Eine Sprache, die jeder versteht

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Ohne die Asylbewerber würde es die „Alte Herren“-Mannschaft nicht geben

Jeden Dienstagabend um 19 Uhr findet am Fußballplatz des FC Wang eine kleine Weltmeisterschaft statt: Dort kicken Syrer, Nigerianer, Afghanen, Libyer und Deutsche zusammen. Was sie verbindet ist der Fußball – die Sprache versteht jeder.


„Ahmed! You are teamleader today, okay?“, weist der „Coach“ Horst Schlecht den Afghanen ein. Teams werden gebildet und Trikots verteilt, nach kurzem Warmlaufen rollt der Ball. Es ist Freizeitkicken, Spaß haben und sich vom Alltag ablenken, was hier läuft. Beim Training der „Alten Herren“ in Wang spielen Syrer, Nigerianer und Deutsche auf einem Platz, die Verständigung klappt reibungslos.


Am heutigen Dienstag sind nur zwölf Spieler gekommen, viele Väter mussten zum Elternabend in den Kindergarten. „Normalerweise sind wir 16 bis 24 Leute, eine recht gemischte und lustige Truppe. Den Großteil dabei bilden aber meistens die Asylbewerber – ohne sie könnte die Mannschaft nicht existieren“, erzählt Harald Schlecht, Vorsitzender des FC Wang, der die Idee im April ins Leben gerufen hat.


Als man beschloss, wieder eine AH-Mannschaft für Väter, die sich im Jahr 2000 aufgelöst hatte, aufzubauen, war klar, dass sich dafür zu wenig Spielbegeisterte im Dorf befinden, um genügend Leute zusammen zu bekommen. Deshalb kontaktierte man die Gemeinde und bot an, dass, falls Interesse besteht, Flüchtlinge aus den Unterkünften in der Nähe sich jederzeit dem Training anschließen können. Initiator Schlecht erwartete sich zunächst nicht viel davon, doch der Aufruf zeigte seine Wirkung. Die Asylbewerber füllten die Mannschaft und verliehen ihr zugleich einen lebendigen Esprit, der zuvor verloren gegangen war. „Ohne sie wären die Mannschaft und das Training eingeschlafen.“ Die meisten unter ihnen sind zwischen 19 und 25 Jahre alt und kommen aus den Unterkünften Isareck oder Normstahl.


Um den Flüchtlingen das Fußballspielen zu ermöglichen, organisierten die Schlechts, Sohn und Vater, zunächst Fußballschuhe durch Spenden von Bekannten. Diese werden nun vom Verein fürs Training zur Verfügung gestellt. Zudem wurden Trikots und ein Fußball angeschafft, da es beim FC Wang nur die Jugendabteilung gibt und keine weitere Austattung mehr vorhanden war. Auch zwei siebenjährige Kinder von Asylbewerbern trainieren in der F-Jugend des FC Wang mit.


„Okay. Concentration!“ – Das Spiel nimmt seinen Lauf, gespielt wird sechs gegen sechs, alle fünf Minuten fällt ein Tor. Auf dem Platz werden bis zu sechs Sprachen gesprochen. Deutsche Ausdrücke wie „Super, Super!“ oder „Dankeschön!“ nach einem gelungenen Zusammenspiel werden dabei immer wieder von den Afrikanern oder Syrern aufgeschnappt und lautstark wiederholt, was dem internationalen Training seinen Charme verleiht.


Der 23-jährige Ahmed Al-Nabulsi, der 2013 aus Syrien angekommen war, ist begeistert von dem Training: „Alle Leute sind nett hier, das Spielen macht richtig Spaß.“ Auch die Erfahrungen des Vorsitzenden mit der Mannschaft sind sehr positiv: „Das Training hat von Anfang gut funktioniert, es hat nie Schwierigkeiten gegeben.“ Mit der Wiederbelebung der „AH“ habe es außerdem viele Mitgliedsanträge durch die Väter gegeben, was gut für den Verein war. Für die Asylbewerber macht eine Mitgliedschaft durch die unsichere Bleibe und den ständigen Wechsel jedoch keinen Sinn. Sie sind durch die allgemeine Versicherung für Flüchtlinge des DFB mit abgesichert.


Die Regeln des Fußballs sind allen bekannt. Anfangs musste man sich noch mit „Händen und Füßen“ verständigen, viele Asylbewerber würden jedoch schnell Deutsch lernen, einige sprechen auch gutes Englisch, so Schlecht. Dass die ausländischen Kicker eine andere Mentalität in sich haben, merke man jedoch auch: So gehen die meisten nicht außer Haus, wenn es regnet und kommen nicht zum Training. Auch im Monat des Ramadans im Juni/Juli kamen viele an ihre Grenzen, da sie beispielsweise während des Sommertuniers bei bis zu 30 Grad nichts trinken durften. Vor allem bei den Afrikanern merke man, dass sie untereinander härter in die Zweikämpfe gehen, berichtet der 34-Jährige.


Mittlerweile hat sich aus der Mannschaft schon mehr als Fußball entwickelt. Durch das Training haben sich Freundschaften gebildet. Dank beidseitigem Beiwohnen von Veranstaltungen wie der Sonnwendfeier des FC Wang, bei dem die Flüchtlinge halfen, die Zelte aufzubauen, oder dem Integrationsfest beim Normstahl, entstand ein reger Kulturaustausch. Auch zur diesjährigen Weihnachtsfeier des Vereins wird die „Freizeit-AH“ eingeladen. Die einzige Sorge bereitet dem Vorsitzenden der Winter. Da man ohne Geldmittel keine Halle für das Training mieten kann, muss die AH-Mannschaft in den kalten Monaten pausieren. Schlecht hofft, dass das Training nach der Winterpause dennoch nahtlos weitergeht und man dort anknüpfen kann, wo man aufgehört hat.

Über laurajuhu

23-jährige Journalistik-Studentin, die gerne über inspirierende, zukunftsorientierte Menschen und Themen bloggt und schreibt. Ab und zu auf zeitjung.de und idowa.de/freistunde zu lesen. Zuhause in der Nähe von München.

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