweis-Schilder zusammen. Dann geht es ab zum Montieren. Durch das Gelände führt ein kurviger Kiesweg mit großen, hohen Holzpfosten und pinken Utopia-Wimpeln an Seilen befestigt. Links und rechts befinden sich die Musikbühnen: ganz vorne links direkt am See die Seaside-Stage, in der Mitte das große Aura-Zirkuszelt, rechts hinten die Mainstage-Bühne und der Terra-Dome. Diese werden mit den vier Elementzeichen Wasser (Tropfen), Luft (Wolke), Feuer (Flamme) und Erde (Berge) ausgeschildert.

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Immer wieder kommen auch Schaulustige trotz Absperrung durchs Wasser ans Festivalgelände und wollen sehen, was denn da gewerkelt wird. Beliebt ist dabei freilich die große neue Holzschaukel – und die wird gleich mal ausprobiert. Trotzdem müssen die Helfer die Badegäste immer aufs Neue vom Platz scheuchen. Schließlich sollen die neuen „Utopia-Accessoires“ ja eine Überraschung für den Festivalstart sein.


Beim Festival selbst haben die Helfer auch keine Ruhe und sind ständig auf Achse: „Kaputtes muss repariert werden, irgendwo wird man immer gebraucht“, sagt Lena. Als Helfer erlebt man das Festival eben auf eine ganz andere Art und Weise. „Im Backstagebereich herrscht immer eine gute, lockere Stimmung zwischen Helfern und Künstlern“, sagt die 25-Jährige. „Wir haben zum Beispiel jedes Mal Tischtennisplatten aufgestellt, das finden die meisten total klasse.“ Vom Backstagebereich haben auch die Mädels aus der Küche, die das Essen für Helferteam und Künstler zubereiten, einige Anekdoten auf Lager: „Der KWABS letztes Jahr war total der Süße, nett und unkompliziert“ oder „Vor zwei Jahren ist Eva Padberg in die Küche gekommen, obwohl an der Tür ganz klar steht ,Zutritt verboten‘. Kathrin hat dann sofort laut ,RAUS‘ geschrien, ohne zu wissen, wer das eben war.“

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Seinen Ursprung findet Utopia Island im Vorgänger-Festival „Havana Nights“, das bis 2011 jährlich am Sportplatz in Haag stattfand. Schon damals war es unter dem Motto „Feel the Difference“ das beliebteste Festival im Landkreis und erreichte von Jahr zu Jahr größeren Zuspruch. So konnte man zu dieser Zeit bereits mit DJ-Headlinern wie Tom Craft, Fritz Kalkbrenner oder Coco Fay aufwarten. Irgendwann hatte man in Haag dann jedoch ein Platzproblem, das Festival wuchs, die Kapazitäten der Gemeinde Haag waren allerdings ausgereizt. Zudem konnte man das Festival in der Größenordnung nicht mehr als Verein durch den VfR Haag ausführen. Aus diesen Umständen heraus wurde schließlich die Klangfeld GmbH gegründet und Havana Nights 2011 ein letztes Mal in Haag abgehalten.
Lang wurde nach einer neuen Festival-Location gesucht, bis man mit dem Aquapark in Moosburg als idealem Austragungsort fündig wurde. 2013 wagte das alte Orgateam von Havana Nights (jetzt Klangfeld) dann den Neuanfang mit der Erstauflage von Utopia Island. „Wir fanden, dass der alte Name ,Havana Nights‘ austauschbar ist, und haben lange nach einem neuen gegrübelt“, erzählt Tom Sellmeir. „Irgendwann ist dann die Idee der utopischen Insel von der Geschichte nach Thomas Morus ins Rollen gekommen.“ In dieser strandet ein Seemann auf einer Insel, auf der es keinen Streit, keine Gewalt und keinen Krieg – also totalen Frieden – gibt. Als der Seemann zurückkehrt und von der Insel erzählt, halten ihn die Leute für verrückt und erklären solch eine Insel für „utopisch“.
Auf dem Festival „Utopia Island“ soll diese Utopie zur Realität werden, die Veranstalter sind dem Motto „We Are One“ treu geblieben. Friedlich und harmonisch soll es auch dieses Jahr zugehen, wenn wieder Gäste aus Frankreich, Italien, Holland, Irland, England, Österreich, Ungarn und natürlich Deutschland an den See reisen und eintauchen in die utopische Welt voller Glück, Tanz und Musik.

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Über laurajuhu

23-jährige Journalistik-Studentin, die gerne über inspirierende, zukunftsorientierte Menschen und Themen bloggt und schreibt. Ab und zu auf zeitjung.de und idowa.de/freistunde zu lesen. Zuhause in der Nähe von München.

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