Die Seele verstehen

Kinder- und Jugendpsychiaterin Petra Stemplinger klärt auf und greift Tabuthema an

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Sabine Hauptmann (l.) und Petra Stemplinger vom Kinderkrankenhaus Landshut gestalteten den Vortrag zum Thema „Seele“.

 

Großes Interesse herrschte sowohl unter Fachleuten als auch bei Eltern beim Vortrag „Was ist die Seele und wie bleibt sie gesund“ am Montagabend im Landratsamt. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Petra Stemplinger gab dabei Gelegenheit, den Begriff „Seele“ zu begreifen und erklärte, wie man Kinder schon früh für das Tabuthema sensibilisieren kann.

„Viele Kinder sind heutzutage großen Belastungen wie Schulstress, Trennung der Eltern oder Mobbing ausgesetzt“, sagte Landrat Josef Hauner in seiner Ansprache. Oft helfe es dabei schon, sich zu fragen, ob das Kind auf die richtige Schule geht, um eine Hauptbelastung zu nehmen. „Die Anzahl der Menschen mit psychischen Störungen geht nach oben. Dem Landkreis Freising ist es daher ein großes Anliegen, hier alles zu tun, um möglichst präventiv und frühzeitig tätig zu sein“, erklärte Hauner.

Petra Stemplinger ist Kinder- und Jugendpsychiaterin, Psychotherapeutin sowie ärztliche Leitung des Medizinischen Versorgungszentrums am Kinderkrankenhaus in Landshut. Zusammen mit der Diplomgestalterin und Kunsttherapeutin Sabine Hauptmann stellte sie den Zuhörern das von ihr entwickelte „ich.live-Modell“ anhand von Grafiken und einer Flip-Chart vor. Stemplinger ging zuerst auf den Begriff „Seele“ ein: Früher habe sich die Religion mit Fragen über die Seele beschäftigt, heute nehme eher die Wissenschaft diese Position ein. Stemplinger hatten sowohl Religion als auch die Wissenschaft in der Schule fasziniert, nun will sie als Psychotherapeutin beides zusammenführen. Dabei fand die erfahrene Psychiaterin erst über Umwege zu ihrem eigentlichen Beruf: Nach einem sozialen Jahr im Waldorfkindergarten folgte eine pädagogische Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und ein Philosophiestudium, bevor sie Medizin studierte und noch die Psychotherapeutenausbildung absolvierte.

„Alle Eindrücke, die wir erfahren, prasseln ungefiltert auf unseren Körper ein, und wir bringen sie automatisch verbal zum Ausdruck“, erklärte die Ärztin. Unbewusste Körpersymptome wie etwa Kopf-, Bauch- oder Gelenkschmerzen spiegeln so das Befinden der Seele wider. „Denken ist kein Automatismus, der Mensch kann es selber führen“, so Stemplinger. Aus Gedanken werden so Gewohnheiten, und daraus bildet sich der Charakter.
Bewusst habe sie sich mit ihrer Praxis im Kinderkrankenhaus angesiedelt, sagte Stemplinger. Denn, wenn die Ärzte bei Kindern mit Bauch- oder Knieschmerzen nach gründlichem Abchecken nichts finden, kämen sie zu ihr. „Die Patienten rennen meist von Arzt zu Arzt und ihnen wird gesagt, dass sie nichts haben. Dabei wurzelt die Ursache in der Seele.“ Wenn den Kindern dann gesagt wird „Du musst jetzt mal zum Psychiater“ sind die meisten beschämt und halten sich bedeckt. Mit ihrem ich.live-Modell möchte Stemplinger die Kinder für die psychotherapeutische Arbeit gewinnen, ihnen auf einfache Weise erklären, was die Seele ist und so einen Zugang zu ihnen finden.

In ihrem Modell zeichnet sie zuerst einen Menschen und teilt diesen in drei Komponenten ein: Denken, Fühlen und Wollen. „Das Fühlen spielt sich am ganzen Körper ab: im Bauch, Herz, durch die Atmung. Fühlen ist ohne Körper gar nicht zu denken“, so die Psychiaterin. „Der Kopf kann viel denken, aber ohne Wollen kann er nicht handeln.“ Petra Stemplinger erklärte, dass es befreiend wirke, wenn man von jemandem einen „Ausdruck“ für ein bestimmtes Gefühl bekomme, sodass man es „begreifen“ kann und sich verstanden und nicht alleine fühlt.

Den Begriff der Psychosomatik untermalte sie mit folgendem Beispiel: „Wir haben ein Problem, wenn wir plötzlich wieder darüber nachdenken, wie etwas funktioniert, das uns längst in Fleisch und Blut übergegangen ist.“ Damit spielte sie auf automatisierte Vorgänge wie Gehen, Sprechen oder Schwimmen an. „Wer ist der Chef in unserer Seele?“, fragte Stemplinger dann und zeichnete über dem Menschen die Worte Ego, Ich und Emo. Eine gesunde Balance der drei sei ein guter Kompass für das richtige Selbstbewusstsein. „Zu viel von einem ist nie gut.“

Schließlich erklärte Stemplinger die Bedeutung des Vertrauenskreises, der durch die Eltern, Geschwister und engsten Freunde gebildet wird. „Geschieht hier ein Vertrauensbruch, hat das Auswirkungen auf die Seele. Besonders gravierend ist ein Bruch bei den Eltern“, so Stemplinger. Den Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“ könne man im Seelischen umdrehen, Vertrauen sei die Basis für Bindungsqualität und eine gesunde Seele.

Zum Schluss ging die Psychotherapeutin auf die Frage „Was hält die Seele gesund?“ ein. Hier stemmen wieder drei Komponenten das Gefühl von Stimmigkeit: Verstehen, was mit einem passiert (Denken); Dem Geschehen Bedeutung zumessen (Fühlen) und es handhaben (Wollen). Stemplinger plädierte am Ende ihres Vortrages, dass Schule nicht nur ein Ort des Wissens, sondern auch der Erlebnispädagogik sein sollte. Richtige Konfliktlösung und auch eine frühe Sensibilsierung für das Thema psychische Gesundheit sollten dabei Bestandteil sein, um raus aus der Tabu-Ecke zu kommen. Im Anschluss war noch Zeit für Fragen, Austausch und Diskussion, die die Zuhörer auch rege nutzten. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts machten den Vortrag durch eine gelungene Organisation mit Saftcocktails und Früchten sowie einer Verlosung zu einem runden Abend, bei dem sehr aufs „Wohlbefinden“ geachtet wurde.

Über laurajuhu

23-jährige Journalistik-Studentin, die gerne über inspirierende, zukunftsorientierte Menschen und Themen bloggt und schreibt. Ab und zu auf zeitjung.de zu lesen. Zuhause in der Nähe von München.

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